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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Zweite Krankenschwester schreibt dem Krankenminister

Katastrophenbeseitigung: Der Brief der Krankenschwester im Wortlaut

"Mein Name ist Sophy Baier , 26 Jahre alt und inklusive der Ausbildung arbeite ich seit 9 Jahren in der Pflege. Sechs davon in der Intensivpflege. Schon alleine in diesen paar Jahren hat sich viel in der Pflege verändert. Allerdings nicht zum guten. So begann ich also als hoch motivierte, junge Schwester um Menschen in den wahrscheinlich schwersten Situationen ihres Lebens zu helfen. Sie zu pflegen, zusammen mit den Ärzten Therapiekonzepte zu erarbeiten um den Gesundheitszustand zu verbessern und diese dann umzusetzen, aber auch um ihre Hand zu halten, wenn sie geplagt von Schmerzen und Angst sind oder auch in Ihren letzten Atemzügen liegen.

So habe ich mir meinen Beruf vorgestellt. Falsch gedacht. Das, was ich in den letzten Jahre mache, ist Katastrophenbeseitigung. Wozu ich komme ist, zu versuchen zu verhindern das die Patienten sterben. Zeit für ein Gespräch mit dem ängstlichen Patienten habe ich nicht. Ich betreue nämlich nicht , wie von Experten geraten, nur 2 Patienten sondern 3-4.

Für adäquate hochwertige Pflege fehlt die Zeit

Würden sie sich vielleicht mal mit dem Thema intensiv auseinandersetzen, wüssten sie vielleicht, dass das viel zu viel ist um eine adäquate, qualitativ hochwertige Pflege durchzuführen. Verwirrte Patienten müssen durch Medikamente ruhig gestellt werden, weil keine Zeit da ist um sich intensiv um sie zu kümmern. Menschen werden länger ins Koma gelegt und beatmet als nötig, weil keine Zeit da ist, um den Patienten nach der Extubation engmaschig zu überwachen und ggf. durch unterstützende Maßnahmen die spontan Atmung zu verbessern.

Die Koma-Patienten und solche, die nicht in der Lage sind sich selbstständig zu bewegen, liegen sich wund, weil keine Zeit da ist um die Patienten in regelmäßigen und notwendigen Abständen zu drehen. Dies sind alles Dinge die das Out-come deutlich verschlechtern. Mehrere randomisierte Studien belegen dies.

Was bleibt am Ende des Tages: Frustration

Nun gehe ich also seit einigen Jahren jeden Tag total frustriert nach Hause. Weil ich es trotz großer Bemühungen nicht geschafft habe meinen Patienten gerecht zu werden, geschweige denn sie ein Stück weiter in Richtung Genesung gebracht zu haben. Zum Dank für alle Bemühungen steigt der Dokumentationsaufwand. Damit man alles schön abrechnen kann. Und der ein oder andere Geschäftsführer hat noch mahnende Worte übrig, weil man eine Gefährdungsanzeige für den Dienst geschrieben hat.

So entschied ich mich aus der Anstellung in einer Klinik auszuscheiden und bin seitdem „Leihschwester“. Jedes Mal, wenn eine Intensivstation personelle Engpässe hat, rufen Sie bei meiner Agentur an und buchen meine Dienstleistung. So habe ich also Einblick in viele verschiedene Krankenhäuser und Intensivstationen.

Was mir AUSNAHMSLOS begegnet sind frustrierte, verzweifelte Kollegen die am Ende ihrer Kräfte sind. Die überwiegend die Liebe zum Beruf verloren haben. Oft höre ich Aussagen wie „ich hatte mal einen schönen Beruf“

Ich als Leihschwester habe etwas mehr Glück. Ich werde halbwegs angemessen bezahlt, habe ein absolut flexibles Arbeitszeitsystem und erfahre große Wertschätzung durch meine Chefin.

Der Großteil meiner Kollegen, die angestellt in den Kliniken sind, erfahren so etwas nicht. Die dünnen Personaldecken sind nur noch durch Leihkräfte aufzufangen. In jeder Klinik, in der ich bisher war, kommt es zur gefährlichen Pflege. Und das auf einer Intensivstation, wo gefährliche Pflege den Tod eines Menschen bedeuten kann. Wie würden sie es finden, wenn Ihre nächsten Angehörigen versterben würden, weil es nicht genug Personal auf einer Station gab?

Pflegenotstand - und die Politik übt sich in Ignoranz

Nun sitze ich hier und höre/lese diesen ganzen Schwachsinn, den Sie in den letzten Wochen von sich geben. Seit JAHREN!! warnen Experten vor dem Pflegenotstand. Niemanden aus der Politik hat das interessiert, dieses Problem wurde schlichtweg einfach ignoriert. Kurz vor den Wahlen hier und da mal ein Wahlversprechen zur Verbesserung der Bedingungen in der Pflege, welche allerdings auch nie wirklich umgesetzt wurden. Im Gegenteil. Man unterstützt die Privatisierung der Krankenhäuser, der finanzielle Druck auf die Häuser steigt und die Leidtragenden sind die Pflegekräfte und am Ende die Patienten.

Welchem jungen Berufsanfänger soll ich denn da noch den Beruf schmackhaft machen? Wir arbeiten jedes 2. Wochenende. Wenn Sie an Weihnachten mit ihrer Familie um den Tannenbaum sitzen, habe ich Nachtdienst. Ich arbeite im ständigen Wechsel der Schichten. Ich habe mit meinen 26 Jahren mehr Tote gesehen als Sie es jemals tun werden, muss dies in meiner wenigen freien Zeit irgendwie verarbeiten und mein Orthopäde schlägt Alarm, weil mein Rücken 20 Jahre älter ist als ich selbst!

Empfehlung: Minister ins Praktikum!

Damit Sie vielleicht mal etwas Sinnvolles auf die Beine stellen können, würde ich Ihnen einfach mal ein einmonatiges Praktikum in der Pflege empfehlen. Das lässt sich bei Ihrem Gehalt ja sicher einrichten, oder müssen Sie mit 1700 € Ihre Familie ernähren, die sie kaum sehen, weil sie zusätzlich zu ihrer 100 Prozent Stelle ständig Überstunden schieben müssen?"

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                   Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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