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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Kneipen sind die Bühnen des Lebens – darum verschwinden alte, kommen neue

Die Menschen gehen in Kneipen, als ziehen sie sich ein besonders geliebtes Kleidungsstück über. Unsere Kolumnist macht sich Gedanken über das neu eröffnete "Sassafras" in seinem Wohnstadtteil Düsseldorf-Oberkassel.

An unseren Kneipen spüren wir die Veränderungen in unseren Leben. Wenn ich gestern an der Mahagoni-Theke des "Sassafras" in Oberkassel stand, waren die Wände um mich herum ordentlich gefüllt mit Bildern und Gegenständen voller Erinnerungen. 

In einer Ecke hatte die Wirtin Sabine sogar meine erste Schreibmaschine, meinen ersten Fotoapparat und mein erstes Tonbandgerät platziert. Vor dem Hintergrund eines solchen Autorenaltars fühlt sich ein Schriftsteller doch gleich wohl und in seinem Element, zumal das "Sassa" eine lange Tradition als Stammtisch für Lesungen von Autoren hat.

Heute stehe ich einem "Sassafras", in dem die Wände in einem modernen Grau gestrichen und die große, dunkle, vollgepackte Thekenwand durch ein leichtes Regal aus Stahl und Glas ersetzt wurde.

Wir Gäste von Kneipen sind ja untreue Zeitgenossen. Was wir gestern liebten und uns als nie zu ersetzen galt, haben wir heute schon vergessen und die neue Leichtigkeit gefällt uns so gut, das wir sie nimmer missen möchten.

Stefan Conrady, der neue Wirt im "Sassafras", lässt uns in seiner Kneipe jetzt Luft für neue Gedanken und Pläne und hat die Erinnerungen an all die alten Geschichten und Lieben und Feste, die wir dort und in unserem Leben gestern erlebten, einfach mit einem leichten, luftigen Grau fortgestrichen. 

Und kein Bild an der Wand. In der ganzen Kneipe nicht. Während Stefan noch überlegt, welches Bild denn passt an der großen Wand gegenüber des Eingangs, habe ich, der Gast, mich bereits festgelegt: "Lass die Wände kahl. Dieser Minimalismus lässt Deinen Gästen die Freiheit, sich die Bilder in Ihrer Phantasie selbst hinzuzufügen."

Mir gefallen heute – im Gegensatz zum Gestern – die kahlen Stellen, die das Auge nicht fesseln, sondern den Blick freigeben für Bilder der eigenen Gedankenwelt. Abstrakt oder realistisch, futuristisch oder konstruktiv. Jeder kann sich seine eigenen Gemälde an die freien Wände malen. Für was sonst haben wir ein geistiges Auge?!

Auch werden Gedanken und Gespräche nicht abgelenkt, wenn Gäste eintauchen in Zwiegespräche.

Kneipen sind die Bühnen des Lebens. So wie Menschen endlich sind, sind es ihre Kneipen. Sie unterliegen Moden und Neigungen von Wirten und Gästen. Kneipen atmen. Manchmal sind sie laut und fordernd, und an den Tischen und Theken schreien sich die Gäste ihre Lieben und den Hass von der Seele. In der Kneipe nebenan ist es ruhig und romantisch. In schummrigen Ecken Liebepaare, die sich zärtliche Worte zuflüstern, und Philosophen der Nacht, die Träume eines anderen Miteinanders wagen wollen.

Und in der dritten Kneipe wabert der Geruch von abgestandenem Bier und die Gäste sind so alt und leblos wie der Tod.

Gäste suchen sich die Kneipen, die ihren Lebensinhalten entsprechen. Sie setzen sich auf abgewetzte Stühle und haben sich damit abgefunden, dass ihre und die Tage der Kneipe gezählt sind. Sie stellen sich an plastik-vergoldete Tresen der "Kö" und schwärmen von ihren Erfolgen oder hasten ihnen hinterher oder voraus.

Jung sein, frei sein, dabei sein...

Im "Sassafras" dagegen hat das Leben gerade erst wieder einmal begonnen. Wer hier einkehrt, will teilnehmen an einem neuen Leben, das er noch nicht kennt. Jung sein, frei sein, dabei sein. Sie wollen sich nicht die Wände ihres Lebens durch Erinnerungen verstellen lassen. Sie sehen nach vorn. Unbekümmert. Laut. Fröhlich. Nicht mit einem "was kostet die Welt?", sondern mit dem Sturm der Arglosigkeit und der Zuversicht und Leichtigkeit eines jungen Lebens.

Stefan, der junge Wirt im "Sassafras", hat der Kegelbahn im Hinterzimmer eine Zukunft eingeräumt, will auch die Literaturlesungen im "Sassa" wieder beleben. Doch auch der Videokunst große Projektionswände bieten. Treffpunkt sein also zwischen Tradition und Moderne. Harmonie zwischen Gestern und Morgen. Eine Chance. 

Stefan hat Philosophie studiert, Marketing praktiziert und war schon immer "gerne Gastgeber". Eine gute Mischung für einen Kneipenwirt: "Ich wollte einen Laden bauen, in den ich selbst gerne gehe."

Das "Sassafras" hat die Tür weit geöffnet. Eine neue Bühne für neues Leben. "Es gibt keine idealere Plattform als die Kneipe, um sich selbst darzustellen – höchstens noch der Freundeskreis", sagt Stefan Conrady, der Philosophenwirt. 

Die Akteure auf dieser neuen Bühne des Lebens dürfen gespannt auf die Zukunft sein.

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                 Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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