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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Im Kaffeehaus die Zeit totschlagen

Ich bin in Prag, schreibt unser Kolumnist Peter Jamin. Ich habe mir für meinen ersten Abend einen Tisch im "Café Imperial" bestellt. Das ist eines der Kaffeehäuser mit Tradition in der Hauptstadt der Tschechischen Republik, die ein außergewöhnliches Ambiente bieten und jede Wand, jedes Einrichtungsstück, jedes Glas und jeder Teller die Geschichte des Lokals widerspiegeln.

Die Cafés mit Tradition sind natürlich magische Anziehungspunkte für zahlreiche Touristen, die nach Prag reisen. In jedem Reiseführer der Welt werden sie als sehenswerte Treffpunkte hervorgehoben. Solche außergewöhnlichen Orte der Begegnung hat meine Lieblingswohnstadt Düsseldorf leider nicht zu bieten. Dafür reist man nach Paris, Wien - oder eben Prag.

Moderne böhmische Küche

Das „Café Imperial“ gehört heute dem in Tschechien bekannten Fernsehkoch Zdeněk Pohlreich. Er achtet darauf, dass es in seinem Lokal ein ausgiebiges Frühstücksangebot und zum Mittag- oder Abendessen eine moderne tschechische Küche mit traditionellem, böhmischen Einschlag gibt.
Ich gönne mir zum Start in meine Prag-Tage ein Drei-Gänge-Menu, das ich mir selbst zusammenstelle. Als Vorspeise esse ich wirklich erstklassige Kroketten mit Kaninchenfleisch-Füllung in einer Muschelsauce. Es folgt eine Lammkeule auf Spinat mit Knoblauch. Das Dessert besteht aus einer Kokospraline. Dazu wird französischer Weißwein, Sauvignon, serviert.

Kaffeehaus voller Sprachgewirr

In den Pausen zwischen den einzelnen Gängen hat der Gast Zeit, sich umzusehen. Die Kaffeehäuser in Prag sind ja große, prachtvolle Tempel des Wohlbefindens. Da gibt es viel zu beobachten. Das Publikum ist sehr gemischt. Angehörige vieler Nationen treffen sich hier. Wohltuend ist, dass im Sprachgewirr die tschechische Sprache dominiert. Auch die Einheimischen fühlen sich hier offensichtlich wohl. Noch immer sollen Künstler, Politiker, Schriftsteller und Intellektuelle die berühmten Prager Kaffeehäuser lieben.

Groß wie eine Turnhalle

Die Einrichtung des „Café Imperial“ ist - wie die der meisten Prager Traditionshäuser - großzügig. Bombastisch die Deckenhöhe. Ausmaße einer Turnhalle. Die Wände und Pfeiler der Halle sind mit meist weißen Keramikfliesen verkleidet. Dazu kommen Keramikmosaiken mit ägyptischen, römischen und maurischen Motiven an Wänden und Decken. Lampen aus Messing, Tische und Stühle im Stil des Art Deco. Puristen und Freunde modernen Designs sollten dieses Café also meiden.

Das „Café Imperial“ gibt es rund 100 Jahre. Zu den berühmten Besuchern zählten der Schriftsteller Franz Kafka und der Komponist Leoš Janáček. Kafka muss ein umtriebiger Kaffeehaus-Besucher gewesen sein. Jedes der berühmten Prager Kaffeehäuser verweist darauf, dass der Schriftsteller zu seinen Gästen gehört hat.

Kubismus-Café restauriert

Da ist beispielsweise das Gran Café Oriental. Es wurde lange Zeit als Bankgebäude genutzt. Doch das einzigartige Kubismus-Café wurde 2006 restauriert und stilgerecht wiedereröffnet. Ein dreidimensionales kubistisches Gesamtkunstwerk, notierte ein Betrachter.

Im Café Arco trafen sich einst - neben Kafka - die deutschen Schriftsteller Franz Werfel, Max Brod und Egon Erwin Kisch.

Das Café Slavia war über Generationen hinweg ebenso ein Treffpunkt der Intellektuellen. Vor dem ersten Weltkrieg betrachteten Literaten das Lokal als ihr Wohn-Zimmer, später waren hier die Vordenker des Prager Frühlings und der Charta 77.

Im Kaffeehaus Zeit totschlagen

„Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen“, schrieb die Prager Journalistin und Kafka-Freundin Milena Jesenská.

„Hier im Kaffeehaus“, erinnerte sich der Literaturnobelpreisträger Jaroslav Seifert, „wurde diskutiert, geplant, leidenschaftlich debattiert”.

Gut, dass ich viel Zeit mitgebracht habe. Es gibt ja auch noch das Gran Café Oriental, das Café Pariz und das Café Louvre. Ich werde noch viele Kaffees in Prag trinken müssen.

Im Starbucks zum Schreiben

Auch im Starbucks-Café, wo ich gerade sitze. Weil es hier Strom für mein iPad und kostenlos WLAN gibt und man mir in den Starbucks auf der ganzen Welt alle Zeit der Welt lässt, um eine Geschichte zu schreiben.

In den Kaffeehäusern mit Tradition sind - anders als bei Starbucks - Macbooks und Tabletts noch immer Exoten. Im „Imperial“ oder „Slavia“ achten die Kellner auf den Umsatz. Das locker-leichte Leben von Kafka und Co war hier gestern.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino.
                                                              Ihr Peter Jamin

(Peter Jamin)


 


 

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