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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Freiheit für die Sterbehilfe – wegen der Schmerzen meiner Mutter

Wenn es nach der CDU geht, soll jede Form der organisierten Sterbehilfe unter Strafe gestellt werden. Die Düsseldorfer Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese ist dagegen. Und unser Kolumnist weiß schon heute, dass er im Ernstfall straffällig werden wird. Er plädiert für eine Sterbehilfe, weil er einen langsamen, schmerzvollen Krebs-Tod seiner Mutter miterlebt hat.

Ich bin für die Sterbehilfe, um von Anfang an meinen Standpunkt klar zu machen, den ich später noch begründen werde.

Bei der Diskussion um die Sterbehilfe entstehen schnell politische Fronten. Erlauben. Verbieten. 

Die Düsseldorfer SPD-Abgeordnete Kerstin Griese, auch Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales, zeigt nun gemeinsam mit einigen Kellogen aus dem Bundestag einen dritten Weg. Griese lehnt ein strafrechtliches Verbot ab. Zugleich fordert sie neue Regulierungen. "Ich suche nach einer mittleren Position zwischen einem unangemessenen, harten strafrechtlichen Verbot und einer vermeintlich liberalen Position, die alles zulässt", sagte Griese der "Welt". Sie will zwar auch, dass die Arbeit von Sterbehilfe-Vereinen verboten wird, aber gleichzeitig soll geklärt werden, "wie wir es Ärzten ermöglichen können, in Notlagen auch dann eine Lebensverkürzung herbeizuführen, wenn diese medizinisch nicht unvermeidlich ist". 

Das hört sich noch nicht nach einem klaren Konzept an, aber die Diskussion um Für und Wider einer Sterbehilfe ist jedenfalls in Berlin eröffnet. 

Angestoßen wurde sie zuletzt durch den aus dem Rheinland stammenden EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider, der in einem Interview betonte, dass er – entgegen seiner persönlichen und theologischen Überzeugung – seiner an Krebs erkranken Frau im Ernstfall bei einer Selbsttötung beistehen und sie zu Sterbehelfern in der Schweiz begleiten würde. Aus Liebe .

Nikolaus Schneider und seine Ehefrau Anne, die ihren Suizid als letztes Mittel gegen den Krebs in einem Interview angekündigt hat, bringen die Diskussion um die Sterbehilfe auf den Punkt. Das Sterben ist letztlich doch eine zutiefst persönliche Angelegenheit, in der weder Staat noch Kirche und nicht einmal Gott das Sagen haben. 

Es ist eine eigene und eine sehr persönliche Entscheidung

Sterben – auch der Suizid - ist allein eine Angelegenheit des einzelnen Menschen, und die Politik hat die Aufgabe die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass auch in Extremsituationen ein selbstgewähltes Sterben in Würde erfolgen kann.

Ich möchte heute nicht über Details schreiben, wie diese Sterbehilfe aussehen könnte, sondern darüber, warum ich selbst entscheiden will, wann ich Sterbehilfe in Anspruch nehme.

Es ist 20 Jahre her, da begleitete ich meine Mutter über viele, lange Monate auf ihrem Weg in den Tod. Sie hatte Darmkrebs. Bei mehreren Operationen verkürzten die Ärzte immer wieder ihren Darm - doch es gab keine Rettung. 

In den letzten Monaten verschlimmerte sich ihr Zustand so stark, dass ihre Schmerzen unerträglich wurden. Meine Mutter wollte trotz ihrer schweren Krankheit in ihrem Haus leben, was zur Folge hatte, dass ich bei extremen Schmerzanfällen den Notarzt rufen musste. Der spritzte ihr dann Morphium, so viel wie er verantworten konnte oder veranlasste eine zeitweise Einweisung in ein Krankenhaus, wo meine Mutter durch einen Medikamentencocktail – vermutlich - schmerzfrei, aber in einen Dämmerschlaf versetzt wurde.

Dämmerzustände, Schmerzensschreie, Verzweiflung

Viele Male wurde die todkranke Frau von zuhause ins Krankenhaus und wieder zurück transportiert. Viele Male ertrug sie unvorstellbare Schmerzen, um den medikamentösen Dämmerschlaf um ein paar Stunden oder Minuten vor sich herzuschieben. Viele Male waren wir verzweifelt, wenn der automatische Notruf versagte oder der Notarzt nicht schnell genug kam, und die Schmerzensschreie wie Sirenen durch das Haus schallten.

Wir haben damals nicht über den Tod gesprochen oder über die Möglichkeit freiwillig aus dem Leben zu gehen. Wie sagt man auch einer Mutter, was sie davon halten würde, sich selbst zu töten?!

Meine Mutter wollte leben. Sie war 79 Jahre alt und hatte vierzig Jahre vorher schon einmal einen Krebs besiegt und war der Meinung, dass sie es auch diesmal schaffen würde.

Auch ich habe das gehofft, doch ich musste mit ansehen, wie meine Mutter in ihrem Bett lag und vor Schmerzen um Hilfe flehte – aber ich konnte nicht helfen. Als sie starb war es eine Erlösung, obwohl ich sie nicht gerne habe gehen lassen.

Immer wieder denke ich daran, wie ich in ihrer Situation gehandelt hätte. Ich weiß nicht, ob ich im Chaos der Schmerzen den Mut und die Kraft finden würde, eine Selbsttötung zu initiieren und gegebenenfalls Mitmenschen um Hilfe zu bitten, mir das Medikament zum Sterben zu besorgen oder es mir zu reichen.

Die Möglichkeit haben, sein Leben zu beenden, wenn es nicht mehr lebenswert ist

Ich weiß nicht, ob ich überhaupt "vorzeitig" würde sterben wollen. Aber eins weiß ich: Ich möchte die Möglichkeit haben mein Leben zu beenden, wenn es aus meiner Sicht nicht mehr lebenswert ist. Ich wäre bereit, über einen Suizid stundenlang mit Freunden, Psychologen, Ärzten oder anderen Lebensbefürwortern zu diskutieren und Vor- und Nachteile abzuwägen. Der Staat sollte das auch gerne sinnvoll organisieren.

Doch von ihm werde ich mir ein selbstgewähltes Sterben nicht verbieten lassen. Ich werde mir, staatliches Verbot hin oder her, den Weg ebnen. So wahr mir ein Gott helfe...

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                 Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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