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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Erkenntnisse auf der Architektur-Biennale – Mehr Selbstverantwortung für Flüchtlinge

Hunderttausende von Flüchtlingen leben in Deutschland – und sollen integriert werden. Unser Kolumnist besuchte die letzte Architektur-Biennale in Venedig und kam mit der Erkenntnis zurück, dass die Kraft der Veränderung und Integration zu einem Großteil von den Flüchtlingen selbst kommen muss. Förderung statt Bevormundung, lautet die Devise.

Auf der vergangenen Architektur-Biennale in Venedig besuchte ich den deutschen Pavillon, in dem sich das Deutsche Architekturmuseum mit der Situation der Flüchtlinge und Asylanten befasste. Thema: „Making Heimat. Germany, Arrival Country“.

Ein richtig gewähltes Thema, denn – so Bundesbauministerin Dr. Barbara Hendricks,„Deutschland steht vor einer seiner größten Herausforderungen seit der Wiedervereinigung“. Viele der Hunderttausenden Flüchtlinge werden für eine lange Zeit oder für immer im Land bleiben.

Im Spannungsfeld zwischen Erwartung und Enttäuschung

Das birgt große Erwartungen der Flüchtlinge – und große Enttäuschungen der Gastgeber. Der kanadische, preisgekrönte Journalist Doug Saunders, Autor des Buches „Arrival City“, beschreibt im Katalog zur deutschen Biennale-Ausstellung treffend: „Die Ankunftsstädte („Arrival Cities“), jene von Migranten geschaffenen Stadtbezirke, bergen Risiken und Chancen.

Denn entweder bildet sich dort eine neue Klasse von Kreativen und Geschäftsleuten heraus oder es kommt zum Ausbruch einer neuen Welle von Spannungen und Konflikten. Das jedoch hängt in hohem Maße von der organisatorischen und politische Herangehensweise ab, vor allem aber von den physischen Strukturen und gebauten Formen.“

Eine solche problematische Situation finden wir beispielsweise in Düsseldorf im sogenannten Maghreb-Viertel oder Klein-Marokko hinter dem Hauptbahnhof: Hier ist eine Mischung aus deutschem Arbeiterviertel und einer florierenden orientalischen Basarstruktur von kriminellen Elementen unterwandert – eine Situation, mit der die deutschen Ureinwohner und die ausländischen Neubürger überfordert sind und nach der Polizei rufen.

Saunders Resümee über Fehlentwicklungen: „Erst wenn die Migranten selbst die Befugnis, das Wissen um den Einfluss besitzen, um ihre Institutionen, ihre Lebensumstände und ihren psychischen Raum zu gestalten, wird es möglich sein, sich von der alten Phrase zu verabschieden, man müsste ‚die Immigranten integrieren’. Wenn wir ihnen die Herrschaft über ihren Raum und ihr politisches Leben überlassen, werden sie sich selbst integrieren und werden neue Räume und Gemeinschaften schaffen, die auch uns nachhaltig verändert werden.“

Doch wie kann das in der Praxis aussehen?

  • Den Immigranten muss verstärkt die Möglichkeit geboten werden, eigenen Wohnraum zu erwerben.
  • Zugang zur schulischen Bildung verhindert, dass junge Flüchtlinge zu sozialen Außenseitern werden.
  • Moderne Ansichten unter Jugendlichen sind zu fördern.
  • Öffentliche Stadtteil-Bibliotheken müssen Angebote für Flüchtlinge machen – Wlan und Bücher fördern die Integration.
  • Auch Moscheen sind nicht nur Treffpunkte für Gläubige, sondern auch Begegnungsstätten für soziale Kontakte aller Art.
  • Einbürgerungsfeiern wie sie in Hamburg vom Ersten Bürgermeister organisiert werden, erfreuen sich großer Beliebtheit.
  • Möglichst vielen muss die Möglichkeit geboten werden einen Beruf zu ergreifen – auch mehrere Minijobs pro Person sind eine Alternative. Die deutsche Sprache lernt man wie nebenbei, wenn man eine Arbeit hat und sich auf Kollegen und Job einstellen muss.

Für Friedrich Heckmann, Leiter des Europäischen Forums für Migrationsstudien in Bamberg, sind aber auch unternehmerische Aktivitäten der Migranten von großer Bedeutung.

In den Einwanderungsvierteln – das Düsseldorfer Maghreb-Viertel ist für mich ein gutes Beispiel – fänden Migranten günstige Bedingungen, vor allem dann, wenn sie auf die Bedürfnisse der Migranten selbst gerichtet sind: „Diese Art von ethnischer Ökonomie besteht unter anderem aus Lebensmittelgeschäften, Bäckereien, Import-Export-Geschäften, Übersetzungsbüros und vertragsfreien Autoreparaturwerkstätten. (...) Ethnisches Unternehmertum schafft nicht nur Arbeitsplätze für sich selbst, sondern auch für andere Migranten.“

Die Experten auf der Architektur-Biennale wussten aber auch: Integration von Flüchtlingen ist nicht in wenigen Jahren zu schaffen, sondern ein Prozess, der nicht selten über zwei oder drei Generationen verläuft.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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