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Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrisen belasten – nicht nur bei VW

Der VW-Abgas-Skandal zieht große Nebenwirkungen nach sich. Die Aktien- und Anleihenkurse brechen bei VW erneut ein. Ex-VW-Chef Winterkorn droht Strafanzeige. Auch weitere Aktienmärkte sind weiter schwach. Gold kommt nicht von der Stelle.

Die aufgedeckte Manipulation der Software in Millionen Dieselfahrzeugen von VW in den USA war der Super-Gau, der nun nicht nur VW, sondern die gesamte deutsche Automobilbranche in Verruf bringt. Die Aktienkurse der deutschen Automobilaktien brachen bereits brutal ein. VW-Vorstandschef Martin Winterkorn musste seinen Hut nehmen und wurde durch den Porsche-Chef Mathias Müller am 25. September 2015 ersetzt. Damit sind die Kontroll- und Organisationsprobleme bei VW aber noch nicht gelöst. So manche fragen sich, ob es nun auch zu einem Super-Gau an den internationalen Finanzmärkten kommen kann.

Hochmut kommt vor dem Fall

VW hatte schon lange Probleme bei der Produktgestaltung und dem Absatz in den USA. Es entstanden im Laufe der Jahre Milliarden-Verluste in den USA. Zudem wollte Ex-VW-Chef Martin Winterkorn unbedingt in diesem Jahr die Nummer 1 noch vor General Motors und Toyota auf der Welt werden, was ihm auch fast gelang. Der Druck auf die Mitarbeiter war wohl so groß, dass die internen Kontrollmechanismen bei der Qualitätskontrolle – und dazu sollten auch wahrheitsgetreue Abgaswerte zählen – nicht mehr funktionierte.

Nun hat Winterkorn sogar ein Ermittlungsverfahren vom Staatsanwalt aus Braunschweig wegen Betrugs durch den Verkauf von Autos mit manipulierten Abgaswerten im Haus. Winterkorn selbst pocht auf die Auszahlung seiner Gehälter in der Höhe von 16 Millionen Euro und Pensionszahlungen, sodass Winterkorn von VW 45 Millionen Euro haben will. Die US-Umweltbehörde hat ebenfalls Strafanzeige gegen VW gestellt. Die Bußgelder werden in den USA enorm hoch sein. Da VW den Fehler der vorsätzlichen Software-Manipulation bei Abgas-Untersuchungen in den USA eingeräumt hat, gibt es auch nichts mehr zu beschönigen. Die Frage ist nun nur, wer alles davon gewusst und wer dafür verantwortlich gemacht werden kann. Die Frage ist auch, warum VW erst jetzt den Betrug zugegeben hat, obwohl es den ersten Verdacht schon im Mai 2014 in den USA gab.

Piëch- und Porsche-Familie erhöhen ihren Aktienanteil an VW

Ob nun der Ex-Porsche-Chef Müller das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen kann, bleibt abzuwarten. Der Flurschaden für die gesamte deutsche Automobilindustrie ist erheblich. 11 Millionen VW-Kraftfahrzeuge sind betroffen. Die Schadensersatzklagen werden enorm sein. VW hat eine Gewinnwarnung ausgesprochen und 6,5 Milliarden Euro zurückgestellt. Ob dies ausreicht, muss ebenfalls abgewartet werden. Immerhin erhöhten die Porsche- und Piëch-Familie ihren Anteil an VW um jeweils 1,5 Prozent als Zeichen des Vertrauens in den VW-Konzern. Die Aktienpakete wurden außerbörslich vom Autokonzern Suziko Motor erworben. Damit hält jetzt die Porsche Holding 52,2 Prozent an dem VW-Stammaktien und 32,2 Prozent am gezeichneten Kapital.

VW- Aktienkurs weiter im freien Fall

Dem Aktienkurs von VW nützte dies nichts. Am 28. September brachen der Kurs der Stammaktie erneut um 7,3 Prozent auf 107 Euro ein und der Kurs der Vorzüge um 6,07 Prozent auf 99,70 Euro. Damit stürzte der Kurs der VW-Vorzüge um über 40 Prozent in wenigen Tagen auf das Niveau von 2011 von unter 100 Euro ein. Im April befand sich der Kurs der Stammaktie im Hoch noch bei über 240 Euro. Der Kurssturz bei allen Automobilwerten brachte auch den Deutschen Aktienindex Dax in eine Schieflage. Der Dax gab am 28. September um 2,12 Prozent auf 9.482 Indexpunkte nach und auch die Wall Street tendierte wieder schwach. Die Weltbörsen sind auch wegen des Crashs in China, der noch nicht ausgestanden ist, in einer schlechten und labilen Verfassung.

Der Kurs der in diesem Jahr neu begebenen VW- Anleihe im Volumen von 1 Milliarde Euro mit einem Nominal-Zinssatz von 3,5 Prozent, die bis 2030 läuft, fiel auf das neuen Jahrestief von 76. VW hat mehr als 200 Milliarden Euro Schulden und damit die höchsten Schulden in Europa. Allerdings erzielte der VW-Konzern im vergangenen Jahr auch einen Rekord- Gewinn von 14 Milliarden Euro. In diesem Jahr wird der Gewinn einbrechen.

Die Stadt Wolfsburg wird darunter besonders leiden wegen erheblich geringerer Gewerbeeinnahmen, denn VW ist der Hauptsteuerzahler in Wolfsburg. Auch der Fußballklub VFL Wolfsburg könnte darunter mittelfristig leiden, wenn sich der Abgas-Skandal ausweiten sollte, denn VW ist der Haupt- Sponsor beim VFL Wolfsburg. Der Kurssturz bei den VW-Anleihen zeigt, dass einige Anleger schon Angst um die Fortexistenz von VW haben.

Ist VW der Vorbote einer globalen Vertrauenskrise?

Unabhängig von VW geht die Sorge bei Anlegern um, dass man den Verlautbarungen von Regierungen (Politikern), Notenbanken und Banken nicht mehr trauen kann. Die Deutsche Bank erlebt schon vor VW ihr Waterloo durch eine Reihe berechtigter Klagen, die an der Glaubwürdigkeit der Vorstandsmitglieder zweifeln ließen. Es kann gut sein, dass dies alles nur die Vorboten einer globalen Vertrauen- und Glaubwürdigkeitskrise im kommenden Monat sind. Dies vermutet der US-Investmentstratege Martin Armstrong, der im Oktober einen großen Staatsanleihen-Crash erwartet.

US-Notenbank vor der Zinswende

Die US-Notenbank hat vergangene Woche wieder angedeutet, dass noch in diesem Jahr eine Zinserhöhung kommen wird. Ob dies nun das Vertrauen erhöht, ist zweifelhaft. Eines ist klar: Viele Firmenchefs und viele Regierungen haben eine zu starke Verschuldung und sie sitzen auf einem zu starkem Hebel, der sogar im Extremfall zur Existenzvernichtung führen kann. Dies droht demnächst bei anhaltend niedrigem Ölpreis auch einigen Fracking -Unternehmen in den USA, die sich zu hoch verschuldet haben.

Kommt nun der Super-Gau an den internationalen Finanzmärkten?

Durch die Nullzinspolitik der Notenbanken wurden bisher Staatsbankrotte bzw. ein Staatsanleihen-Crash verhindert. Eine Zinserhöhung in den USA kann erhebliche, psychologische Folgewirkungen zur Folge haben. Die Nullzinspolitik brachte bisher nicht den erhofften, nachhaltigen Wachstumsschub in den USA und in Europa. Statistiken werden immer wieder geschönt, vor allem die Arbeitslosen-Statistiken. Es erscheint immer fragwürdiger, ob die Notenbanken auf Dauer die strukturellen Probleme lösen können. Bisher wurde nur Zeit erkauft. So würde es mich nicht wundern, wenn die internationalen Anleihenmärkte im Oktober/November das durchleiden müssen, was VW gerade durchleidet, nämlich den Super-Gau. Trotz aller Krisen konnte der Goldkurs nicht profierten. Er fiel am 28. September sogar um 1 Prozent auf 1135 US-Dollar/Unze.

Putin will Assad militärisch helfen

Nach den ergebnislosen Diskussionen in der Uno (Vereinte Nationen) um Syrien, wo sich erstmals nach langer Zeit auch Putin und Obama in New York begegneten, werden am 2. Oktober mit großer Spannung das Treffen in Paris mit den Staatspräsidenten Putin (Russland), Poroschenko (Ukraine), Holland (Frankreich) und Bundeskanzlerin Merkel erwartet. Russland will in Syrien Assad militärisch beim Kampf gegen die IS-Krieger unterstützen und hat hier bereits Fakten geschaffen. Ob damit dem Flüchtlingsproblem in Europa Einhalt geboten werden kann, ist zweifelhaft. Nur je länger der Syrien-Krieg andauert, desto größer wird das Flüchtlingsproblem in Europa. Hier stoßen die Kommunen schon lange an ihre Grenzen. Obama lehnt eine Kooperation mit Assad kategorisch ab. Er verlangt den Rücktritt von Assad.

So wird es wohl auch zu keiner Einigung mit Putin kommen, obwohl Merkel und Hollande einer Kooperation mit Putin zustimmen. Nur haben sie nicht den Mut, sich hier gegen Obama zu stellen. Das große Problem für die neu zu schaffende Weltordnung ist: Obama und Putin vertrauen sich nicht. Auch hier gibt es also eine große Vertrauenskrise, die sogar im Extremfall zu einem Weltkrieg anstelle eines Weltfriedens führen kann. Der „kalte Krieg“ zwischen den USA und Russland geht also – auch auf syrischem Boden – in eine nächste Runde, was nicht ganz ungefährlich ist, zumal Russland jetzt immer mehr den Schulterschluss zu China sucht, auch militärisch.

Auch in der Ost-Ukraine gibt es viele Flüchtlinge. Ob der 2. Oktober ein Meilenstein zu Befriedung der Ost-Ukraine wird, hängt sehr von der darauf folgenden Umsetzung der Friedenspläne ab. Hier sind fortgesetzte Gespräche zwischen Poroschenko und Putin in jedem Fall unbedingt erforderlich. Vor allem muss Poroschenko zeitnah die Verfassung der Ukraine ändern, damit die Donbas-Region einen Sonderstatus bekommt. Hier droht aber erheblicher Widerstand vom gewaltbereiten „rechten Mob“ in der Ukraine.

Moskauer Börse mit großen Erholungschancen

Wenn es in Paris zu einem Durchbruch kommen sollte, bestehen sehr gute Rebound-Chancen für den russischen Aktienmarkt. Nach dem Minsk-II-Abkommen stieg der russische Aktienmarkt von Februar bis April 2015 um über 30 Prozent, ebenso der Rubel. Allerdings drohen im Oktober zunächst weitere Kursabschläge aufgrund der angeschlagenen und volatilen Weltbörsen.

Und hier sind wir wieder beim Thema Glaubwürdigkeits- und Vertrauenskrise, was auch für Russland das wichtigste Thema ist. Der Russian Trading Index, kurz: RTS-Index fiel am 28. September um 1,74 Prozent auf 774 Indexpunkte und befindet sich damit in etwa wieder auf dem Niveau wie zu Jahresbeginn. Auch der Brentölpreis gab um 1,82 Prozent auf 47,53 US-Dollar/ Barrel nach. Der Euro stieg zum Rubel um 1,34 Prozent auf 74,29 Euro/Rubel.

(Redaktion)


 


 

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