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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Es lebe der Fußball – die "guten" alten Zeiten sind vorbei

Wenn man beim Public Viewing gemeinsam die WM verfolgt, vergessen die Zuschauer alle negativen politischen oder gesellschaftlichen Entwicklungen. Unser Kolumnist erinnert daran.

Am Eröffnungsabend der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien saß ich im Hof des Kulturtreffs "Cafe Nerly" in Erfurt. Ich bin mit meinem Fußballbuch "Besser Eigentor als gar kein Tor" auf Lesetournee im Osten – Luckenwalde, Gotha, Berlin...

Da will man natürlich so einen Ball-Abend nicht verpassen. Es war eine gute Atmosphäre. Etwa 100 Leute - Italiener Deutsche, Russen, Spanier, Kroaten, Japaner, Brasilianer – saßen an Tischen und auf dem Boden, weil der Platz nicht reichte im Innenhof des Cafés – und bibberten. Nicht wegen der Spannung des Spiels zwischen Brasilien und Kroatien, sondern weil es so kalt geworden war. Nach Tagestemperaturen um die 30 Grad waren wir alle recht luftig angezogen. Dünne Kleidchen, kurze Hosen, leichte Hemden.

Im Fußballrausch vergisst man ja schon mal schnell das Wesentliche. Die passende Kleidung zum Beispiel für nächtliche Temperaturen um 10 bis 15 Grad. Oder die politische und gesellschaftliche Situation einer WM in Katar. Oder die sozialen Missstände im WM-Land Brasilien. Wenn der Ball die Seiten wechselt, bleiben die Proteste außen vor.

Einblicke in die deutsche Fußballgeschichte

Doch in der Spielpause ergab es sich, dass ich ein Stück deutscher Fußballgeschichte zum Besten geben konnte. Man fragt ja einen Fremden gern nach dem woher und wohin. Und so erzählte ich von meiner Fußballbuch-Lesung und gab auch einen kurzen Einblick in ein Detail deutscher Fußballgeschichte.

Ich erzählte über die Zeit um das "Wunder von Bern". 1954. Deutschland Weltmeister. In der Fußballwelt gibt es viele Fehlentscheidungen. Die meisten werden den Schiedsrichtern angelastet, eine der größten traf allerdings der Deutsche Fußball-Bund: „Im Kampf um den Ball verschwindet Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden."

So lautete die offizielle Begründung des DFB zum Verbot von Frauenfußball im Jahre 1955. Damit versuchte die damals vor Kraft strotzende Männerwelt das sogenannte schwache Geschlecht vom Spielfeld fernzuhalten – und der Witz erfand dazu sogar eine charmante Begründung:

Warum spielen nicht mehr Frauen Fußball?
Sie hassen es, wenn elf Frauen gleichzeitig die gleiche Kleidung tragen.

Ein echtes Foulspiel war der Hinweis des Psychologen F.J.J. Buytendijk in einer Studie: „Im Fußballspiel zeigt sich in spielender Form der Wert der männlichen Welt. Es ist noch nie gelungen, Frauen Fußball spielen zu lassen. Das Treten ist wohl spezifisch männlich. Ob darum getreten werden weiblich ist, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich."

Dem Wunder von Bern folgten peinliche Fehlpässe

So kurz nach dem „Wunder von Bern" stolperten die Männer von einem Fehlpass zum anderen. Der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Dr. Peco Bauwens, hielt Damenfußball in Deutschland für völlig indiskutabel: „Wir werden uns mit dieser Angelegenheit nie ernsthaft beschäftigen. Das ist keine Sache für den DFB." 

Erst 1970 wurde das Fußballverbot für Frauen aufgehoben. 1986 entschloss sich der Deutsche Fußballbund zur Gründung eine Frauenfußball-Bundesliga. Auch eine Form der Emanzipation.

Eigentlich waren die guten alten Zeiten gar nicht so gut. Wir vergessen nur gerne das Negative und erinnern uns an schöne Tage. An den WM-Eröffnungstag in Brasilien zum Beispiel und das erste Tor dieser WM, das gleichzeitig ein Eigentor war. Pech für Marcelo – doch wenn man es sportlich betrachtet, hatten die Kroaten dieses Tor wirklich verdient...

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                     Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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