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Notenbanken kämpfen gegen Rezession, Deflation und dem drohenden Finanzkollaps

Die US-Notenbank Fed lenkt die Weltbörsen. Schwache Konjunkturdaten werden ignoriert. Gold steht möglicherweise vor neuer Hausse. Der Bitcoin korrigierte stark nach Trump-Getwitter. Griechische und italienische Anleihen entwickeln sich als Outperformer. Die Moskauer Börse bleibt robust, trotz geplanter US-Sanktionen gegen Russland.

Alle Anleger warten gespannt auf die nächste Sitzung der amerikanischen Notenbank Fed am 31. Juli. Es wird eine Zinssenkung von 0,25 Basispunkten, wenn nicht sogar 0,5 Basispunkten erwartet. Die meisten Anleger vergessen dabei aber, dass die letzte große Zinssenkung der Fed um 0,5 Basispunkte 2008 war und es einen globalen Finanz-Crash gab. Wenn die Notenbank den Zins senkt, tut sie das auch, um eine Rezession oder gar Deflation zu verhindern. Der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi könnte am 12. September sogar den Zinssatz um 0,2 Basispunkte auf minus 0,6 Prozent senken als letzten Rettungsanker.

Es ist aber nicht davon auszugehen, dass dadurch ein großer Konjunkturaufschwung imitiert wird. Die Wall Street stieg schon vor der Fed-Zinsentscheidung auf neue Allzeithochs. Die Anleger „wetten“ daher im Moment falsch. Das erste Alarmzeichen ist, dass Gold steigt. Als sehr robust erweist die Moskauer Börse. Der Rubel ist in diesem Jahr einer der stärksten Währungen der Welt, obwohl der Rubel nicht sonderlich rollt.

Neue Allzeithochs an der Wall Street

Die Wall Street erreichte in den vergangenen Tagen in der Hoffnung auf eine Zinssenkung der Fed ein neues Allzeithoch. Der S&P Index stieg am Freitag, 26. Juli erstmals auf 3.022 Indexpunkte, was intraday auch schon am 15. Juli erreicht wurde. Seit dem 15. Juli tendiert der S&P-Index nahe dem neuen Allzeithoch stabil seitwärts in der Nähe von 3.020 Indexpunkten, so auch in den letzten Tagen zwischen 2.960 und 3.025 Indexpunkten. Damit stieg der S&P-Index bereits um 20 Prozent in diesem Jahr.

Noch besser schnitt wieder einmal der Nasdaq Composite Index mit einem Plus von 25 Prozent seit Jahresbeginn. Dieser Index stieg am 26. Juli sogar auf ein neues Allzeithoch von 8.330 Indexpunkten, korrigierte aber leicht am 29. Juli. Fang & Co waren also wieder gefragt trotz des ungelösten US-Handelskonflikts mit China. Dabei wird von den meisten Anlegern eine Zinssenkung um 0,25 Basispunkte erwartet. Kommt sie nicht, dürfte der Aktienmarkt enttäuscht den Rückwärtsgang einlegen.

Drohen jetzt „japanische Verhältnisse“?

Noch ist der Aufwärtstrend in den USA voll intakt, was erstaunt, da er schon zehn Jahre alt ist und die schwachen Konjunkturdaten und Gewinnentwicklungen eher zur Vorsicht mahnen. Bisher haben es die Notenbanken geschafft, eine große Konjunktur- und Finanzkrise seit zehn Jahren zu vermeiden. Dabei ist aber die Unternehmensverschuldung in den USA enorm gestiegen. Drohen jetzt etwa „japanische Verhältnisse“, also eine Dauer-Stagnation mit dauerhaften Null-Prozent-Zinsen?

Dax robust, aber noch nicht auf neuen Jahreshoch

Der deutsche Leitindex Dax konnte zwar auch am Freitag um 0,47 Prozent leicht auf 12.417 Indexpunkte zulegen, was ein Plus von fast 18 Prozent seit Jahresbeginn bedeutet; er erreichte damit aber noch kein neues Jahreshoch. Der Ifo-Geschäftslima-Index fiel jetzt schon viermal in Folge. Der EZB-Chef Mario Draghi kündigte weitere geldpolitische Maßnahmen an, weil er erkennt, dass die Konjunktur in Europa nicht in Schwung kommen will und die Inflation zu gering bleibt. Zudem lauern neue Gefahren im Fall eines harten Brexit unter dem neuen Premier Johnson.

Die Negativzinsen der EZB werden zum Ertragsproblem für die Geschäftsbanken

Durch die Null- und Negativ-Zinspolitik drohen allen europäischen Banken, auch den deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, dass das Geschäftsmodell entzogen wird. Die ab Dezember 2019 neue EZB-Chefin Christine Lagarde, noch amtierende Chefin des Internationalen Währungsfonds, wird Draghis Kurs notgedrungen wohl fortsetzen müssen, um einen globalen Finanzkollaps zu vermeiden. Wenn Italien aus dem Euro herausgehen sollte, ist der Euro tot. Dann muss wohl der deutsche Sparer für die vielen Bankpleiten später einmal aufkommen, was ihm schwer fallen wird. Das Konzept des Bail-In, also dass die Aktienbesitzer und Gläubiger für die Verbindlichkeiten aufkommen sollen und nicht der Staat, ist bei Großbanken wegen der Gefahr eines Bankansturms jedenfalls eine Illusion. Am sprichwörtlich „seidenen Faden“ hängen nicht nur einige italienische Großbanken, sondern auch die Deutsche Bank als systemrelevante Bank. Daher jetzt auch die angekündigte Radikalkur vor allem im Bereich Investmentbanking.

Gold erholt, aber noch ein Underperformer

Zudem wird der Sparer faktisch schleichend enteignet und eine Altersvorsorge über normales Sparen ist nicht möglich. Positiv ist diese Entwicklung aber für den Goldpreis, der negative Realzinsen braucht, um anzusteigen, was er zuletzt auch tat mit einem Goldpreis von über 1.420 US-Dollar/Unze. Der Goldpreis stieg damit in US-Dollar um 10 Prozent, in Euro aber um 14 Prozent, da der Euro im Tief auf 1,11 EUR/USD fiel. Damit schnitt Gold immer noch schlechter in der Performance ab als der Dax, geschweige denn als der S&P-Index oder Nasdaq-Index.

Silber auch erholt, aber ein Underperformer – insbesondere zu Kryptowährungen

Dafür machte Silber zuletzt endlich nach über siebenjähriger Dauer-Flaute eine erfreuliche Rallye bis auf das neue Jahreshoch von 16,4 US-Dollar/Unze (im Hoch 16,65 USD/Unze). Damit stieg der Silberpreis zwar um 7,2 Prozent in einem Monat, aber „nur“ um 6 Prozent seit Jahresbeginn. Auch Silber bleibt damit ein relativer Underperformer.

Die Kryptowährung Bitcoin fiel hingegen im Wert von 12.000 auf unter 10.000 US-Dollar, weil US-Präsident Donald Trump sich per Twitter gegen den Bitcoin ausgesprochen hat und auch den Libra von Facebook nicht begrüßt. Seit Jahresbeginn bleibt trotzdem der Bitcoin die beste Geldanlage der Welt und die stärkste Währung der Welt mit einer Kursverdoppelung – falls man den Bitcoin überhaupt als eine Geldanlage bzw. Währung bezeichnen darf; das ist umstritten. Zum Jahresbeginn war der Bitcoin noch bei 4.000 BTC/USD. Er hatte sich im Hoch im Wert als schon verdreifacht und daher sein Comeback eindrucksvoll bewiesen.

Hohes Volumen an Anleihen mit Negativzins

Das Volumen von Anleihen im negativen Bereich hat mit 13 Billionen Euro (!) einen neuen historischen Rekordwert erreicht. Die Geschäftsbanken müssen nun die Gebühren in anderen Bereichen enorm erhöhen, um überhaupt ertragreich zu werden. Ob der Kahlschlag bei der Deutschen Bank mit der Radikalkur im Investmentbereich gelingt, ist fraglich, denn der Wettbewerb im normalen Kreditgeschäft wird immer größer und risikoreicher. 3 Milliarden Euro Buchverlust und ein Kurs von nur noch 7 Euro sprechen jedoch eine deutliche Sprache.

Viele Gewinnwarnungen bei deutschen Dax-Unternehmen

In Deutschland gab es bereits eine Reihe von Gewinnwarnungen wie bei Bayer, BASF, Lufthansa, ThyssenKrupp und Continental mit erheblichen Kurseinbußen. Dies könnte demnächst auch in den USA der Fall sein. Durch die niedrigen Zinsen entstehen „Zombi-Unternehmen“ mit einer viel zu hohen Verschuldung, was sich bei steigenden Zinsen, aber auch bei einer Rezession, rächen könnte.

Griechische und italienische Anleihen und Aktien als Outperformer

Den größten Zinsrückgang in den sechs Monaten gab es in den am höchsten verschuldeten Ländern der Welt. In Italien sanken die Renditen für zehnjährige Anleihen seit Dezember von 3,5 auf 1,5 Prozent und in Griechenland von 4,6 auf 2 Prozent. Dies waren dann auch die Aktienmärkte, die mit am besten auf der Welt performen, nämlich in Griechenland mit einem Plus von über 40 Prozent und in Italien von über 20 Prozent, weit besser als der Dax. Die Anleger vergessen aber, dass es sich dabei um von den Notenbanken künstlich manipulierte Aktien- und Anleihenmärkte handelt. Aber was spricht dagegen, dass die Notenbanken die Aktien- und Anleihenmärkte weiter manipulieren werden? Darauf setzen auch die Anleger im Moment an der Wall Street.

Verrückte Welt: erstmals Hypothekenkredite mit Negativzinsen in der Schweiz!

In der Schweiz gibt es mittlerweile Kantonalbanken, die bei Krediten, sogar auch bei Hypothekenkrediten, im Einzelfall bei Großkunden Negativzinsen für Kredite anbieten. Dies ist völlig verrückt und unnormal. Wenn die EZB nun den Zins auf minus 0,5 senken sollte, ist dies als letzter Rettungsanker zu verstehen, um eine Rezession oder Deflation in Europa zu verhindern. Auch ist es wahrscheinlich, dass Draghi in der Not wieder zum Instrument der Anleihenkäufe greifen wird, die er eigentlich beenden wollte. In Wahrheit wird es für die Notenbanken jetzt immer schwieriger, neue Wachstumsimpulse auszulösen. Dies müssten flankiert werden mit neuen fiskalpolitischen Maßnahmen, wobei hier die Spar-Doktrin der Regierungen und die schon zu hohe Staatsverschuldung dagegen sprechen. Dies ist ein Dilemma, aus dem sowohl die Notenbanken als auch die Regierungen so schnell nicht wieder herauskommen. Pessimisten bezeichnen dies als das absehbare „end game“.

Moskauer Börse bleibt auch ein Oupterformer

Die Moskauer Börse blieb im Juli auch nach einer leichten Korrektur einer der Top-Performer unter den Weltbörsen mit einem Plus von 25 Prozent auf US-Dollar-Basis, aber über 30 Prozent auf Euro-Basis. Dies kam durch den um über 20 Prozent angestiegenen Ölpreis. Die Moskauer Börse hat immer noch die niedrigsten Bewertungen und höchsten Dividendenrenditen von allen großen Aktienmärkten auf der Welt. Zudem blieb der Rubel einer der stärksten Währungen der Welt. Neben hohen Kursgewinnen an der Moskauer Börse kamen also auch hohe Währungsgewinne hinzu, denn der Euro fiel zum Rubel von 78 auf nunmehr 70 EUR/RUB.

Achtung: Russland drohen neue US-Sanktionen!

Es drohen Russland nun aber neue US-Sanktionen, denn im US-Repräsentantenhaus wurde ein neues Gesetz eingereicht, dass den Kauf russischer Staatsanleihen wegen der angeblichen Wahlbeeinflussung gänzlich verbieten soll. Wenn dieses Gesetz in Kraft tritt, würde dies den Rubel erneut schwächen und die Moskauer Börse auch. Es ist daher jetzt Vorsicht angebracht, denn der „kalte Krieg“ zwischen den USA und Russland geht dann in die nächste Runde.

Hinzu kommen demnächst wohl auch Vorwürfe der USA, dass es bei russischen und syrischen Luftangriffen in der syrischen Stadt Idlib auch Toten in Krankenwagen und Krankenhäusern gab. Im Iran ist die Situation weiter angespannt und es kann auch hier zu militärischen Auseinandersetzungen kommen, wobei Russland hier wieder auf der Seite des Iran steht. Es gibt wieder mehr Proteste auf Russlands Straßen gegen Präsident Wladimir Putin, auch wegen seiner Rentenreform, die bei der Bevölkerung nicht gut ankam. Es gibt zudem Gerüchte, dass der oppositionelle Rechtsanwalt und Putin-Gegner Alexei Nawalny vergiftet worden sein soll.

Schafft der neue Präsident in der Ukraine die Wende?

Der im Mai gewählte ukrainische Präsident Wolodimir Selinski hat nun ähnlich wie Emmanuel Macron in Frankreich aus dem Nichts mit seiner neuen Partei die Mehrheit im Parlament. Er kann damit quasi nun „durchregieren“. Es handelt sich dabei überwiegend um junge, unerfahrene Politiker in seinen eigenen Reihen. Er will Gespräche mit Putin führen, aber im Beisein von Vertretern der USA und Großbritannien. Ob es ihm gelingt, in der Ostukraine Frieden zu schaffen, bleibt abzuwarten. Es wäre beiden Ländern, der Ukraine und Russland, sehr zu wünschen.

(Andreas Männicke)


 


 

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