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QUERGEDACHT: DIE TUCHEL-KOLUMNE

Respekt und Solidarität

Ganz Deutschland ist zuhause - fast. Die einen erfinden sich neu, andere digitalisieren sich, weitere entdecken ihre Familie oder wollen auf den Feldern helfen.

Der Blick aus dem Fenster trügt. Blauer Himmel, Sonnenschein, eine Straßenbahn kurvt gerade mit einer Handvoll Fahrgästen um den Platz, auf dem kinderfreien Spielplatz sitzt eine Frau allein auf einer Bank und raucht. Ob sie wohl dem psychischen Druck oder gar häuslicher Gewalt entfliehen wollte?
Mitte Februar fiel mir in einem Einkaufsprospekt eine neue Reinigungsmittelmarke ins Auge, sie heißt „Respekt“. „Respekt“ gibt es als Allzweckreiniger namens Sommertraum oder als WC Reiniger Frische Minze. Markennamen mit Zusätzen wie Pflegdusche oder Entspannungsbad sind damit abgehängt. Vor meinem inneren Auge sah ich Produktnamen wie „Treue“, „Ehre“, „Liebe“, „Freundschaft“, „Toleranz“ und „Solidarität“. Und dann kam Corona. Nur gut, dass es noch kein Toilettenpapier mit dem Namen „Solidarität“ auf den Markt geschafft hat. Säße ich in einer Marketingabteilung eines Unternehmens, würde ich über den Markennamen „Systemrelevant“ nachdenken. Aber vielleicht hat „systemrelevant“ auch das Zeug dazu, zum Unwort des Jahres 2020 gekürt zu werden.

Noch eine, die fünfte Macht im Staate

Systemrelevant sind in erster Linie die Virologen, die derzeit gleichsam als fünfte Staatsmacht die Geschicke der Republik lenken und an deren Lippen oder Stimmen (wie im täglichen NDR-Podcast mit Christian Drosten) Abend für Abend Deutschland hängt, dicht gefolgt von den Politikern, die mit einem Füllhorn aus Schuldengeldern die Wirtschaft zu beruhigen versuchen. Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger, Apotheker, Altenpfleger, Post- und Paketboten, Essenlieferanten, Handwerker, Baumärkte, Unternehmen, die Masken nähen, werden ausdrücklich als Helden gefeiert und belobigt. Landwirte, auch Bauern genannt, sind ebenfalls wichtig, fürchten aber um ihre Ernte. Aus Solidarität meldeten sich freiwillige Helfer oder Studierende aus den verwaisten Unis. Bei den Landwirten machte sich jedoch die Sorge breit, dass diese beiden Gruppen der harten Arbeit auf den Feldern nicht gewachsen sind. Sind wir zu weich für diese Zeitläufte?

Keine Zeichen setzen

Viele Menschen haben gute Absichten und setzen gerne Zeichen, z. B. dass sie auf den Balkonen für die klatschen, die in den Kliniken ohne ausreichende Schutzkleidung schuften, worüber sich die nicht gut entlohnten Krankenschwestern und -pfleger zu Recht nicht freuen. Ihnen wären vernünftige Löhne jederzeit lieber gewesen. Bei manchen Branchen freue ich mich insgeheim, dass sie aktuell als nicht systemrelevant eingestuft werden, z. B. bei Bordellen oder Tattoostudios.
Wer heute als junger Mensch vor der Berufswahl steht, sollte sich ganz genau überlegen, was eigentlich ein krisenfester Job ist. Einbrecher und Taschendiebe gehören nicht dazu, Handwerker, Einzelhandelskaufleute, Polizei, Feuerwehr und IT-Berufe schon, Frisöre, Gastronomen und Hoteliers leider nicht. Wird am Ende nichts mehr so sein, wie es vorher einmal war? Kommt es womöglich zu einer neuen Zeitrechnung? Bislang findet man in Geschichtsbüchern die Abkürzungen a.c. (= ante Christum natum) oder p.c. (= post Christum natum). Ich würde Christus sehr ungern durch Corona ersetzt wissen.

(Susan Tuchel)


 


 

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