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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Der Humanismus des Radfahrens

In Düsseldorf stinkt es zum Himmel, zumindest auf der Corneliusstraße. Das ist amtlich und eigentlich von der EU auch verboten.

Um die Überschreitungen des Stickstoffdioxid-Grenzwerts und des lungengängigen Feinstaubs zu verringern, wäre ein gut ausgebautes und sicheres Fahrradwegenetz ein gelungener Beitrag zur Immissionsminderung.

Die Franzosen als alte Radsportnation haben das schon vor uns durchdacht. Revolutionär waren sie ja schon immer. Marc Augé, der Begründer einer Ethnologie des Nahen, schrieb bereits im Jahr 2008 eine „Éloge de la bicyclette“. Das Buch erschien in diesem Jahr in der deutschen Übersetzung mit dem Titel „Lob des Fahrrads“.

Darin heißt es: „Das Leben zu ändern, das bedeutet heute zuallererst, die Stadt zu verändern. Es gibt viel zu tun, und nicht alles, was getan wird, ist gut.“ (S. 9). Das würde ich auch für Düsseldorf unterschreiben. Aber ich sehe einen Lichtschweif am Horizont.

Immerhin hat die Stadt gegen viele Widerstände durchgesetzt, dass der Grand Départ im nächsten Jahr hier stattfindet. Ich deute dies als ein Bekenntnis der Stadtpolitiker und Verkehrsplaner sich den (selbsternannten?) Titel fahrradfreundliche Stadt auch zu verdienen. Was wäre zu tun?

Utopie auf zwei Rädern

Die Bedingungen, dass sich die Stadtbewohner auf den Sattel schwingen, um zur Arbeit, zum Einkaufen oder sonst wohin zu fahren, fasst Augé im Konjunktiv zusammen: „Das setzt voraus, dass niemand mehr Angst vor dem Autoverkehr und vor Unfällen hätte, dass zahlreiche Vorkehrungen getroffen würden, dass es überall echte Fahrradwege gäbe und das Schicksal des Radfahrers nicht mehr von den Fähigkeiten, dem guten Willen und der Geduld der Bus- und Taxifahrer abhinge.“ (S. 66). Und diese Geduld ist bekanntlich endlich.

Gerade wurde eine meiner Freundinnen von einem zurücksetzenden Taxifahrer umgenietet, der auch noch Fahrerflucht beging.

Würde sie dies auf Facebook posten, erhielte sie vermutlich nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie das Posting einer Tierschützerin, die gesehen haben will, dass ein Radfahrer im Juli im Hofgarten eine Ente überfuhr. Wäre auch nicht schön. Tiere überfährt man nicht. Es sei denn, man sitzt im Auto. Gut 212.800 Rehe, Wildschweine und Hirsche ließen 2015 ihr Leben auf deutschen Straßen.

Der ADAC rät, lieber ein Tier zu überfahren, als auszuweichen.

Fahrradrepublik Deutschland

Die Grünen, das muss man ihnen lassen, haben das Fahrradthema für sich besetzt wie auch den Klimawandel. Sie wollen nun ganz Deutschland zu einer Fahrradrepublik ausbauen. Bis 2030 soll jeder vierte Weg nur noch auf zwei Rädern zurückgelegt werden.

Das wäre genauso prima wie die eine Million Elektroautos, die die Bundesregierung bis 2020 auf die bundesdeutschen Straßen bringen will. Und weil es 2016 erst 25.502 Elektroautos gab, also 974.498 fehlen, gibt es staatliche Förderprämien, um die E-Automobilindustrie anzukurbeln.

Das Geschäft mit E-Bikes dagegen boomt. 500 Euro Prämie für jedes neu gekaufte E-Bike fordert deshalb der Zweirad Industrie Verband (ZIV) vom Staat. Und daran schließen sich gleich auch 10 Gebote für den richtigen Umgang mit dem Thema Radverkehr (siehe auch hier) an, die sich ganz plausibel lesen:

  1. Aufstockung der Bundesmittel für die Förderung des Radverkehrs auf jährlich 1 Millarde Euro bis zum Jahr 2020.
  2. Schaffung von Rahmenbedingungen für einen sicheren Radverkehr.
  3. Integration der Radverkehrsförderung in die Umwelt- und Klimapolitik.
  4. Finanzierung und Durchführung von Imagekampagnen zur Steigerung der Fahrradnutzung.
  5. Kaufprämie von 500,- Euro bei der Neuanschaffung eines E-Bikes.
  6. Sicherstellung von Fahrradmitnahme in allen öffentlichen Verkehrsmitteln zu allen Tageszeiten – auch in ICEs.
  7. Flächendeckend sichere Fahrrad-Abstellanlagen in den Städten und an allen Bahnhöfen.
  8. Eine eigene Abteilung “Radverkehr” im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur mit angemessener personeller und finanzieller Ausstattung.
  9. Sinnvolle Vernetzung von Verkehrsmitteln zu einem Gesamtmobilitätskonzept.
  10. Förderung von Forschungsprojekten zum Radverkehr.

Germania est ommis divisa …

Im Städtchen Tübingen ist man in Sachen Luftreinhaltung schon ein Stückchen weiter. Der Bürgermeister hat eine städtische Abwrackprämie für Zweitakter in Höhe von 500 Euro ausgelobt, wenn man sich stattdessen ein E-Bike zulegt. Seit dem 19. September 2016 kann die Prämie beantragt werden. Acht Anträge sind bislang eingegangen. Landshut überlegt nachzuziehen.

Bei der Suche nach einem Vorbild für eine Fahrradrepublik bietet sich übrigens ein Blick gen Norden an. In Dänemark gibt es nur 1,8 Millionen Autos, aber 4,2 Millionen Fahrräder bei knapp 5,7 Millionen Einwohnern. Fahrrad fahren funktioniert also offensichtlich auch bei schlechtem Wetter.

(Susan Tuchel)


 


 

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