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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Hilfe! Ich bin ein Asylant – was ich mir als Vertriebener wünschte

In dieser Woche flüchtet unser Kolumnist – nicht vor sich selbst oder einer Bedrohung, sondern in seinen Gedanken vor politischer Verfolgung, Mord und Totschlag. Er will wissen, was er als Asylant von seinem Gastgeberland erwarten würde.

Jetzt ist es also passiert: Ich werde politisch verfolgt, mit dem Tod bedroht und muss Düsseldorf und Deutschland verlassen. Was würde ich von meinen Gastgebern in einem fremden Land erwarten?

Zu Anfang: Ein Dach über dem Kopf

Zunächst einmal würde es mir reichen, ein Dach über den Kopf zu bekommen. Schön wäre es natürlich, den kommenden Winter nicht in einem Zelt, sondern vielleicht in einem einfachen Zimmer unterzukommen. Zelten im Winter ist der Horror. Als Junggeselle würde ich das notfalls noch hinnehmen. Aber mit Frau und kleinen Kindern ist das unzumutbar. Eine Übergangszeit von einigen Wochen in einer Turnhalle wäre auch ok. Dann aber bitte ein kleines Zimmer, gerne nur zwei Matratzen groß und unter der Dachschräge – ich kenne das, denn als Zeitungs-Volontär im Ruhrgebiet habe ich auch schon mal auf kleinstem Raum für zwei Jahre gewohnt.

Ein Mindestmaß an Hygiene...

Darüber hinaus hoffe ich auf ein Mindestmaß an Hygienemöglichkeiten. Täglich möchte ich die Möglichkeit haben, mich zu waschen, einmal die Woche mindestens duschen. Ich brauche Zahnbürste, Zahncreme, Seife, Handtücher und was sonst noch zur Hygiene gehört.

... und Nahrung

Essen und Trinken. Die Basics. Ob in einer Gemeinschaftsküche, wo ich wie Studenten in einer Mensa oder Arbeitnehmer in einer Kantine die Mahlzeiten zu mir nehmen kann, oder mit Nahrungsmittel-Pakteen – das wäre mir egal. Es soll ja kein Dauerzustand bleiben.

Beschäftigung...

Ich hoffe ja auf persönliche Fortschritte – einen ersten kleinen Job als Aushilfskraft, auch als Tellerwäscher oder Kellner oder Hilfsarbeiter auf dem Bau. In ein oder zwei Jahren kann ich dann vielleicht in meinem erlernten Job als Journalist arbeiten und kleine Artikel schreiben...

... und Bildungschancen

Ich würde mich freuen, wenn man mir Möglichkeiten zur Weiterbildung geben würde. Land und Leute kennenlernen, das heißt Menschen begegnen, die sich mit mir in meiner Muttersprache unterhalten und mir nebenbei die neue Sprache etwas näher bringen. Kultur und Sitten meines Gastgeberlandes kennenlernen. Vielleicht Bücher in meiner Muttersprache zu bekommen. Vor allem: Sprachunterricht. Optimal: einen Beruf erlernen, mit dem ich Chancen auf dem Arbeitsmarkt meines Gastgeberlandes hätte.

Natürlich hoffte ich darauf, dass sich die Verhältnisse in Deutschland bald verbessern würden und ich dann wieder heimkehren könnte.

Erst später würde sich mir die Frage stellen, ob ich vielleicht für immer im Gastgeberland bleiben möchte. Das würde allerdings voraussetzen, dass ich eine zufriedenstellende Arbeit hätte, dass ich mich wohl fühlen würde, dass ich Freunde und Bekannte gefunden hätte, mit denen gemeinsam ich eine Zukunft hätte.

Aber das wäre nicht das Wichtigste in der ersten Phase meiner Flucht. Kleidung, Nahrung, Weiterbildung erhalte ich ja zugeteilt. Kultur-Gutscheine für Konzerte wären schön; Musik ist international, man versteht sie auch ohne Sprachkenntnisse. Freier Eintritt in eine Bibliothek oder ins Schwimmbad gerne auch.

Gut wäre es auch, wenn ich Tickets für Fahrten mit Bus und Bahn in der Stadt zur Verfügung gestellt bekäme. Ein gebrauchtes Fahrrad wünschte ich mir, das macht beweglich in einer Stadt. Tipps, wie was man in meiner neuen Asylstadt möglichst ohne Geld tun kann.

Etwas Bargeld wäre schon schön. 50 Euro im Monat vielleicht. Etwas Taschengeld für einen Cappuccino im Café, einen Kinobesuch vielleicht, für die Gebühren im Internetcafé. Das Rauchen würde ich mir abgewöhnen, wenn es denn mein Laster wäre. Rauchen ist für Flüchtlinge Geldverschwendung.

Als Asylant würde ich keine großen Geldleistungen von meinen Gastgebern erwarten. Vielleicht noch ein paar zusätzliche Gutscheine für ein Auslands-Aldi, damit ich mir mal eine Tafel Schokolade oder – für das Heimaterinnerungsgefühl – Thomas Gottschalks Haribo-Konfekt, aber bitte die Colorado-Mischung, kaufen könnte.

Ich wäre zunächst einmal froh darüber, in Sicherheit zu sein, nachts einen ruhigen, trockenen Platz zum Schlafen und tagsüber eine Bleibe zu haben, wo ich nicht fürchten muss verhaftet oder getötet zu werden.

Es wäre schön, wenn es Menschen gäbe, die mich nicht nur mit dem Notwendigsten versorgen würden, sondern darüber auch Menschen da wären, die einfach etwas Zeit für mich hätten. Wegen der Sprache, gegen das Alleinsein, für mein Weiterkommen in der neuen Gesellschaft, in der ich mich noch so fremd fühle....

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                     Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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Peter Jamin

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