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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

"Tag der vermissten Kinder" – Tag der Horror-Bilder

Pfingstmontag ist der internationale "Tag der vermissten Kinder". Unser Kolumnist befasst sich schon seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema "Vermisste Menschen". Er berät ehrenamtlich an seinem Vermisstentelefon Angehörige und hat gerade einen "Vermisst-Ratgeber für Angehörige, Freunde und Arbeitskollegen" veröffentlicht. Nach seinen Feststellungen leiden die Angehörigen von vermissten Kindern und Jugendlichen ein Leben lang.

Als ich vor einigen Tagen von einem Reporter des SAT1-Fernsehmagazin "Akte 20.15" interviewt wurde, fragte er mich auch, was die Eltern empfinden, wenn ein Kind spurlos verschwindet.

"Mit dem Verschwinden des Kindes befinden sich Eltern nicht als Zuschauer eines Horrorfilms im Kino – die schrecklichen Szenen befinden sich in ihrem Kopf", antwortete ich, "Bilder von einer möglichen Entführung oder Ermordung durch einen Sexualstraftäter führen bei den Eltern zu schwersten seelischen Konflikten."

Einen Tag nach der Ausstrahlung des Interviews meldete sich eine Mutter bei mir, deren dreijähriger Sohn vor mehr als drei Jahrzehnten in der damaligen DDR spurlos verschwand: "Es ist so wie Sie sagen. Es gibt kein Ende und der Kopf ist nur damit beschäftigt. Ich suche ja nunmehr 36 Jahre nach meinen Sohn Dirk."

Den schrecklichen Szenen ihrer Phantasie können die Angehörigen auch nach Jahren des Verschwindens eines Kindes nicht entkommen. Der internationale "Tag der vermissten Kinder" am kommenden Pfingstmontag, 25. Mai 2015, stellt nicht nur die Kinder, sondern auch die Angehörigen in den Mittelpunkt gesellschaftlichen Interesses. In Berlin werden beispielsweise Angehörige vermisster Kinder und Helfer an diesem Tag mit Info-Ständen am Brandenburger Tor auf die Vermisst-Situation aufmerksam machen. 

Jährlich werden rund 15.000 Kinder bis 14 Jahren bei der Polizei als vermisst registriert. Drei Prozent der Kinder sind auch nach einem Jahr noch nicht heimgekehrt, ein Prozent der Vermissten fällt einem Gewaltverbrechen wie Entführung oder Mord zum Opfer.

Angehörige von vermissten Kindern benötigen eine ganz besondere Fürsorge unserer Gesellschaft. Viele Angehörige von Vermissten wissen nicht, wie sie neben der Bewältigung seelischer Probleme mit der Organisation des Lebensalltags nach dem Verschwinden eines kleinen Kindes oder Jugendlichen umgehen sollen. Manche Angehörige kehren immer wieder und auch noch nach Jahren an den Ort des Verschwindens eines Kindes zurück in der Hoffnung doch noch ein Lebenszeichen zu finden. 

In der Akutsituation werden Angehörige, deren Kinder unter spektakulären Umständen verschwunden sind – etwa auf dem Schulweg wie die achtjährige Deborah Sassen in Düsseldorf oder die fünfjährige Inga in Stendal/Sachsen beim Holzsammeln im Wald – zwar psychologisch betreut, doch wenn das öffentliche Interesse nicht mehr gegeben ist, werden die Angehörigen meist vergessen. 

Wir benötigen ein Unterstützungssystem, dass auch noch nach Jahren wirkt. Denn das Leid der Angehörigen hört nach dem Verschwinden eines Kindes nie auf: Familien zerbrechen, Elternteile werden Alkohol- oder Medikamenten-abhängig, Geschwister leiden unter der Ungewissheit.

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                 Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

(Peter Jamin)


 


 

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