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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Duellieren ging früher anders

Statt Mord, Eifersucht und dem gewohnten Besuch in der Pathologie mit unerschrockenen Tatortkommissaren gab es gestern Abend ein Duell, das den Namen nicht verdient. Andererseits sitzen bei der Elefantenrunde auch keine veritablen Vierbeiner am Tisch.

Aber für die Sonntagabend-Fernsehbotschaft war das Duell trotzdem geeignet, denn ich weiß nun, gleichviel, was kommt: Deutschland ist mit dem TV-Kanzlerkandidaten-Duo in mindestens ebenso guten Händen wie bei den Ermittlern. Hier und da gab es kleine Differenzen zwischen den beiden gefassten, ruhigen, betont unaufgeregten Spitzenpolitikern, um den von vielen Medien angeheizten Spannungsbogen nicht gänzlich zum Einsturz zu bringen.

Ein heißes Thema war die PKW-Maut, die wir für die Österreicher auf jeden Fall und zwar mit schwer ablösbaren Aufklebern einführen sollten. Über den politischen Umgang mit Autokraten war man sich dann wieder weitgehend einig.

Einig war man sich bei aller Liebe zum Humanismus auch darüber, dass nicht alle Menschen aus fernen Ländern, in denen Krieg, Terror, Diktatoren oder wirtschaftliche Not herrschen, zu uns kommen können. Und der Islam bitteschön, der solle auf jeden Fall verfassungskonform sein, notfalls werde man sogar Moscheen schließen, wenn dort Hassprediger einen Keil in unsere demokratische Ordnung treiben wollen.

An dieser Stelle hätte ich mir übrigens von Angela Merkel und/oder Martin Schulz ein Moschee-Offenhalten-Plädoyer für die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee der Berliner Anwältin und Friedensaktivistin Seyran Ates gewünscht. Die ist sich nämlich ihres Lebens einmal mehr nicht sicher.

Ein Gespenst geht um

Apropos sicher: Dass die öffentliche Sicherheit durch Gewalt und Terrorismus bedroht ist, darin sind sich alle Parteien einig. Doch wie gehen wir damit um? Die ZEIT denkt selbstkritisch darüber nach, ob wir nicht besser daran täten, IS-Selbstmordattentäter in der Berichterstattung wie „normale“ Mörder zu behandeln und ihnen kein eigenes Medienspektakel mehr zu gönnen. Eine gute Idee? Mit der emotional aufgeheizten Berichterstattung über Terroranschläge, so die Argumentation, laufen wir Gefahr, Nachahmer durch den berühmten „Werther-Effekt“ zu rekrutieren.

Die andere Bühne, die wir den Tätern jedoch Tag für Tag bereiten, ist der Zustand einer freiwilligen Selbstbelagerung unserer Städte mit maschinenbewehrten Polizisten, Betonpfeilern, Wassertanks, Taschenkontrollen sowie dem Durchleuchten und Scannen von Gepäck und Videoaufnahmen im öffentlichen Raum. Wir sind der Meinung, dass penible Flugsicherheitsvorkehrungen das A und O sind und beschränken uns beim Handgepäck auf Flüssigkeitenbehälter bis 100 ml und geben die vergessene Nagelfeile klaglos ab.

Unsere Exekutive soll uns, unsere Städte, unsere Events und unsere Denkmäler beschützen. Trotz des erhöhten Aufgebots gaben laut einer Umfrage der YouGov-Deutschland GmbH 60 Prozent der Deutschen an, dass sich die Situationen, in denen sie sich gefährdet fühlen, erhöht haben. 68 Prozent fanden, dass sich die Sicherheitslage im öffentlichen Raum in den letzten zwei bis drei Jahren spürbar verschlechtert habe.

Ausnahmsweise hat diese Studie Recht. Denn obwohl jüngst vor dem Einlass in die Notre Dame in Paris ein Sicherheitsmann meine Tasche öffnete und durchsuchte und sie vor dem Besuch der Sainte-Chapelle mit Röntgenstrahlen durchleuchtet wurde, fiel bei keinem der Sicherheitschecks mein Schweizer Taschenmesser für die Frau auf Reisen mit einer veritablen 8,5 cm Klinge auf, das ich bei Outdoorurlauben mit dem Fahrrad oder Kajak immer dabei habe. Ich war mir aber eigentlich sicher, dass ich es schon herausgenommen hatte. Aber ich habe mich und die Sicherheitskräfte getäuscht.

Wie gut, dass ich nichts Schlimmes im Schilde führte – aber mein Fauxpas zeigt auch: Ein Duell mit Gewalt und Terror können wir nicht gewinnen, denn dazu muss man dem Gegner ins Auge blicken können.

(Susan Tuchel)


 


 

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