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AUS DER BAHN

Kein Schwein ruft mich an

Geht Ihnen das auch so? Wenn ich mich in der Bahn umschaue, dann haben alle Menschen ein Handy in der Hand, niemand aber telefoniert tatsächlich. Meist werden eifrig Whatsapps und iMessages geschrieben, geschmückt durch Facebook-Posts und Insta-Fotos.

Besonders schmunzeln musste ich kürzlich am Hauptbahnhof in einer überfüllten Bahn am Montagmorgen. Eine junge Frau wird inmitten des Bahnhoftrubels in der Straßenbahn angerufen und kramt hektisch ihr Handy aus der XXL-Bag, während der Rest der Bahn mit dem aufsteigenden Strandpromenaden-Ton des Smartphones beschallt wird.

Nach einiger Zeit, der Rufton hat sich mittlerweile zur höchst möglichen Lautstärkenregelung hochgearbeitet, hat sie das Handy gefunden und nimmt den Anruf entgegen. Offenbar ist eine Freundin oder Schwester am Apparat, die ihr mitteilt, dass sie nachmittags nicht Zuhause sein wird und dass sie sich den Schlüssel bei M. an der Theke abholen soll. Daraufhin sagt die junge Frau, dass sie jetzt nicht telefonieren könne, weil sie in der Bahn sitzt. Alternativ wird eine Whatsapp geschrieben.

Aus dem Fenster blickend werde ich einige Zeit später wieder aus meinen Gedanken gerissen, als ich die Stimme derselben Frau plötzlich Sprachnachrichten verfassen höre. Sie komme gegen 15:30 Uhr zurück und hat keine Lust, sich wieder ein neues Ticket zu kaufen, um zu M. an die Rezeption zu fahren.

Dialog mit vielen Pausen

Kurze Pause. Sie hält das Smartphone an ihr Ohr, um die Antwort abzuhören.

Dann erneute Sprachnachricht mit der Information, dass sie kein Monatsticket habe und daher für jede Richtung wieder ein neues Ticket benötige. Das sehe sie nicht ein.

Pause.

Ein paar Sekunden später schiebt sie noch hinterher, dass sie auch gar kein Kleingeld dabei habe.

Pause.

Das geht noch eine ganze Weile so. Nimmt man alle Sprachnachrichten zusammen, wäre das quasi ein Telefonat. Aber das klassische Telefonieren ist offenbar altmodisch geworden. Es liegt nicht an dem Umstand, dass ich mich in einer Bahn befinde. Telefoniert wird auch nicht, wenn die Rahmenbedingungen dafür eigentlich stimmen würden. Warum ist das so?

Durch die Möglichkeiten der grenzenlosen Erreichbarkeit und dem Ausweichen eines Gesprächs durch Sprachnachrichten, haben wir offenbar verlernt spontan zu reagieren. Keiner ruft mehr an, alle schicken Sprachnachrichten. Die Beantwortung dauert oftmals aber viel länger als ein kurzes Telefonat, in dem die wichtigen Dinge innerhalb von 30 Sekunden abgehandelt werden können.

Man verliert viel Zeit damit, auf die Antwort-Sprachnachricht des anderen zu warten, um dann eine erneute Kurzsprachnachricht zurückschicken zu können. Es ist ja auch viel einfacher, nur das loszuwerden was man sagen will, ohne Rücksicht auf die Reaktion seines Gegenübers nehmen zu müssen. Dann müsste man sich ja auf den anderen einlassen, Inhalte schnell auffassen und im Gehirn verarbeiten.

Denken also – man müsste tatsächlich denken, bevor man spricht. Das geht vielen zu weit.

So geht es mir oftmals, dass ich nach der Beantwortung verschiedener Sprachnachrichten in mehreren Konversationen bei der erneuten Beantwortung derselben Konversation bereits vergessen habe, was eigentlich gesagt wurde, vor allem wenn einige Stunden oder sogar Tage dazwischen liegen.

Ist das die Konversation 4.0? Oder führt das unter Umständen zu analogem Schweigen untereinander? Mir soll’s gleich sein. Wenn’s wichtig ist, wird man sich schon bemerkbar machen.

(Carolin Kirchhoff)


 


 

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4.0
Aus der Bahn
Carolin Kirchhoff

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