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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

FDP-Oberlehrer Lindner – Freiheit für das Kleingeld

„Die FDP ist die Partei der Freiheit“, proklamierte der Düsseldorfer Landtagspolitiker Christian Lindner in dieser Woche in einer Talkshow – und meinte damit die Freiheit der Autokäufer beim Bargeld-Ausgeben. Will die FDP erneut Autofahrer-Partei werden?

Die FDP, die Partei, die einst mit Punkten hinter den Buchstaben punkten wollte, hat also wieder einmal das heiße Thema „Freiheit“ für sich entdeckt.

Schon einmal, etwa 2007, ging es der FDP um die Freiheit, nämlich die der Autofahrer. Damals hieß es bei den Liberalen: Die Einführung eines von der SPD proklamierten Tempolimits sei ein Angriff auf die Freiheit der Menschen in Deutschland.

Diesmal geht es der FDP um die Freiheit des Geldes, was ja gut zum Image der Partei passt, schmeichelt man sich doch gerne bei den Vermögenden der Republik ein. Freiheitskämpfer ist diesmal der FDP-Bundesvorsitzende und FDP-Fraktionsführer im Düsseldorfer Landtag, MdL Christian Lindner.

Im ARD-Talk „Anne Will“ verteidigte er das Kleingeld gegen die Überlegungen der Bundesregierung und der EU, den Bargeldeinkauf auf 5000 Euro zu beschränken.

Der Oberlehrer der FDP lamentierte, Bargeld sei „geprägte Freiheit, die wir uns nicht nehmen lassen dürfen“. Dass er damit den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski zitierte, verschwieg er ebenso wie den Hinweis, dass der russische Autor damit lediglich den Übergang von der Münz- zum Schein-Geld kommentiert hatte.

Bei seinem Kohle-Krieg gegen die Regierung bekam Lindner Schützenhilfe von einer Leipziger Autohändlerin, die ihr Geschäftsmodell in Gefahr sah, wenn ihre Kunden die Wagen nicht mehr komplett bar bezahlen können; sie wollte den Fernsehzuschauern weismachen, dass es ungeheuer schwer ist, einen Pkw mit Geldkarte, per Überweisung oder Lastschrift zu bezahlen.

Selbstverständlich hat diese Autohändlerin nach eigenem Bekunden – im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Kollegen – keine dubiosen Kunden, die teure Luxusschlitten am liebsten bar bezahlen, um Schwarzgeld sauber zu waschen.

Denn darum geht es bei den Bemühungen der Regierungen in Europa: Der Schwarzgeld-Wäsche von Mafia und anderen Kriminellen und der Terrorfinanzierung durch die Bargeldbegrenzung ein wenig Einhalt zu gebieten.

Das ist eine wichtige europäische Maßnahme, doch darauf ging FDP-Mann Lindner nicht ein. Er malte lieber ein Szenario , dass die Bundesregierung womöglich anstrebe das Bargeld komplett abzuschaffen. Und witterte ein Komplott von geldsüchtiger Regierung und den Banken.

Die FDP sollte ja wirklich andere Sorgen beschäftigen als diese Art Verschwörungstheorien. Schließlich will die Partei doch wieder wählbar werden – vor allem für den Bundestag, wo sie keinen Sitz mehr hat.

Doch der immer gern den Oberlehrer spielende Lindner machte sich auch bei „Anne Will“ zur belächelten Figur und argumentierte vehement gegen die Bargeld-Begrenzung. Vielleicht glaubt der Politiker ja wirklich, dass dieses Thema den Wähler interessiert. Ich persönlich stelle in Gesprächen mit Zeitgenossen, mit denen ich einen Cappuccino trinke, fest, dass es sich bei diesem Thema nur um einen Medienhype handelt. Da wird ein Thema auf die Titelseiten der Tageszeitungen gehoben, aber den Leserinnen und Lesern geht das am Arsch vorbei.

Den meisten Menschen ist es egal, ob sie nur 5000 Euro bar auf eine Verkaufstheke legen dürfen – oder mehr. Die wenigsten Deutschen besitzen so viel Bargeld. Und die meisten Bundesbürger haben – so Umfragen – ohnehin nicht mehr als rund 100 Euro bar in ihren Portemonnaies. Und einen neuen Wagen kauft man sich auch nur alle fünf bis zehn Jahre – und für so einen Fall sollte man das mit der Bank schon regeln können.

Vom sinnlichen Glücksgewinn, das viele Geld beim Ausgaben auch echt in der Hand zu halten, wusste zwar die Autohändlerin zu berichten. Mir kommen aber eher die Tränen, wenn ich soviel Geld für so viel Blech ausgebe.

Autohändlerin und FDP-Politiker bildeten in der Anne-Will-Talkshow ein prima Gespann. Es scheint, als kämpfe die FDP erneut mit aller Kraft darum Autofahrerpartei zu werden. Bleibt also nur noch eine Frage: Würden Sie von Christian Lindner einen Wagen kaufen, falls er bei der nächsten Wahl aus dem Düsseldorfer Landtag fliegt und Autoverkäufer wird? Ich nicht!

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                          Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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