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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Chaos um Corona

Gerade noch einmal davongekommen. Und was jetzt gut ist, sollte auch so bleiben.

Ostern haben wir die eindringliche Bitte von Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Wind geschlagen und eine Familienzusammenführung mit unserem Sohn durchgeführt. Er hätte die Ostertage ansonsten mutterseelenallein an seinem Studienort verbringen müssen. Das überforderte mein mütterliches Herz. Also wurde er im Souterrain einquartiert und wir hielten den Sicherheitsabstand ein außer bei Tisch. Einen Tag nach seiner Rückkehr bekam ich die Nachricht via WhatsApp, er sei erkrankt, leide an Fieber und trockenem Husten.

Prävention

Schon als Schülerin hatte ich mir mein Taschengeld als Reinigungsfachkraft in Operationssälen verdient. Heute, als Pressesprecherin eines Krankenhausberatungsunternehmens, wusste ich, was zu tun war: alle Hand- und Hautkontaktstellen waren mit einer „gegenstandsbezogenen Tuchführung“ zu reinigen. Bewaffnet mit Tüchern und Desinfektionsmitteln lief ich also am frühen Sonntagmorgen durch die Wohnung und desinfizierte Türklinken, Lichtschalter und jede einzelne Computertaste. Wer sich fragt, was eine gegenstandsbezogene Tuchführung ist: Eben nicht das, was die Dame im Deutschen Bundestag macht, wenn sie die Oberfläche des Rednerpultes reinigt. Politiker greifen bei ihren Ausführungen um den Rand des Pultes, also genau dorthin, wo nicht desinfizierend gereinigt wurde. Noch am gleichen Tag ließ unser Filius einen Abstrich vornehmen. Wir begaben uns in häusliche Quarantäne und warteten auf sein Testergebnis. Und ich dachte insgeheim, ob ich wohl doch besser auf Mutti Merkel hätte hören sollen?

Ferndiagnose aus der Türkei

Beim Grübeln, ob und wann uns das Coronavirus anspringen würde, sorgte die IT für Ablenkung. Denn an diesem Tag wurden alle eingehenden Mails von meinem Mailserver gelöscht. Diese und die beiden nächsten Tage war ich viel unterwegs in den Hotlines meines Providers und meines Computerhändlers. Als auch diese nicht mehr weiterwussten, rief ich beim Hersteller an und fragte, was denn am Apfel vielleicht faul sein könne. Ein Call-Center-Agent bestritt jedwede Verantwortung vehement und monoton. Ich verlangte seinen Vorgesetzten. Dieser kam zu dem Schluss, dass wir gemeinsam alles noch einmal neu aufsetzen sollten. Mir brach der Schweiß aus, sicherheitshalber fragte ich ihn nach seinem Namen und Wohnort. Sein Name war so ähnlich wie Feti und er saß in Instanbul, beruhigte mich aber mit sonorer Stimme, ging mit mir per Ferndiagnose in die Tiefen des Computers und am Ende passierte: nichts.
Der Provider hatte die Mails zwar auf mein eindringliches Flehen wiederherstellen können. Dumm ist nur, dass alle Mails nun auf einen einzigen Tag, den 19.04.2020, datiert sind. Ein alternatives E-Mail-Programm mit blauem Vogel kann die Mails übrigens mit dem richtigen Datum abrufen, obwohl sie beim Provider mit dem falschen Datum stehen. Mein Hersteller-Mail-Programm kann das nicht. Seitdem weiß ich, warum der Apfel so angefressen aussieht.

Aufatmen

Am dritten Tag kam das Testergebnis: negativ. Also war das leichte Kratzen in meinem Hals wohl psychischer Natur gewesen. Gesundheit ist ein hohes Gut, keine Frage. Ich ging in den Südpark und erfreute mich des Lebens, an Sonne und frischer Luft. Die wird ja immer besser. Das sollte unbedingt so bleiben. Das wird nicht ohne Einschränkungen funktionieren, aber hierfür ist die Zeit gerade günstig. Könnten wir bitte das Grillverbot auf öffentlichen Grünflächen verstetigen, lieber Herr Oberbürgermeister? Oder wenigstens nur definierte Flächen für kulinarischen Freizeitfeinstaub freigeben, um exponentiell ansteigende Grillschwaden einzudämmen? Die Lungen der Joggenden, Sonnenanbetenden, Sporttreibenden, Yogis jeden Geschlechts sowie der Spazierenden würden Ihnen das auch post coronam danken.

(Susan Tuchel)


 


 

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