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  • 25.04.2016, 13:12 Uhr
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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Marrakech Biennale – Ulkige Verrenkungen vor schwebendem Kunstfelsen

In Marokko gibt es eine Marrakech Biennale mit moderner Kunst in historischen Gebäuden. Unser Kolumnist, der gerade vor Ort ist, regt an, dass sich die Düsseldorfer Kunstverwalter mit den Kollegen aus Marrakech zusammentun und eine Marrakech-Düsseldorf-Biennale kreieren. Entwicklungshilfe als Cultur-Art.

Was ist Kunst? Unter diesem Motto steht auf der Marrakech Biennale 2016 im El-Badi-Palast ein ganzer Raum.

Die Besucher der Ausstellung haben ihre Antworten auf diese Frage mit Filzstiften, Kugelschreibern und Bleistiften dicht an dicht an die Wände gemalt bis hoch unter die Decke. Damit das möglich ist, stellten die ideenreichen Organisatoren sogar eine Leiter in den Raum.

Die Wände sind mit Hunderten von Statements bemalt und trotzdem gibt mir der Raum keine Antwort, denn ich finde keine deutschen oder englischen Erklärungen. Die arabischen Schriftzeichen kann ich nicht lesen und dem in Marokko ebenfalls üblichen Französisch bin ich nicht mehr mächtig genug.

Ich muss also nach eigenen Erklärungen suchen, auf die Frage: Was ist Kunst auf dieser Biennale?

Himmel und Erde, Fantasie und Realität

Keine Frage - Kunst ist die Verbindung von Himmel und Erde, Kunst ist eine Mischung aus Fantasie und Realität, Kunst ist die Überhöhung von Realität und Gegenwart.

Sicherlich ist das wohl beliebteste Ausstellungsstück im Badi-Palast: Ein künstlicher, metergrosser "Felsen" von Fatiha Zemmouri, der zwischen zwei Wänden aus bräunlich-rotem Sandstein schwebt, als wäre er vom Himmel gefallen.

Während im Hintergrund einige Störche auf einem Turm in ihrem Nest herumstolzieren, machen die Museumsbesucher in diesem Kunst-Gang ulkige Verrenkungen und positionieren sich für Fotos so mit erhobenen Händen, als würden sie den Kunstfelsbrocken in die Höhe stemmen.

Vielleicht ist Kunst auch alles, was Spaß macht und die Fantasie beflügelt – obwohl ich bei solcherart Überlegungen schon die warnenden Stimmen der Kunstexperten höre, die auf die Ernsthaftigkeit vieler Kunstobjekte hinweisen.

Auf der Marrakech Biennale finden sich viele Objekte, die vor allem auch Spannung und Spiel zwischen Ort und Objekt herstellen. Etwa die schwarzen Büsten mit den silbernen Schmuckfliegen von Sara Ouhaddou. Die Glühbirnen-Installationen von Mohssin Harraki, der Kunstmotor von Eric van Hove, die meterhohe Gewürzkugel von Dineo Seshee Bopape. Oder auch die überdimenionalen Brüste von Mohamed Mourabiti.

Die Kunstausstellung ist auf viele Orte in der 1-Million-Einwohner-Stadt verteilt. Vor allem sind es historische Gebäude wie der El-Badi-Palast, der 1578 von Sultan Ahmed el-Mansour erbaut und rund 120 Jahre später von Sultan Moulay Ismail weitgehend zerstört wurde, in dem sich moderne Kunst in alten Gemäuern breitmacht beziehungsweise ein harmonisches miteinander sucht. Oder wie das Dar-Si-Said-Museum, ein Palast aus dem 19. Jahrhundert. Oder auch der riesengroße Bahia-Palast, in dem angeblich der Großwesir Ba Ahmed Ben Moussa mit 80 Konkubinen lebte.

Ein vergleichender Blick  in die Kunststadt Düsseldorf

Als Düsseldorfer hab ich ja eine ganz besondere Beziehung zur Kunst, denn in meiner Stadt am Rhein gibt es eine ganze Reihe moderner Gebäude, in der alte Kunst ihr Domizil hat: etwa das K 20 und K 21 mit Werken von Pablo Picasso oder Wassily Kandinsky und vielen anderen inzwischen alter Meister. Hier also alte Gebäude mit neuen zukünftigen Meistern, dort neue Gebäude mit alten.

Allein solch ein Vergleich ist doch eine Reise wert und ich bin versucht anzuregen, ob man nicht einmal eine Marrakech-Düsseldorf-Biennale organisieren sollte? Wir wollen doch gerade unter dem Eindruck der großen Flüchtlingswellen, von denen Europa überschwemmt zu werden droht, Entwicklungs- und Überlebenshilfe in Afrika auf vielen Bereichen bieten, auf dass für die Einwohner dieser Länder in Zukunft vielleicht eine Flucht nicht mehr notwendig ist.

Für die Verwalter der Düsseldorfer Kunst-Institutionen wäre ein Besuch der Marrakech Biennale in diesem Jahr noch bis zum 8. Mai möglich. Und dann natürlich jedes Jahr aufs Neue. Informationen im Internet findet man hier.

Kunst ist, wenn.... Millionen von Antworten

Doch zurück in die schönen Palast-Museen, die neben der modernen Kunst natürlich weiterhin die prachtvolle und so spannende Geschichte der Stadt und des Landes und ihrer Bewohner dokumentieren. Sie liegen meist am Ende von Spaziergängen durch verwinkelte Gassen, die von Geschäften marokkanischer-berberischer Art gesäumt sind.

Der Kunstwerke gibt es auf dieser großen, seit etlichen Jahren stattfindenden Großstadt-Ausstellung so viele, dass ich sie hier nicht natürlich alle vorstellen kann.
Nachdem ich mir aber bereits einen Großteil dieses Kunstangebots angesehen habe, möchte ich abschließend doch noch eine weitere Antwort geben auf die Frage: Was ist Kunst?

Kunst ist, wenn die Betrachter zum Staunen gebracht werden oder es ihnen den Atem verschlägt wie auf der Marrakech Biennale, weil mit den Handwerksmitteln von Malern, Bildhauern oder Fotografen ungewöhnlich Reiz- und Fantasievolles zu Stande gekommen ist.

Ich denke, auf die Frage „Was ist Kunst“ gibt es Millionen und Abermillionen Antworten und nicht nur die eine.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                          Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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