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AGA-Politikzeit

Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard: „Aus der Zuwanderung eine Chance machen“

Aktuelle Herausforderungen der Sozialpolitik war das Thema der Veranstaltung PolitikZeit des AGA Unternehmensverbands am 21. April 2016 in Hamburg. Vor rund 100 Gästen aus Kaufmannschaft, Politik, Verwaltung, Konsularischem Korps und Institutionen warb Senatorin Dr. Melanie Leonhard im Gespräch mit AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse für einen positiven Umgang mit der Flüchtlingskrise.

Dr. Melanie Leonhard, Präses der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, die im Oktober 2015 die Nachfolge von Detlef Scheele antrat, beleuchtete in einem Impulsvortrag das Themenspektrum ihrer Behörde. Dieses reicht von der Bekämpfung der Altersarmut und Armut bei Kindern über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in der Stadt, speziell auch Menschen mit Behinderung, bis hin zur Integration von Schutzsuchenden.

Mit Blick auf den Arbeitsmarkt und den Erhalt der wirtschaftlichen Attraktivität der Hansestadt für die Menschen hob die Senatorin hervor, wie wichtig es sei, junge Menschen nach der Schule nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren, etwa mit einer dualen Ausbildung. Hier habe sich die Einrichtung der Jugendberufsagentur in Hamburg bewährt, die junge Menschen bei der Berufsfindung beratend und mit berufsvorbereitenden Maßnahmen unterstützt. Leonhard schlug auch einen Bogen zur Integration der Asylsuchenden in der Hansestadt und in den Arbeitsmarkt.

Wie kann es gelingen, Flüchtlinge nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Die Bewältigung des Flüchtlingsstroms sei zweifelsohne eine der größten Herausforderungen, der sich Hamburg, Deutschland und die gesamte Europäische Union aktuell stellen müssen, sagte AGA-Präsident Dr. Hans Fabian Kruse in seiner Begrüßung. Er nannte Zahlen: Im vergangenen Jahr kamen 61.600 Schutzsuchende in die Hansestadt, 22.300 sind geblieben. Die meisten von ihnen erreichten Hamburg ab Juni 2015, im Schnitt 7.500 pro Monat. Seit Anfang 2016 fallen die Zahlen deutlich: Im Januar kamen 3.900 Flüchtlinge nach Hamburg, im Februar waren es 2.840 und im März nur noch 1.362.

„Ob dieser Trend anhalten wird, kann niemand sagen. Tatsache ist: Die Flüchtlinge sind da und wir müssen sie erstversorgen und so schnell wie möglich feststellen, ob wir sie behalten wollen. Die Ankömmlinge, die bleiben dürfen, beziehungsweise, die ‚de facto‘ bleiben, benötigen Lösungen für ihre Bedürfnisse“, so Kruse. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es daher jetzt, anerkannte Flüchtlinge zu integrieren, ihnen eine Unterkunft und eine Aufgabe zu geben und ihnen ein Leben in Frieden und Freiheit zu ermöglichen. Integration ist die Aufgabe der Stunde.“

Unternehmen seines Verbands hätten gemäß einer Umfrage keine Scheu, Flüchtlinge einzustellen. Jetzt sei es Aufgabe der Behörden, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beschäftigung der Flüchtlinge in Deutschland zu schaffen. Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt müsse – auch im Hinblick auf den demografischen Wandel in der Gesellschaft und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel – jedoch als eine langfristige Aufgabe betrachtet werden. Nach derzeitigen Erkenntnissen hätten nur 10 bis 15 Prozent der Flüchtlinge eine für den deutschen Arbeitsmarkt geeignete fachliche Qualifikation und sie müssten ohnehin erst einmal die Sprache lernen. Erst in vielen Jahren könne man die Früchte der Integration ernten, so Kruse.

Mit seiner Forderung nach schnellerer Bearbeitung der Asylanträge und Klärung des Aufenthaltsstatus der Geflüchteten aus Unternehmenssicht traf Kruse auf Zustimmung der Senatorin. Prämisse der Hamburger Sozialbehörde sei es, dass anerkannte Flüchtlinge mittelfristig über ein eigenes Erwerbseinkommen verfügen. Das sei aus Kostenpunkten für den Staat von Bedeutung, aber auch für die Menschen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. „Wir werden tatsächlich in Zukunft nicht vollständig auf diese Menschen verzichten können “, sagte die Senatorin. Bis 2030 scheiden laut Prognosen 5 Millionen Menschen in Deutschland aus dem Erwerbsleben aus. Auch wenn Flüchtlinge nicht die Arbeitskräfte von heute seien, müsse der Anspruch bestehen, sie als Arbeitskräfte von morgen und übermorgen zu qualifizieren – mit der Anerkennung im Heimatland erworbener Berufsabschlüsse und passgenauen Angeboten wie etwa der dualen Ausbildung.

Dr. Melanie Leonhard: „Statistisch gesehen sind die meisten geflüchteten Menschen zwischen 18 und 45 Jahre alt – im besten erwerbsfähigen Alter. Viele von ihnen können und müssen dazu beitragen, die Lücken nutzbringend zu schließen, die sich durch Menschen ergeben, die den Arbeitsmarkt aus Altergründen verlassen.“

„Wir müssen anfangen, die Qualifikationen der Flüchtlinge frühzeitig zu erfassen, noch bevor das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sie registriert hat. Es gibt keine Alternative, als aus der Zuwanderung eine Chance zu machen“, sagte die Senatorin. Die Hamburger Sozialbehörde hat in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, Jobcentern und in Migrationsberatung erfahrenen berufsqualifizierenden Trägern, Handels- und Handwerkskammer sowie mit vielen Unternehmen ein „Beruforientierungs-Qualifikationserfassungs-und-Arbeitsvermittlungsinstrument“ auf den Weg gebracht: Im Rahmen von W.I.R – Work & Integration for Refugees werde bei Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive schon sehr frühzeitig geschaut, ob es eine Qualifikation anzuerkennen gebe, welche Qualifizierungsmaßnahmen dazu führen könnten, dass ein anerkennungsfähiger Berufsabschluss vorliege oder ob es sinnvoll erscheine, einen sehr jungen Menschen statt in Helfertätigkeiten zu beschäftigen über eine Berufsausbildung zu fördern.

Kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die einen Flüchtling als Auszubildenden einstellen wollen, empfahl Leonhard, den Weg über den Unternehmensservice von W.I.R zu wählen. In der Beratung ließe sich klären, welche Anforderungen es gebe, wer in Frage komme und inwieweit die derzeit noch geltende Vorrangprüfung zur Anwendung komme.

In der Talkrunde von AGA-Präsident Dr. Kruse gefragt, was sich die Senatorin von den Unternehmen wünsche, antwortete sie: „Die Unternehmen helfen uns, wenn sie die bestehenden bürokratischen Hürden mit Langmut nehmen. Es ist schon viel passiert in Hamburg. Dennoch bitte ich um ein wenig Geduld.“

Nach dem Dialog zwischen Verbandspräsident Kruse und Sozialsenatorin Leonhard in den Räumen der Commerzbank an der Hamburger Binnenalster dankte AGA-Hauptgeschäftsführer Volker Tschirch dem Hausherrn Thomas Bothe, Niederlassungsleiter Mittelstand Hamburg, Mitglied der Geschäftsleitung Nord der Commerzbank AG. Außerdem würdigte er den Einsatz der Senatorin bei der dreijährigen Aussetzung der Vorrangprüfung: „Damit haben Sie sich nicht nur Freunde gemacht. Dafür benötigt man Steherqualitäten.“

(Redaktion)


 


 

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