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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Alle reden vom Fasten

Die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag dient jedes Jahr vielen Menschen als willkommene Gelegenheit sich selbst und allen anderen zu zeigen, dass man auch ohne Süßigkeiten, Facebook und Fernsehen überleben kann.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Abnehmen. Der Schauspieler Ottfried Fischer hat gerade 30 Kilo mit einer Suppen-Diät abgespeckt, was auch wirklich allerhöchste Zeit war. Mittlerweile weiß jedes Kind, dass ungesundes und Industriezucker-Essen krank und dick macht, langfristig die Gefäße verstopft, zu Bluthochdruck und zu Entzündungen im Körper führen kann.

Wer es sich leisten kann, bucht darum gerne in der Fastenzeit Ayurveda in Sri Lanka oder eine Basen-Woche in einem Biohotel. Kann sein, muss aber nicht. Im aktuellen Geo Heft „Fasten“ erklärt Dr. Hania Luczak, warum der kluge Verzicht die beste Medizin ist.

Dem Berliner Arzt Prof. Dr. Andreas Michaelsen ist der Nachweis gelungen, dass bereits nach 15 Stunden Fasten der Fettabbau in den Speichern losgeht und viele Prozesse ins Laufen kommen. Man spricht hier vom intermittierenden oder Intervallfasten. Fasten in dieser Form entpuppt sich dabei als wahrer Jungbrunnen: Gehirnzellen bilden sich neu, Entzündungen werden gehemmt und der Mikroschrott, der sich in den Zellen angesammelt hat, wird im Selbstreinigungssystem aufgefressen (Autophagie).

Gefastet werden kann nach Lust, Laune und Durchhaltevermögen. 16 Stunden sollten zwischen der letzten Mahlzeit am Abend und der ersten des nächsten Tages liegen. Aber auch 24 Stunden einmal die Woche werden empfohlen. Ein durchschnittlich großer Mann mit normalem Gewicht könnte übrigens 40 Tage lang fasten – exakt die Zeit also zwischen Karfreitag und Ostersonntag, wenn man die fastenfreien Sonntage abzieht.

Fastenkönige auf Säulen

Wahre Fastenkönige und vermutlich kerngesund waren die Säulenheiligen der östlichen Kirche. Diese stellten sich zwischen dem 4. und dem 11. Jahrhundert auf eine Säule, um dort ihr Leben im Dienste Gottes zu verbringen. Die Säulen wurden im Laufe ihres Lebens immer höher und die Säulenheiligen, auch Styliten genannt, immer älter. Im Jahr 979 starb der heilige Lukas im 101. Lebensjahr auf seiner Säule, die im Wasser stand (Rudolf Hiestand, Der Säulenheilige, in: Alternative Welten in Mittelalter und Renaissance, 1988, S. 19-44, S. 23).

Den exponierten Aufenthalt auf Säulen in der Landschaft halte ich jedoch für keine angemessene Lebensform im 21. Jahrhundert. Und überhaupt will das Gros der Fastenden ja keine religiöse Askese, sondern fit und gesund sein.

Noch ambitionierter sind jene, die – wie die Evangelische Kirche mit dem Fastenmotto „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“ – auch Gutes tun wollen. Könnte man da nicht wie Wasser in Wein, auch Schweiß in Energie verwandeln?

Sport als Erneuerbare Energie

Der Physiker und Düsseldorfer Unternehmer, Investor und Coach Dr. Ralf Lauterbach hat auf Nachfrage folgende Berechnungen angestellt. Ein guter Radfahrer kann ca. 200 Watt über längere Zeit erzeugen. Die dabei erzeugte Energie kann man nicht einfach in das Stromnetz einspeisen, denn sie muss dazu auf 220 Volt Spannung transformiert werden. Bleiben am Ende ca. 100 W Leistung übrig, die ein geübter Radfahrer in einer Stunde erzeugen kann.

Damit könnte man eine Stunde lang eine konventionelle Glühbirne zum Leuchten bringen. Das klingt noch nicht nach Energiewende. Rechnet man jedoch hoch, dass es 9,08 Millionen Mitglieder in Fitnessstudios gibt, von denen ein Viertel im Training auch Fahrrad fährt, kommen wir auf 2,27 Millionen „Radfahrer“. Fahren diese zwei Mal in der Woche 15 Minuten Rad, erzeugen sie 68,1 Mio „Fahrrad-Fahr-Minuten“ pro Woche.

„Bei 40 anrechenbaren Wochen pro Jahr wären wir dann bei 2724 Mio. Minuten, also 45,4 Mio. Stunden im Jahr. Multipliziert mit den 100 Watt kämen wir auf 4,54 Millionen Kilowatt Stunden pro Jahr. Damit ließen sich 1297 Drei- oder Vierpersonenhaushalte mit Energie versorgen“, rechnet Lauterbach vor.

Die Umrüstung der Geräte und die Einspeisung ins öffentliche Netz – da zucken vermutlich Betreiber und potenzielle Investoren zurück. Aber das Gefühl, nicht nur seinem Körper, sondern auch der Umwelt etwas Gutes zu tun, dieses Gefühl würde einfach perfekt in unsere Zeit passen.

(Susan Tuchel)


 


 

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