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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die vermisste Gesellschaft, Folge 2 – Deutschland ist ein soziales Entwicklungsland

Im April vor 25 Jahren veröffentlichte unser Kolumnist in der „Zeit“ einen Bericht, wenige Tage später im WDR-Fernsehen eine TV-Dokumentation über die Situation der Angehörigen von Vermissten. Erstmals wurde damals das Thema ernsthaft in den Medien behandelt und festgestellt, dass die Angehörigen von Vermissten Unterstützung benötigen. Seitdem unterhält der Autor auch ein kostenloses Beratungstelefon für Angehörige von Vermissten. In einer Serie im Rahmen dieser Kolumne begründet Jamin, warum sich für die Betroffenen seit Jahrzehnten die Situation nicht verändert hat.

Die Politik in Bund und Ländern, in Städten und Gemeinden verweigert sich den Problemen der Angehörigen von Vermissten. Sie lassen sie allein mit dem Gefühl, in einem sozialen Entwicklungsland zu leben. Für Sozialpolitiker ist die Unterstützung der Angehörigen kein Thema, weil man sich nicht mit noch einer weiteren Aufgabe befassen will. Das kostet Geld und Arbeitszeit, und so schweigt man im Bundestag ebenso wie in den 16 Länder- und Tausenden von Kommunalparlamenten.

Warum sollte man sich auch bewegen, wenn es keinen öffentlichen Druck und keine Lobbyisten gibt?!

Politiker und Verwaltungsbeamte verweisen in seltener Geschlossenheit daraufhin, dass die Polizei allein für alle – auch die sozialen – Fragen zuständig sei. Doch die Polizei ist mangels Personal und aufgrund fehlender Qualifikation nicht in der Lage, sich um die Belange der Angehörigen zu kümmern. Man bemüht sich, stößt aber angesichts der großen Zahl Betroffener schnell an Grenzen.

Sozialarbeit - die Polizei ist nicht zuständig

Die Polizei selbst macht aus dem Vermisst-Thema keine große Sache. Eigentlich ist ihr diese Arbeit auch fremd. Die Unterstützung der Angehörigen nach Vermissten durch die Polizei hat nur am Rande mit Kriminalitätsbekämpfung zu tun und auch kaum mit dem Opferschutz im Zusammenhang mit Gewalttaten, den die Polizei seit Jahren intensiviert hat. Nur bei Gewaltverbrechen, denen jährlich etwa ein Prozent aller Verschwundenen zum Opfer fallen, sowie bei der Aufklärung nicht identifizierbarer Leichen ohne Namen sind Kriminalbeamte gefragt. Und Aufgabe der Polizei ist es selbstverständlich auch nach verschwundenen Kindern oder an Demenz Erkrankten zu suchen. Sozialarbeit fällt nicht in ihren Zuständigkeitsbereich.

Kommunale Hilfe vor Ort? Fehlanzeige!

Bei den kommunalen Behörden herrscht Verunsicherung, weil sie sich mit einer Betreuung von Angehörigen von Vermissten auf unbekanntes Terrain begeben würden. Natürlich ist auch eine Ignoranz gegenüber Neuerungen weit verbreitet. Sich auf ein neues Gebiet zu wagen, erfordert schließlich besonderes Engagement, für das man weder Zeit noch finanzielle Mittel hat. Vor allem gibt es für sie Gott sei Dank keinen gesetzlich vorgeschriebenen Handlungsbedarf, weil diese Aufgabe aus unerfindlichen Gründen der Polizei zugeordnet ist. Die Stadtverwaltung Düsseldorf beispielsweise verweist auf ihren Internetseiten unter den Stichworten "Vermisste" und "Überregionale Hilfe" sogar gleich mit Link an das Bundeskriminalamt in Wiesbaden – von Hilfe vor Ort ist erst gar nicht die Rede.

Vermisst-Beratung kostet außerdem Geld, vor allem für das Personal, das die Unterstützung leisten muss. Für jeden Fall ist ein Zeitfenster von mindestens zwei bis drei Stunden für eine professionelle Beratung zu veranschlagen. Sich auf Hilfsmaßnahmen für die Angehörigen von Vermissten einzulassen, ist für den Staat wie für eventuell interessierte karitative Organisationen also recht teuer. Als im Jahre 2004 ein Tsunami in Südostasien rund 3.000 deutsche Urlauber zu Vermissten machte, reagierten die Behörden in Bund, Ländern und Kommunen mit vielen Aktivitäten – und erkannten dabei, wie teuer gute Unterstützung für die Angehörigen von Vermissten wirklich ist.

Auch die Psychologie bietet keine Hilfestellung

Die Wissenschaften – vorrangig die Psychologie – lassen die Agehörigen ebenfalls allein. Sie können nur einen leeren Bücherschrank vorweisen. Ohne Grundlagenforschung doktern Therapeuten an den Problemen der Angehörigen herum. Nicht selten lautet ihr Ratschlag: Denken Sie einfach, die vermisste Person wäre tot und schließen sie mit deren Existenz ab. Aber die Angehörigen von Vermissten spielen da nicht mit.

Die Wissenschaft hat keine Antwort auf die vorrangigste Frage, wie Angehörige mit der Ungewissheit leben sollen, also damit, nicht zu wissen, was den Vermissten wohl passiert sein könnte. Die Betroffenen bleiben mit einer verschreckenden Bilderwelt aus Mord, Selbsttötung, Totschlag, Unfall oder Entführung und einer schmerzhaften Gefühlswelt aus Ohnmacht, Verzweiflung, Ausweg- und Hoffnungslosigkeit allein.

Fazit: Das Vermisstsein wird – bis auf Einzelfälle – verwaltet und in Statistiken abgearbeitet. Das war’s.

Ab nächsten Freitag lesen Sie an dieser Stelle über „Die vermisste Gesellschaft“ in Folge 3: Spiegelbild gesellschaftlichen Versagens

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                      Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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