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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Anstupsen – aber bitte mit Niveau

Anstupsen kennt wohl jeder Facebooker als eine Kontaktvariante im Social Media-Kosmos. Sie zählt zu Recht zu den unbeliebtesten Formen der Kontaktaufnahme. Ich ignoriere sie komplett.

  1. ...weil ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll. Wenn mich jemand in der Bahn anstupst, dann freue ich mich doch auch nicht.
  2. ...warum anstupsen, wenn man auch reden oder schreiben kann? Vielleicht, weil gerade Schreiben eine Hürde ist?

Nur Mut, damit ist es ohnehin nicht weit her und das nicht nur in den sozialen Medien. Richtiges, orthographisch korrektes Schreiben ist ohnehin out. Kommata werden nach einem nicht erkennbaren System über Texte ausgeschüttet. Die alte Regel, Haupt- und Nebensatz durch ein Komma zu trennen sowie einen Relativsatz durch ein Komma kenntlich zu machen, mit solchen Einwänden steht man schnell als Erbsenzähler in der Kritik. Auch simple Regeln bei der Verwendung von „das“ oder „dass“ werden nicht beachtet.

Kunterbunt geht es – insbesondere bei E-Mails – bei den Personalpronomina „sie“ und „ihr“ zu. Diese werden auch dann groß geschrieben, wenn keine direkte Anrede vorliegt. Und dann kommt noch die Unkenntnis in der Sache hinzu.

Letztens las ich in der NRZ: „Vesper-Fahrer nach Unfall in Klinik“. Es handelte sich hierbei jedoch keineswegs um einen Mönch, der nach der Vesper verunfallt war, sondern um einen Vespa-Fahrer, der von einem Skoda erfasst und zu Boden geschleudert worden war.

Anstupsen geht aber auch anders. Wie fast immer kommt die Methode, die sich Nudging nennt, aus Amerika. Sie geht auf den Ökonomen Richard Thaler und den Rechtswissenschaftler Cass Sunstein zurück.

Im Gegensatz zur Werbung, die gezielt manipuliert, um den Konsum anzuheizen, werden die Bürger beim Nudging dahin gebracht, gelegentlich das Richtige fürs Allgemeinwohl zu tun. In Kopenhagen leiten grüne Fußabdrücke die Bürger zum nächsten Papierkorb. Dieses Konzept sollte unbedingt auch in die Verkehrspolitik Eingang finden.

Stupsen wir doch mal die Verkehrspolitik in Düsseldorf an...

Fangen wir doch damit an, dass der Fahrradweg an der Rheinuferpromenade in Düsseldorf alle paar Meter mit kleinen Fahrradpiktogrammen markiert wird. Meinetwegen spende ich sogar dafür, damit es auch der letzte orientierungslose Fußgänger begreift, dass das einer der wenigen Fahrradwege ist und der Fußgängerweg gleich nebenan.

Im Sinne des Nudging wäre es auch, wenn die Stadt Unternehmen, die ihren Mitarbeitern E-Bikes oder Fahrräder zur Verfügung stellen oder Elektroautos anschaffen, steuerlich entlastet. In einem Schreiben könnte Oberbürgermeister Thomas Geisel dann alle Unternehmen anstupsen mit dem Hinweis: „Schon 40 Prozent der Düsseldorfer Unternehmen sind dabei und sparen im Jahr so und so viele Steuern.“

Und wenn dann noch zum Grand Depart-Hype mehr vernünftige Radwege (auch bitteschön einer am Libeskindbau vorbei) hinzukämen, dann hätten Fahrradfahrer in der Landeshauptstadt eine realistische Chance, die Früchte ihrer Fortbewegungsart auch zu ernten, statt vor Kühlerhauben und sich blitzartig öffnenden Autotüren zu landen.

Denn nach einer aktuellen schwedischen Studie sind Fahrradfahrer schlanker und haben bessere Blutdruck- und Blutzuckerwerte als Autofahrer und Fußgänger. Oder ist das womöglich weder verkehrs- noch gesundheitspolitisch erwünscht?

(Susan Tuchel)


 


 

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