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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Alle reden vom Kuscheln

Ein neuer Trend ist da: Kuscheln. Höchste Zeit, denn Wissenschaftler bescheinigen uns: Wir laufen Gefahr, durch unseren Lebenswandel zu wenig Oxytocine zu produzieren.

Bevor wir klären, was Oxytocine sind, erst einmal zum Wort „kuscheln“. Das kommt sehr unromantisch von „kuschen“, einem alten Zuruf an Jagdhunde, dass diese sich auf der Stelle hinlegen und still sein sollen. Doch ich will nicht unken. Heute verbinden wir mit Kuscheln Intimität, körperliche Nähe und − sofern nicht schon ein gravierendes Kuschelproblem vorliegt – etwas grundsätzlich Positives.

Gekuschelt wird landläufig in Familien, vor allem zwischen Kinder und Eltern, aber auch unter Geschwistern, mit Haustieren, mit den berühmten Kuscheltieren sowie in Beziehungen zwischen oder innerhalb der Geschlechter.

Nun sollen wir aber auch das Kuscheln heute nicht mehr so richtig drauf haben. In der aktuellen TAZ-Wochenendausgabe ist schon die Rede von der „unterkuschelten Gesellschaft“. Das klingt nach emotionaler Eiszeit.

Und der Befund versetzt uns tatsächlich in Schockstarre: Millionen Menschen verweigern sich Berührungen. Nicht aus bösem Willen, oh nein: Bei ihnen liegt eine Störung bei der Produktion des Hormons Oxytocin vor. Das wird vor allem bei der Geburt und beim Stillen produziert und stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Später beeinflusst es die Interaktion zwischen Geschlechtspartnern sowie unsere sozialen Interaktionen. Ausgeschüttet wird es in erster Linie bei angenehmem Hautkontakt.

Warum leiden heute so viele Menschen unter Oxytocin-Mangel? Die Wissenschaft führt folgende Ursachen ins Feld: Wunschkaiserschnitte, Fernbeziehungen, die vielen Singles, der Spagat zwischen Job und Familie, die Digitalisierung, also summa summarum: Wir haben uns den Schlamassel mal wieder selber eingebrockt. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zu Körperkontaktstörungen und Autismus. Wir müssen also ganz dringend mehr kuscheln.

Mitkuschelzentrale

Natürlich ist das Problem in Amerika längst bekannt. Zwei New Yorker Sexualtherapeuten führten deshalb schon im Jahr 2004 die ersten „Cuddle Partys“ für Paare mit Beziehungsproblemen durch.

Schnell schwappte die Welle über den Atlantik zu uns. Also eigentlich nichts Neues. Neu ist nur, dass heute nicht mehr nur im geschützten therapeutischen Raum gekuschelt wird. Alle, die sich als kuschelwillig outen, können hierzulande auf Kuschelpartys gehen. Wer wissen will, was da so abgeht von der emotionalen Aufladung bis zur Erektion von Björn auf einer Leipziger-Kuschelparty, dem empfehle ich wärmstens den Artikel „Berühr mich! in der TAZ.

Neu am Firmament des Kuschelkosmos ist die deutsche Mitkuschelzentrale, die zwei Brüder gegründet haben, ganz ohne kommerziellen Hintersinn. Diese Robin Hoods der angenehmen Hautkontakte wollen nicht mehr und nicht weniger als unsere Kuschelfrequenzen ankurbeln. Mitmachen kann, wer bei Facebook ist.

Aktuell gibt es in NRW nur eine Kuschel-Gruppe in Köln, was für den einen oder anderen Düsseldorfer vielleicht ein kleines Hindernis sein könnte.

Manch einer ist vielleicht persönlich noch nicht ganz so weit, mit wildfremden Menschen zu kuscheln. Für wen Kuscheln womöglich etwas Intimes ist, das Vertrauen, Nähe und eine Form der Beziehung voraussetzt, dem kann auch geholfen werden. Gehen Sie einfach singen.

Ich empfehle z. B. die Mitsingkonzerte von „Frau Höpker bittet zum Gesang“. Denn beim Singen wird nicht nur das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet, sondern auch das „Kuschelhormon“ Oxytocin. Wenn Frau Höpker ihre Mitsänger zum Schunkeln einlädt, kommt es zu einem echten Körperkontakt mit vertretbarem Kuschelfaktor.

Zumindest im Rheinland funktioniert das ausgezeichnet, denn diese Form des Körperkontakts ist dem Rheinländer quasi in die Wiege gelegt.

(Susan Tuchel)


 


 

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1 Kommentar

von riccio
08.05.16 01:10 Uhr

100% right!! go for "kuscheln"!!!:-)

 

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