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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Was haben Sie am 9. November 1989 gemacht – und was machen Sie am nächsten Freitag?

Unser Kolumnist erinnert sich in dieser Kolumne an den 9. November 1989 und lädt Sie ein, sich am kommenden Freitag, 7. November 2014, 20 Uhr, gemeinsam mit ihm in der berühmten Literatenkneipe "Sassafras" in Düsseldorf-Oberkassel an einen der wichtigsten Tage in der deutschen Geschichte zu erinnern.

Rita ist damals nach Berlin gefahren. Im Taumel der guten Nachrichten von der Mauer packte sie ihre verschlissene Reisetasche aus braunem Leder, setzte sich in den Zug und entschwand. Ich blieb zurück und sah im Fernsehen die Berichte über die großen Demonstrationen in den großen Städten der DDR und begleitete von meiner Wohnzimmercouch aus die Hunderttausenden von Ostdeutschen, die an den opulenten Auslagen der Geschäfte des Kudamms in West-Berlin vorbeizogen und an der Mauer mit kleinen Hämmerchen kleine Steinbrocken aus der Wand schlugen und in ihre Taschen verschwinden ließen. Darauf hatten die Menschen in beiden deutschen Staaten Jahrzehnte gewartet, wie dieser Witz belegt:

Honecker trifft die bekannte DDR-Eiskunstläuferin Gabriele Seyfert-Messerschmidt und verspricht, ihr einen Wunsch zu erfüllen. 

"Öffnen Sie für einen Tag die Mauer!"

"Du, du, du", meint Honecker, "willst wohl mit mir ganz allein sein?"

Am Tag, an dem die Mauer fiel, am 9. November 1989, endete für mich eine Liebe – und ein Traum. Der Traum von der Wiedervereinigung als Roman. „Die Hochzeit“ sollte das Buch heißen. Eine spannende Geschichte aus dem Spionagemilieu auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Während die Agentin Ost den Agenten West in der romantischen Wieskirche im bayerischen Pfaffenwinkel heiratet, beenden die Regierungen von DDR und BRD ihren Kalten Krieg und unterschreiben den Einigungsvertrag.

Wie in einem Roman: Gegen die Vereinigung mit Intrigen, Mord und Millionen

Zwischen den ersten Begegnungen der Liebenden und der Regierenden streute ich die Zutaten, die eine solche brisante, weltbewegende Geschichte benötigt: Die Vier-Mächte-Staaten – die Französische Republik, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Amerika – wehren sich gegen den neuen Staatenbund und versuchen ein Großdeutschland mit Intrigen, Mord und Millionen Dollar-Bestechungen zu verhindern. 

Jahrelang gehen mein Literaturagent und ich mit diesem Stoff, aus dem die Träume sind, hausieren. Doch niemand will ein Buch über ein Ereignis, dass so unvorstellbar ist wie das Ende von Kommunismus und Sozialismus auf der Welt, obwohl doch schon der Witz genau das geahnt hat:

Sozialismus ist wie Bob fahren: links ne Mauer, rechts ne Mauer, und es geht immer bergab.

„Nette Geschichte, aber unglaubwürdig“ murmeln die Lektoren, „Traumtänzer“ grienen die Freunde. Und auch Rita, meine große Liebe, belächelt mich bis zu unserem letzten Augen-Blick – „das ist die blödeste Story, die ich je gehört habe“. Das alles spielt eben in einer Zeit, als solche makabren Witze entstehen:

Zwei Soldaten des Bundesgrenzschutzes patrouillieren an der innerdeutschen Grenze. Plötzlich entdecken sie einen Mann, der sich an einem Baum direkt am Grenzzaun erhängt hat.

"Au weia, das gibt wieder einen Papierkram", sagt der eine.

Nach einigem Überlegen kommt dem anderen die Idee: "Komm, wir hängen ihn auf die andere Seite!"

Gesagt, getan. Sie hängen die Leiche auf die andere Seite des Grenzzauns und gehen weiter. Eine halbe Stunde später kommen zwei DDR-Grenzer an die Stelle. Da stupst der eine den anderen an und meint: "Nu gugge do, do hängt er ja schon wieda...!"

Zwei Wochen nach dem Fall der Mauer bekam ich ein Päckchen von Rita. Es enthielt einen kleinen, grob geschlagenen Stein aus der Berliner Mauer und eine Postkarte, beides sorgfältig mit einer lilafarbenen Geschenkkordel verbunden und verknotet. Die Karte zeigt das Foto eines Soldaten der DDR-Volksarmee, der, das Gewehr geschultert, über eine Stacheldrahtsperre von Ost nach West in die Freiheit springt. Auf der Rückseite steht: „14.8.1961 Bernauer Straße. Der erste geflüchtete Volksarmist, einer von 2800 seit dem Bau der Mauer.“ Darüber hat Rita mir mit großen Buchstaben drei Worte hingeschnörkelt: „...iset nisch schön...?!“

Ein Abschied mit wenigen Worten. Rita ist in Berlin und wie sie ist auch der Roman über die Wiedervereinigung an diesem 9. November 1989 auf der Strecke geblieben.


 


 

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