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Peer Steinbrück, ein Vortrag und 250.000 Spielsüchtige

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Peer Steinbrück hat 2010 für 15.000 Euro einen Vortrag beim "FORUM für Automatenunternehmer in Europa e.V." in Berlin gehalten, in dem rund 150 Geldspielgeräte-Betreiber organisiert sind. Vor dem Hintergrund von rund 250.000 Spielsüchtigen in der Bundesrepublik, von denen Vieltausende an den Geldspielautomaten seiner Auftraggeber ihr Leben verzocken, bekommt der Auftritt des gegenwärtigen SPD-Bundeskanzler-kandidaten eine besondere Brisanz.

Mit seinem Vortrag stand Peer Steinbrück jedenfalls mit beiden Beinen mitten in der Automatenglückspielbranche – während seine SPD-Kollegin, die Bundestagsabgeordnete Angelika Graf, in jenen Tagen gleichzeitig in Pressemitteilungen der SPD-Bundesfraktion der Bundesregierung von Angela Merkel Nähe zur Automatenindustrie vorwarf und die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans als "Marionette der Wirtschaft" diffamierte: "Die Lobbys haben Schwarz-Gelb fest im Griff."

Vor einigen Tagen blätterte ich mich in meinem Stammcafé, dem "Schiff ahoi" in Düsseldorf-Oberkassel, durch einen Stapel Magazine, als mir eine Anzeige der Automatenwirtschaft auffiel. 

"Zum Glück ist bei uns selbst das Pech geregelt", schallte mir die halbseitig große Headline entgegen. Ich fragte mich, ob der Bundeskanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, das auch so sieht? 

Der ehemalige NRW-Ministerpräsident und Ex-Bundesfinanzminister hat nicht nur viel Pech mit seinen hochdotierten Vorträgen gehabt, weil sie seinen guten Ruf geschmälert haben. Immerhin hat er auch vor Vertretern der Automatenwirtschaft, an deren Spielautomaten die armen Spielsüchtigen in Kolonne stehen, einen Vortrag gehalten – einen jener Vorträge, die ihm von den Medien um die Ohren gehauen wurden. Das war für den Bundeskanzler-Kandidaten verdammt viel Pech. 

Ich frage mich natürlich, für welche tollen Erkenntnisse Steinbrück wohl 15.000 Euro Honorar erhalten hat? Hat er den Automatenaufstellern die Leviten gelesen? Ihnen gar ein neues Programm gegen Spielsucht vorgestellt?

Ich habe sowohl Peer Steinbrück wie auch die Automatenwirtschaft mit der Frage angeschrieben, zu welchem Thema denn der damalige SPD-Bundestags-abgeordnete Steinbrück am 24. November 2010 anlässlich der Jubiläums-veranstaltung des "Forum für Automatenunternehmer in Europa e.V." in Berlin seinen Vortrag gehalten hat und ob ich das Redemanuskript erhalten könne. Es hätte ja sein können, dass Steinbrück tatsächlich einen Vortrag über Spiel- oder Geldsucht gehalten hätte – etwa nach dem Motto: Die einen sind süchtig nach dem Spiel, die anderen süchtig nach dem Geld der Spielsüchtigen.

Eine Tischrede als Werbevortrag fürs eigene Buch

Die Geschäftsführerin der dafür zuständigen "Forum Marketing Service GmbH", Jutta Keinath, antwortete dankenswerterweise umgehend auf meine Anfrage: "Herr Peer Steinbrück hatte bei einer Abendveranstaltung anlässlich unseres 20-jährigen Verbandsjubiläums im November 2010 eine Rede (dinner-speech) gehalten. Er hat damals die Rede frei gehalten und uns leider aus diesem Grund kein Manuskript zur Verfügung gestellt. Wir hatten ihn eingeladen, weil er kurz zuvor eine Buchveröffentlichung vorgenommen hatte ('Unterm Strich'), die wir interessant fanden. In seiner Rede hat er dann auch das Buch vorgestellt."

Erst einen Monat vor Steinbrücks Vortragstermin, am 22. Oktober 2010, hatte die SPD-Bundestagsabgeordnete Angela Graf der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, in einer Pressemitteilung ihrer SPD-Bundestagsfraktion "fragwürdiges Engagement in der Suchtprävention" vorgeworfen. Einen Tag nach dem Vortrag ihres SPD-Kollegen forderte Angelika Graf, dass "die Prävention von Spielsucht eine deutlich größere Rolle spielen muss". Ein am 24. November 2010 veröffentlichtes Urteil des Bundesverwaltungs-gericht zum Sportwetten- Monopol zeige "den Handlungsbedarf im Bereich der Geldspielautomaten. Wenn das Monopol mit der Suchtprävention gerechtfertigt wird, kann eine zunehmende Ausbreitung der Geldspielautomaten, von denen eine besonders große Suchtgefahr ausgeht, nicht hingenommen werden. Die Bundesregierung muss nun endlich die Studie zur Evaluierung der letzten Novelle der Spielverordnung von 2006 veröffentlichen, damit wir daraus die Konsequenzen ziehen können".

Der feine Mensch kassiert und schweigt

Wohlgemerkt: Am 24. November 2010 veröffentlichen das Bundesverwaltungs-gericht ein wichtiges Urteil zum Geldautomatenspiel und die SPD-Bundestags-abgeordnete Graf einen Tag später eine wichtige Pressemitteilung dazu – während der SPD-Bundestagsabgeordnete Steinbrück zu Urteil und Geldspiel schwieg und statt darauf einzugehen für 15.000 Euro eine Tischrede vor eben jenen Spielautomaten-Betreibern hielt.


 


 

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