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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Vater, Mutter, Kind − ein Auslaufmodell?

Eine Szene im Kinderzimmer oder in einer frühkindlichen Fördereinrichtung im Jahr 2065: Die Teilnehmer: Ein Mädchen, ein Junge, eine Puppe (männlich, weiblich, geschlechtsneutral, farbig oder weiß). Werden die beiden noch auf die Idee kommen, Vater, Mutter, Kind zu spielen?

Oder müssen sie erst einmal verhandeln, ob sie verheiratet sind, in einer Lebenspartnerschaft leben, wer das Sorgerecht hat, ob die Puppe vielleicht gar nicht das leibliche Kind des Jungen ist, die Puppenmutter lieber allein erziehend sein möchte oder das Kind getrennt groß zieht, weil der leibliche Puppenvater und sie das gemeinsame Sorgerecht haben und sich beide zu 50 Prozent um den Nachwuchs kümmern?

Oder entschließen sich zwei Mädchen oder zwei Jungen oder zwei Mädchen und ein Junge oder zwei Jungen und ein Mädchen zum Spiel „Leute mit Kindern“, wie das Düsseldorfer Stadtmagazin „Libelle“ schon jetzt seine Zielgruppe definiert?

Wem das zu abgedreht ist: Schon heute weigern sich Puppenmütter wegen Laktoseintoleranz ihren Puppen ein Milchfläschchen zu geben – will heißen: Gesellschaftliche Trends, ob ernährungsphysiologisch oder soziologisch, werden in der Aneignung der Welt von Kindern aufgenommen und spielerisch verarbeitet.

Der Pakt für die Zukunft

Die traditionelle Kernfamilie ist an ihr funktionales Ende gekommen. Fortpflanzung und Familienstrukturen stehen auf dem Prüfstand.

Jüngst forderten die Piraten im Bundesrat für eine Erweiterung des Ehebegriffs einzutreten, von „polyamourösen Verantwortungsgemeinschaften“ war da die Rede. In Frankreich – unserem Vorbild von der Liebe über die Familienorganisation mit U3-Betreuung bis zur Ganztagsschule – gibt es seit 16 Jahren die Möglichkeit, einen zivilen Solidaritätspakt, den "Pacte Civil de Solidarité", zu schließen.

Ursprünglich für homosexuelle Paare gedacht, entwickelte sich der Zivilpakt auch für Heteros zum Standesamtschlager. Mittlerweile kommen auf fünf Lebensgemeinschaften zwei „Pacs“. Wer „pacst“, ist in puncto Steuer - und Erbrecht Ehepaaren gleichgestellt, allerdings ohne Witwen- oder Hinterbliebenenrente. Beim deutschen Modell der eingetragenen Lebenspartnerschaft für homosexuelle Paare ist der Versorgungsgedanke stärker ausgeprägt und hat in vielen Bereichen wie z. B. bei der Unterhaltspflicht und dem Versorgungsausgleich die gleichen Rechtsfolgen wie die Ehe. 

Was bei all diesen Modellen unhinterfragt als konstituierendes Element von Bindung angenommen wird, ist die Liebe und Sexualität zweier Menschen. Die sind jedoch, wie Scheidungsraten und Trennungen belegen, nicht in Stein gemeißelt.

Bei den alten Germanen war die Eheschließung vor allem ein wirtschaftlich begründeter Rechtsvertrag zwischen zwei Sippen. Das Modell der Liebeshochzeit setzte sich erst in der Neuzeit auf breiter Front in der Gesellschaft durch. Wenn wir die romantische Vorstellung einer Liebesbindung und die biologische Aufgabe der Zeugung von Nachkommen relativieren, dann wären auch steuerlich begünstigte Solidarpakte zwischen vielen Paarkonstellationen oder sogar in Kleingruppen denkbar: zwischen Freundinnen, Freunden, Tanten und Nichten, Neffen und Nichten, Geschwistern etc.

Unter dem wirtschaftlichen Aspekt des demografischen Wandels hätte dieses Modell sicher nicht die schlechtesten Chancen. Und vielleicht spielt der Nachwuchs dann einfach „Solidarpakt“.

(Susan Tuchel)


 


 

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