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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne

Zuckerbrot und Peitsche

Die Grand Départ-Stadt Düsseldorf ist fahrradfreundlich - wie sie selber meint. Sie drapiert bunt angestrichene Räder in Blumenkästen an der Kö und fühlt sich einfach großartig.

Der Countdown zum Grand Départ läuft. Alle – so liest man - sind emsig, alle sind eifrig, alle sind guten Willens. Nur bei den Anwohnern des Riesenspektakels, im Café Vélo in den Arkaden der alten Kämmerei und vor allem im täglichen Radverkehr knirscht es im Ritzel.

Beispiel Königsallee, wo Räder als Kunstwerke prangen: Wagt sich der Radler hier auf das Feld des Parksuchverkehrs, wird er von den Fahrern der Luxuskarossen abgedrängt und auf den Fahrradweg verwiesen. Dieser ist jedoch offizieller Fußgängerweg. Fahrräder sind nur erlaubt, man könnte sagen, geduldet. Die Durchfahrt gleicht einem Slalom mit mobilen Stangen.

Nicht gerade geliebt: Das urbane Verkehrsmittel der Zukunft

Gerne preist die Verkehrspolitik das Fahrrad als „urbanes Mittel der Zukunft“. Die Verkehrsplanung hat aber keine Idee, wohin mit den Fahrradfahrern. Soll man ihnen tatsächlich mehr Platz auf der Straße einräumen?

Da besteht die Gefahr, dass die Verkehrsunfälle mit Radfahrern weiter ansteigen. 2016 gab es in Düsseldorf 888 Verkehrsunfälle mit Radfahrerbeteiligung. Im ersten Halbjahr dieses Jahres liegen wir schon jetzt bei fast 900. No risk, no fun? Autofahrer auf der fahrradfreundlich gestalteten Friedrichstraße brauchen vielleicht noch eine Fahrradfahrstunde auf dieser Strecke, um den Perspektivwechsel auch mental zu leisten.

Wie in der Grundschule

Aber so weit sind wir noch nicht. Denn aktuell möchte man Radfahrer lieber domestizieren. Wie gut für alle, wenn die kleinen Pedaleure artig sind. Ich bin gerne artig. Schon in der Grundschule habe ich mich gefreut, wenn die Lehrerin mir – lange vor der Erfindung der Emojis – ein Gesicht mit vielen Extras unter meine Hausaufgabe malte. Höchstauszeichnung war ein lachendes Gesicht mit Ohren, Haaren und Sommersprossen. Einige Jahrzehnte später kann ich nahtlos anschließen. Die Stadt lobt mich, wenn ich einen Helm trage, ein verkehrssicheres Fahrrad fahre und mich stets rücksichtsvoll verhalte.

Würde mich also eine Radstreife einmal auf so perfekter Bahn antreffen, bekäme ich ein gelbes, reflektierendes Band geschenkt.

Leider hat mich noch keiner der Radstreifen in Gelb (Polizei) oder Blau (Ordnungsamt) ausgezeichnet. Das würde natürlich auch nur funktionieren, wenn ich an einer roten Ampel, an der weit und breit kein Mensch und kein Auto und auch kein anderes Fahrrad zu sehen ist, auch stehenbliebe. Tue ich aber nicht immer. Auch das ist den umsichtigen Ordnungshütern aufgefallen, weshalb auf die Auszeichnungsidee direkt eine Art „Blitzermarathon“ für Zweiradfahrer folgte, bei dem jedeweder zivile Ungehorsam geahndet wurde.

Aber was ist eigentlich mit den Autofahrern? Ich verstehe nicht, warum die nicht aufheulen, wenn sie beim städtischen Belohnungssystem leer ausgehen.

Warum werden sie nicht ausgezeichnet, wenn sie bei Rot halten, den vorgeschriebenen Abstand zu Fahrradfahrern einhalten und beim Abbiegen Fußgängern und Fahrradfahrern die Vorfahrt gewähren? Eine Motorradstreife von der Polizei (in Gelb) oder vom Ordnungsamt (in Blau) könnte dann freundlich an die Fahrerscheibe klopfen und dem Autofahrer zur Belohnung einen kleines, gelbes Duftbäumchen für den Innenraum überreichen.

(Susan Tuchel)


 


 

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