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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Masken und Maskeraden - vom Leben mit der Anonymität

Was haben Weihnachtsmänner, Terroristen und Karnevalisten gemeinsam? Ein Leben hinter Masken, wo sich mal Beschauliches, mal Böses und mal Lustiges gerne verstecken, meint unser Kolumnist.

In diesen Tagen begegnen uns wieder häufiger Menschen, die anonym bleiben und uns doch nahe sein und Freude schenken wollen: die Weihnachtsmänner. Mit ihren weiß-roten Mützchen und Jäckchen kommen sie recht freundlich und vertraut daher und schmeicheln sich in unsere Herzen.

Andere, die anonym bleiben, verbreiten dagegen Angst und Schrecken quer durch Europa und die Welt: Fanatische, religiös verwirrte Terroristen im Schafsfell harmloser Reisender oder religiöser Prediger.

Deren Feinde wiederum verstecken sich hinter dem Tarnnamen "Anonymus" und bekämpfen die Schergen des scheinislamischen Staats im Internet.

Wer die Maske überzieht, will sich verstecken. Dabei muss man nicht zwangsläufig Böses im Schilde führen, wie die Weihnachtsmänner dieser Tage, aber auch die Narren zu Karneval beweisen.

Bei allen Maskeraden verschaffen wir uns eine neue, falsche Identität und zeigen dem Mitmenschen nicht mehr wer wir wirklich sind. Diese Anonymität verhilft uns dazu etwas zu tun, für das wir nicht immer den Kopf hinhalten wollen. Ein Prinz, im bürgerlichen leben verheiratet, verführt auf dem Maskenball eine Bäuerin, ein Weihnachtsmann gaukelt dem Kleinkind vor, er wäre wirklich vom Himmel gefallen, und der Terrorist versteckt hinter dem Biedermann-Gewand seine gefährliche Absicht zu Töten.

Manche genießen geradezu ein Recht auf Anonymität. Bilder und Filme, auf denen etwa mutmaßliche Kriminelle zu sehen sind, werden heute in Zeitungen oder Fernsehen derart stark gepixelt, dass man genau so gut statt der Portraitfotos von Betroffenen ein Lichterspiel in der Nacht veröffentlichen könnte.

Das Gebaren des Anonymen ist manchmal gutes Spiel und gelegentlich bitterer Ernst. Wir setzen die Masken der Anonymität auf und können dann alle Hüllen fallen lassen. Im Schutz der Anonymität enthüllen wir Verrücktes, Intimes, Grausames, Schändliches oder wagen Taten oder Gedanken, zu denen wir mit unserem guten Namen nicht zu stehen wagen.

Nicht zuletzt deshalb hat in der Literatur das Versteckspiel hinter Pseudonymen eine lange Tradition. So schrieben etwa in "Die Welt der Encyclopédie" des Franzosen Denis Diderot viele große Geister unter dem Pseudonym "anonym" – manche aus Angst vor Strafverfolgung wegen ihrer Gesellschaftskritik, andere aus Scham wegen der eigenen Zweifel an den bedeutenden Worte. Die Encyclopédie war ein verbotenes Buch, war Ursache des größten Kampfes um die Meinungsfreiheit des 18. Jahrhunderts.

Im Zeitalter des Internet greift Anonymität immer stärker um sich und in unser Leben ein. Rechtsradikale verstecken sich beim rassistischen Sprücheklopfen feige hinter Pseudonymen. Anonyme Mitarbeiter aus Wirtschaft und Geheimdiensten spionieren unser aller Leben aus und sammeln unser aller Daten – manchmal zu unserem Schutz, nicht selten zu unserem Schaden. Facebook und NSA sind zwei Hinweise auf diese Zeiterscheinungen.

Wir selbst, jeder, der sich regelmäßig im Internet tummelt, wird gelegentlich zum Anonymus, wenn er sich mit einem Nick-Name in eine Chatgruppe einloggt, um zu kommunizieren , ohne gleich seine Identität zu verraten. Anonymität ist so zum Gesellschaftsspiel geworden.

Und in knapp zwei Monaten erleben wir in Düsseldorf, Köln und anderen Karneval-Hochburgen zu Rosenmontag geradezu eine Massen- und Masken-Anonymisierung. Darauf freuen sich viele schon riesig.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                       Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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