Sie sind hier: Startseite Hamburg Aktuell Gesellschaft & Medien
Weitere Artikel
21. Forum Lokaljournalismus

Zwischen Qualität und Rendite – vom Wert des Journalismus

Lokalhelden – Hyperlokale und digitale Trends

Bürgerjournalismus als Zukunftsmodell: Dafür plädierte Nikolaus Fromm, Geschäftsführer der Medienholding Nord, die 31 Zeitungen unter dem Online-Format „Mitmachzeitung“ vereinheitlicht hat. Die Symbiose mit Bürgerreportern und freien Mitarbeitern ermögliche gute Tipps und Themen. Hochwertiger Inhalt und die Verwurzelung in der Region sei auch für digitale Zeitungen die Voraussetzung für Glaubwürdigkeit. Qualität sei keine Frage von Print oder Online, pflichtet Christoph Linne, Chefredakteur der Oberhessischen Presse in Marburg bei. Mit dem werbefinanzierten Kölner Portal „Meine Südstadt“ betreibt Andreas Moll „Lokaljournalismus mit Leidenschaft im Netz“. Er hält Online-Portale für modernen (Hyper-)Lokaljournalismus besonders gut geeignet. Dem entgegnete Linne, dass die Nutzer entscheiden würden, welchen Weg sie gehen. Insofern sei die Konzentration auf die Inhalte wichtig.

Online ist nur einen Klick entfernt

Hatten Zeitungen früher das Monopol auf Informationsvermittlung, so gibt es heute viele Wettbewerber in lokalen Märkten. Dazu zählen Anbieter wie Qype und sublokale Nachrichtenportale. Der Unterschied zum Qualitätsjournalismus sei häufig, dass diese keine Recherche für die Berichterstattung betreiben und keinerlei Orientierung bieten würden. Hier liegt nach Einschätzung Jan Bayers, Vorstand der Welt-Gruppe und Technik Axel Springer AG, eine „Riesenchance im Wandel“. Ideenentwicklung und Innovation sei gefragt. Das lasse sich mit disziplinübergreifender Zusammenarbeit und mehr Interaktion bei der kreativen Weiterentwicklung erreichen. Dabei sei jedoch auch wichtig, die strikte inhaltliche Trennung von Verlag und Redaktion aufrechtzuerhalten.

Wie lässt sich leistungsfähiger Journalismus finanzieren?

In einer weiteren Podiumsdiskussion ging es auch um die Frage, wie sich leistungsfähiger Journalismus finanzieren lässt. Die Notwendigkeit von Bezahlmodellen für Online-Angebote wurde kaum angezweifelt, befriedigende Lösungsansätze gab es angesichts der komplexen Thematik jedoch wenige. Wichtig war den Podiumsgästen, die journalistische Qualität im Internet nicht zu vernachlässigen und statt auf Google und Reichweite zu schauen, den Leser im Blick zu behalten – auch mit verändertem Nutzungsverhalten. „Ziel eines leistungsfähigen Journalismus muss es auch sein, den Leser aktiv einzubeziehen. Die Verschränkung von Print und Online ist eine große Chance“, sagt bpb-Präsident Thomas Krüger. Dies bestätigte auch Gerlinde Hinterleitner, Chefredakteurin derStandard.at. Bei ihrem Medium stehe journalistische Qualität immer im Vordergrund. Neuigkeiten würden sofort ins Netz übersetzt und damit habe man eine extreme Aktualität. Die nächste große Veränderung sei die Einbindung der Leser, die mitreden wollen. Aktivitäten in sozialen Medien würden helfen, auch Informationen zu besonderen Themen zu erhalten.

Hinterleitner berichtete, dass der Standard.at seit fünf Jahren Geld verdiene, nachdem der Weg dahin zehn Jahre gedauert habe. Als funktionierendes Konzept beschrieb auch Lutz Schumacher, Chefredakteur vom Nordkurier seine Zeitung, die in dem sehr dünn besiedelten Gebiet (von Usedom bis Uckermark) erscheine. Für ihn steht außer Zweifel, dass Lokaljournalismus eine Zukunft hat. Wichtig sei es, Ideen für die Zukunft zu entwickeln. Auch für die taz erweise sich das Internet als „ein Segen“. Dadurch werde die „Publizität gesteigert“. Die Leser seien zahlungswillig, man müsse sie nur abholen, sagte Karl-Heinz Ruch, Vorstandmitglied, Mitbegründer und Geschäftsführer der taz.

Rolf-Dieter Lafrenz, Geschäftsführer der Schickler Beratungsgruppe, verdeutlichte noch einmal, dass den Print-Titeln Anzeigenkunden und Leser wegbrechen und dass Bezahlmodelle für digitale Angebote kommen müssten. Wenn man Inhalte kostenfrei ins Netz stelle, könne man keine Redaktion bezahlen. Die absolute Reichweite regionaler Medien bringe keinen Gewinn. Er gehe davon aus, dass künftig nicht pro Artikel bezahlt werde, sondern das klassische Abo bleibe.

Eine provokante zusammenfassende Frage des Moderators Horst Seidenfaden, Chefredakteur der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen blieb im Raum stehen: „Paid Content“ bringe überschaubare Erlöse, Anzeigen ebenfalls, ob Kostensenkung die Lösung sei?!

Ruch indes kritisierte den Begriff „leistungsfähiger Journalismus“ oder „Qualitätsjournalismus“. Journalismus sei ein Beruf, den man ausüben könne und von dem man leben könne – was den Journalisten zum Beispiel vom Blogger unterscheide.

Auch nach dem intensiven Expertenaustausch blieben erwartungsgemäß viele Problemstellungen offen. Dennoch brachte das Forum wichtige Impulse und Anregungen zum Wert eines qualitätsvollen Lokaljournalismus. Und es gibt wenig Anlass vom Untergang der Lokalzeitungen zu sprechen, solange die Bereitschaft zu Veränderungen gegeben ist. Die Suche nach Alternativen und Ergänzungen zu klassischen Printtiteln läuft allerorts und wird im Hinblick auf Region, Leserschaft und Alleinstellungsmerkmal sehr spezifische Lösungsansätze hervorbringen.

(Tanja Königshagen)


 


 

Journalismus
Zeitung
Online
Print
Qualitätsjournalismus
Giovanni Di Lorenzo
Lokaljournalismus
Olaf Scholz

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Journalismus" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: