Interview mit Karl-Heinz Stockheim
Evolution statt Revolution
Düsseldorf. Auf ihr 60-jähriges Bestehen kann die Stockheim-Gastronomiegruppe zurückblicken. Ihr Entwicklung begleitet, wenn man so will, die Entwicklung der Bundesrepublik. Anlass für die Redaktion von "food service", der führenden deutschen Gastronmiefachzeitschrift, ein ausführliches Interview mit Gründersohn und Firmenchef Karl-Heinz Stockheim (65) zu führen. Wir veröffentlichen den Wortlaut mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.
Herr Stockheim, Sie waren in den Vierzigern, als Ihr Vater Sie mit der Leitung des Unternehmens betraute – waren Sie darauf gefasst?
Karl-Heinz Stockheim: Zu jenem Zeitpunkt schon – es waren ja bereits etliche Jahre gemeinsamer Führungsverantwortung vergangen. Ursprünglich allerdings sah meine persönliche Lebensplanung anderes vor: In meiner Wahlheimat USA wollte ich eigene Wege gehen. Als mein Vater erkrankte und das Unternehmen dringend Unterstützung brauchte, gab es für mich als einzigen Sohn jedoch kein Wenn und Aber. Das mag auch mit meiner jesuitischen Erziehung zu tun haben… Vorbereitet war ich, wenn man so will, durch meine gastronomische Ausbildung und Absolvierung der Hotelfachschule – sowie Berufserfahrungen am Flughafen Paris-Orly und im Waldorf-Astoria in New York. Speziell die Zeit in Orly war für mich prägend: Seither hat mich der Gedanke systematisierter Gastronomie an Verkehrsstandorten fasziniert.
Sie haben seinerzeit die (Führungs-)Kultur des Hauses nachdrücklich verändert…
Karl-Heinz Stockheim: Mein Vater hat das Unternehmen mit den Mitteln und Möglichkeiten seiner Zeit erfolgreich geführt. Mir war klar, dass es aus Gründen der Zukunftssicherung zwingend nötig war, die bis dahin zentral aufgestellte Organisation auf eine breitere Basis zu stellen und die unternehmerische Verantwortung zu dezentralisieren. Unsere Gesellschaften operieren deshalb eigenverantwortlich in ihren Märkten unter strenger Beachtung des Regelwerkes der Gruppe – beispielhaft: die Richtlinien Einkauf und Personal. Die Führungskräfte berichten direkt an die Holding. Gleichzeitig war der Umbau der Verwaltung, wie er sich heute in den nach Verantwortungsbereichen gegliederten Strukturen unserer Management Service Gesellschaft (MSG) unter Führung von Olaf Mannertz widerspiegelt, eine wichtige Aufgabe.
Als Nachfolger an der Spitze: Was war für Sie am reizvollsten, worin lag die größte Herausforderung für Sie persönlich?
Karl-Heinz Stockheim: Nicht unbedingt reizvoll, sondern zwingend notwendig war für mich angesichts der Marktentwicklung der Um- und Ausbau des Portfolios in Richtung Verkehrsstandorte und hin zu Konzepten, die den zunehmend mobilen und zeitknappen Verbraucher ins Visier nahmen. Doch habe ich – bei strategischer Ausrichtung wie organisatorischen oder personellen Maßnahmen – stets die Evolution der Revolution vorgezogen. Wie mein Vater habe ich mit der Verpflichtung leben müssen, für die Sicherheit der Arbeitsplätze von zeitweise 1.500 Mitarbeitern Sorge zu tragen: eine Schlussverantwortung, die uns beide manche schlaflose Nacht gekostet hat.
Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?
Karl-Heinz Stockheim: Lassen Sie mich hervorheben, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unser Unternehmen eine lange Wegstrecke mit Loyalität und Engagement begleitet haben. Persönlich denke ich besonders gern an die Entwicklung der Marke Cafetiero vor mehr als zwölf Jahren zurück – auch wenn ich am Anfang mit dieser Idee ziemlich alleine dastand. Später hatte der Erfolg wie immer viele Väter!
Welche speziellen Stärken kann ein privates, mittelständisches Unternehmen wie Stockheim in den Domänen Verkehrsgastronomie und Messe- sowie Eventcatering ausspielen?
Karl-Heinz Stockheim: Sechs Jahrzehnte Erfahrung an Hochfrequenzstandorten sind ein wertvoller Fundus – ein Geschäft, das besonderen Gesetzen folgt: hohe Abwicklungsgeschwindigkeit, starkes Gastaufkommen, überdurchschnittlich lange Öffnungszeiten. Gewachsene, partnerschaftliche Beziehungen zu unseren Vermietern fallen ebenfalls positiv in die Waage. An Grenzen stoßen wir, verglichen mit internationalen Konzernen, sicherlich beim Expansionstempo. Bei allen Entscheidungen, auch Investitionsplanungen, haben wir als Mittelständler ein genaues Auge auf den sorgsamen Umgang mit unseren finanziellen Ressourcen.
Die Stockheim-Gruppe beschäftigt bundesweit rund 1500 Mitarbeiter und erzielt eine Jahresumsatz von sa. 100 Mio. Euro. Neben dem Stammsitz Düsseldorf (ca. 800 Mitarbeiter) ist das Gastronomie-Unternehmen u.a. in Hamburg, Köln, Karlsruhe und Leipzig mit Niederlassungen präsent. Schwerpunkte der Aktivitäten:
- Verkehrsgastronomie (an Flughäfen und großen Bahnhöfen)
- Messe- und Kongressgastronomie (Düsseldorf, Hamburg, Karlsruhe)
- Event-Gastronomie (bundesweit jährlich rund 400 Veranstaltungen)
Der Grund, weshalb Wachstum außerhalb Deutschlands bislang für Sie nicht zur Debatte stand?
Karl-Heinz Stockheim: Von der rheinischen Homebase aus hat die Gruppe seit den 80ern ihren Aktionsraum ein gutes Stück Richtung Norden, Süden und Osten der Nation ausgedehnt. Mit dieser Aufbauleistung bin ich durchaus nicht unzufrieden. Aktuell verfolgen wir die Zielsetzung, an den bestehenden Standorten und auf den bestehenden Flächen durch Qualität zu wachsen. Eine Internationalisierung, insbesondere mit unserem Markenkonzept Cafetiero, will ich nicht ausschließen – kein Projekt für die nähere Zukunft allerdings.
Ihre Vision 2015plus - als Unternehmer und privat?
Karl-Heinz Stockheim: Meine persönlichen Planungen sehen vor, die Führung des Gesamtunternehmens noch bis zum 67. Lebensjahr fortzusetzen, um mich danach als Vorsitzender des Beirats zurückzuziehen und die unternehmerische Verantwortung auf mehrere Personen zu verteilen, die schon heute in unserer Organisation entsprechende Aufgaben wahrnehmen. Der Generationenwechsel Vater-Sohn seinerzeit war nicht strategisch vorbereitet – eher ein klassisches Verdrängungsthema. Für meine eigene Nachfolgeregelung habe ich daraus gelernt und mich im Sinne der langfristigen Sicherung des Unternehmens beizeiten mit der Frage des Übergangs auseinandergesetzt.
Die nächste Stockheim-Generation kommt nicht ins Spiel?
Karl-Heinz Stockheim: Meine beiden mittlerweile erwachsenen Kinder Carla (22) und Marc (21) stehen derzeit mitten in der Ausbildung: Marc studiert – seine eigene Entscheidung! – an der Hotelfachschule in Lausanne, Carla absolviert ein Designstudium in Barcelona. Nach Abschluss ihrer Studien in einigen Jahren werden wir gemeinsam über die weitere Entwicklung diskutieren. Bereits jetzt haben beide einen sogenannten Hörerstatus im Beirat der Stockheim-Gruppe.
Herr Stockheim, wenn Sie nicht oberster Steuermann im eigenen Unternehmen geworden wären, welche berufliche Passion hätten Sie stattdessen gerne ausgelebt?
Karl-Heinz Stockheim: Ein Thema, das mich als Unternehmer stets begleitet hat, ist die Umsetzung von Visionen. Eine Form von Mission! Und bis heute fasziniert mich die Arbeit von Missionaren, die sich unter einfachsten Bedingungen irgendwo auf der Welt ganz konkret für Veränderung einsetzen. Vergangenes Jahr hatte ich Gelegenheit, gemeinsam mit meinem Sohn in der Maya-Region in Mexiko mehrere Wochen lang bei einem Projekt der Legionäre Christi mitzuarbeiten. Es entstehen neben einer Kirche Werkstätten und eine Schule. Ziel ist es, notleidenden Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, selbstständig für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Menschen begeistern und Dinge bewegen, Veränderung, Aufbruch, Zukunft initiieren: Das finde ich äußerst erstrebenswert.
Interview: Marianne Wachholz (Redaktion food service)
(Redaktion)
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