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Gesundheitssystem

„Das Urvertrauen in die Götter in Weiß ist erschüttert“

Wird in Deutschland zu viel operiert? Unter dem Titel „Darf’s ein bisschen mehr sein? Zu oft und zu früh im Krankenhaus“ hatte die Barmer GEK in Hamburg eingeladen zu einer hochkarätigen Podiumsdiskussion zur Mengenentwicklung in deutschen Kliniken, der steigenden Anzahl dort behandelter Patienten.

Frank Liedkte, Landesgeschäftsführer der Barmer GEK Hamburg, diskutierte mit Prof. Dr. Jonas Schreyögg, Gesundheitsökonom an der Universität Hamburg und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, und Sibylle Stauch-Eckmann, Geschäftsführerin der Helios Endo-Klinik Hamburg, über die Mengenentwicklung in Krankenhäusern und das bevorstehende Krankenhausstrukturgesetz. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Journalisten Jörn Straehler-Pohl.

Nach einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Jahr 2013 belegt Deutschland im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz bei der Anzahl bestimmter chirurgischer Eingriffe, etwa bei Hüft- oder Knieersatz-Operationen. Die Zunahme der Operationen lässt sich laut Experten nicht allein auf einen steigenden Altersdurchschnitt der Bevölkerung oder medizinischen Fortschritte zurückführen. Mögliche Gründe könnten darin liegen, dass heute häufiger ein operativer Eingriff empfohlen wird, statt konservative Behandlungsmethoden weiterzuführen.

Die Politik reagiert auf die steigenden Patientenzahlen in den Kliniken mit einer Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung (Krankenhausstrukturgesetz – KHSG), die zum 1. Januar 2016 in Kraft tritt. Die Reform hat„eine gut erreichbare Versorgung vor Ort und hohe Qualität durch Spezialisierung“ der Kliniken zum Ziel. Dafür sollen unter anderem die Krankenhäuser bis zu 830 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr erhalten, um dauerhaft mehr Personal zu beschäftigen. Bei der Krankenhausvergütung werden unter Qualitätsaspekten Zu- und -abschläge für Leistungen eingeführt, um finanzielle Anreize für Kliniken zu schaffen. Und die Mengensteuerung in der stationären Versorgung wird neu ausgerichtet: So soll für die Einholung von ärztlichen Zweitmeinungen bei planbaren Eingriffen, die sehr häufig auftreten, ein strukturiertes qualitätsgesichertes Zweitmeinungsverfahren eingeführt werden.

Qualität statt Quantität zugunsten des Patienten

„Letztlich geht es doch immer ums Vertrauen. Ich möchte meinem Arzt vertrauen und keine zehn Meinungen einholen müssen“, mit diesen Worten begrüßte Landesgeschäftsführer Frank Liedtke die 80 Gäste der Podiumsdiskussion der Barmer GEK Hamburg am 30. November 2015 im Hotel Hafen Hamburg.

Mit einem Blick auf Medienberichte stieg Liedtke in die Diskussionsrunde ein: Die Hamburger Kliniken bekämen durch das neue Krankenhausstrukturgesetz (KHSG) in den nächsten Jahren 105 Millionen Euro mehr, trotzdem sei noch von finanziellen Nöten die Rede. Dieser Widerspruch sorge bei Patienten und Versicherten zunehmend für Verunsicherung. Tatsächlich habe die breite Öffentlichkeit keinen Überblick, was stationäre Behandlungen kosteten. Wird wirklich nur aus medizinischen Gründen operiert oder spielen dabei auch, wie es das Magazin „Stern“ in einer großen Titelgeschichte fragte, finanzielle Erwägungen eine Rolle? „Diese und zahlreiche weitere Berichte in den Medien haben bewirkt, dass das Urvertrauen in die Halbgötter oder Götter in Weiß erschüttert ist“, sagte Liedtke.

Ärzte, Kliniken, Krankenkassen und Regierung müssten jetzt gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um den Menschen das Vertrauen in die medizinischen Akteure zurück zu geben. „Das neue KHSG ist auf diesem Weg ein Schritt in die richtige Richtung. Damit soll der Fokus wieder mehr auf Qualität als auf Quantität verschoben werden. Auch das nun gesetzlich verankerte Recht auf eine zweite ärztliche Meinung wird den Patienten wieder mehr Sicherheit geben“, so Liedtke.

Professor Jonas Schreyögg beleuchtete in seinem Impulsvortrag die Fallzahlen in der stationären Versorgung in Deutschland. Sie steigen nach wie vor an, zuletzt zwischen 2013 und 2014 um nochmals 361.500 Fälle. „Die aktuelle Krankenhausreform hatte einen Schwerpunkt in der Stärkung der Versorgungsqualität und wird hier sehr positive Impulse setzen. Die im Krankenhausstrukturgesetz vorgesehenen Maßnahmen zur Mengenentwicklung dürften jedoch nicht ausreichen, um die stationäre Mengenentwicklung nachhaltig zu beeinflussen“, sagte Schreyögg. Elemente wie Sicherstellungszuschläge, Zu- und -abschläge für Notfallversorgung sowie der Strukturfonds seien richtige Maßnahmen, weitere wären jedoch notwendig. „Aus meiner Sicht sind das die Messung und Offenlegung der Indikationsqualität bei allen Fällen mengenanfälliger Diagnosen, verbunden mit Konsequenzen, die Rückkehr zu einer stärkeren Diagnoseorientierung des G-DRG-Systems, über Jahre konstante Kalkulationsstichprobe für Kalkulation der DRGs zur Reduktion der Veränderung in den DRG-Gewichten und nicht zuletzt die Einführung eines verbindlichen interdisziplinären Zweitmeinungsverfahrens“, führte der Professor aus.

G-DRG-SYSTEM (German Diagnosis Related Groups)
Das deutsche DRG-System ist ein einheitliches, an Diagnosen geknüpftes Fallpauschalen-System (DRG = Fallpauschale) – ein Fallpauschalen-Katalog für die Abrechnung im Gesundheitswesen. Seit 2004 ist es für alle Krankenhäuser Pflicht.

Einen Anstieg der Fallzahlen konnte Sibylle Stauch-Eckmann aus der Praxis bestätigen: „Zwar ist die Anzahl von Operationen im Bereich der Endoprothetik seit 2004 gestiegen, was jedoch nicht pauschal mit einer Verschlechterung der Qualität einhergeht.“. Es sei mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass es sinnvoll sei, derartige Operationen in sogenannten ‚High volume‘-Kliniken, als spezialisierten Zentren, vorzunehmen. „Die Mindestmenge von 50 Knieoperationen muss aus Expertensicht pro Operateur, nicht pro Klinik gesetzt werden. Mit Qualitätsvorgaben muss vor allem das Feld der Revisionsendoprothetik belegt werden“, sagte Stauch-Eckmann und stieß damit auch bei der Barmer GEK und Professor Schreyögg auf Zustimmung.

(Redaktion)


 


 

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