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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Die Tor(Tour) mit der Gesundheit

Während die Stadt sich mit dem Grand Départ quälte, zeigte Radsportler und MS-Patient Andreas „Besi“ Beseler, was die Tour auch noch heißen kann.

Mit Krankheiten lässt sich bekanntlich viel Geld verdienen. Nehmen wir zum Beispiel den verbreiteten Herpes simplex. Vor ihm kann man sich laut Dr. Google nicht schützen. Die unattraktiven kleinen Bläschen breiten sich aus, man fühlt sich stigmatisiert und keiner küsst einen mehr. Jahrzehntelang habe ich versucht, diese Ausstülpungen mit diversen Mitteln und medizinisch erprobten Wirkstoffen zu bekämpfen.

Vor einigen Jahren kam ein unsichtbares Zauberpflaster auf den Markt, das man auf die juckende Stelle kleben sollte, um Schlimmeres zu verhindern. Ich klebte das Pflaster auf die Lippe, ging ins Theater und während des Stücks wuchs die kleine Stelle monstermäßig weiter. Vor Hausmitteln wird von berufener Seite immer gewarnt, bei Medikamenten nur vor Neben-, nicht vor Hauptwirkungen. Am nächsten Tag gab mir die Apothekerin aus Mitleid mein Geld zurück.

Vor kurzem bekam ich dann einen heißen und dazu völlig kostenneutralen Tipp. Sobald das erste Kribbeln losgeht, rasch Wasser kochen, eine Ecke vom Taschentuch eintauchen und auf die betroffene Stelle drücken. Ist ein bisschen schmerzhaft, aber es funktioniert. Und für den Fall, dass im Outdoorbereich gerade kein heißes Wasser zur Hand ist: Im Selbstversuch habe ich meinen bite away-Stift angesetzt, der als elektronischer Stichheiler bei Insektenstichen zum Einsatz kommt. Auch er half, wenn auch kostenpflichtig.

Besi radelt um sein Leben

Doch zurück zum Geldverdienen an Krankheiten. Der Pharmakonzern Mylan hatte im Rahmenprogramm für den Grand Départ zu einem Filmevent „Die Tour fürs Leben: MS Meet Up“ mit Radsportler und MS-Patient Andreas „Besi“ Beseler eingeladen. Besi ist ein cooler Typ, er zieht ein Bein nach und hat lange Haare. Er trägt eine Outdoorhose und ein schwarzes Fahrradtrikot mit Sponsorenlogos.

Als der ehemaligen Manager im Jahr 1992 mit 27 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose (MS) bekam, fühlte er sich, so der O-Ton, als hätte man ihm die Eier abgeschnitten. Die Ärzte rieten ihm von jeglicher sportlicher Betätigung ab. Besi schluckte viele Medikamente, litt an den Nebenwirkungen, wurde ein Pflegefall.

Als nur noch ein Rollstuhl blieb, kam die Wende. Besi griff zum Stock, übte das Gehen, setzte sich auf ein Mountainbike, fiel um, stand auf, fuhr weiter, kaufte sich ein Rennrad und trainierte hart, bis in den Schmerz hinein. 2013 fuhr er fast 4.000 Kilometer durch Kanada, um Geld für die MS-Stiftung Nathalie Todenhöfer zu sammeln.

Schon ein Jahr später startete die erste „Besi & Friends“-Tour (http://www.rad-statt-rollstuhl.de/) von Rodgau bei Frankfurt bis nach Barcelona mit 40 Radsport-Fans, darunter viele mit MS und anderen chronischen Erkrankungen. Von diesen beiden Touren handelten die Filme.

Besi nimmt keine Medikamente, verkündete er an dem Abend, und Sponsor Mylan zuckte nicht. Er hatte auch die Entwicklung von speziellen Rennrädern gesponsert. Diese standen im Foyer des Stadttors und machten alles, was man von einem Rennrad eigentlich nicht erwartet.

Ich mühte mich ab mit einer springenden Kettenschaltung, eingebaute Stahlkugeln unter dem Lenkerband ließen meine Finger taub werden und der knallharte Sattel verursachte schon nach kurzer Zeit Beschwerden im unteren Lendenwirbelbereich. Mit solchen und noch viel schlimmeren Beeinträchtigungen wie massiven Störungen des Gleichgewichts leben in Deutschland 120.000 bis 140.000 Multiple Sklerose-Patienten – der Krankheit der tausend Gesichter.

Dass Menschen wie Besi beim Kampf gegen diese unheilbare Krankheit andere Wege als die medizinsch vorgeschriebenen gehen, zeigt, dass Mediziner gut daran täten, von ihren Patienten zu lernen. Auch auf die Gefahr hin, dass weniger Medikamente gebraucht werden und weniger Geld mit Krankheiten zu machen wäre.

(Susan Tuchel)


 


 

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