Sie sind hier: Startseite Hamburg Aktuell News
Weitere Artikel
Brexit-Votum

Briten entscheiden sich gegen der Verbleib in der EU

Beim gestrigen Referendum hat sich eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) ausgesprochen – 51,9 Prozent votierten für den Brexit. Erste Stimmen dazu aus der Hamburger Politik und Wirtschaft.

Als „enttäuschend“ bezeichnete Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz den Ausgang des EU-Referendums in Großbritannien. „Es ist wahrlich keine gute Nachricht, dass eine knappe Mehrheit der Briten gegen den Verbleib in der EU gestimmt hat. Lamentieren hilft jetzt aber niemandem. Politik ist dafür da, das Beste auch aus schwierigen Lagen zu machen. In diesem Falle heißt dies zum einen, die enge und wichtige Partnerschaft mit Großbritannien fortzusetzen. Das Vereinigte Königreich verlässt die EU, aber es bleibt Teil der europäischen Familie. Wo alte Bande reißen, müssen wir neue knüpfen“, erklärte Scholz. „Zum anderen gilt: Weniger Europa ist nicht die Lösung. Wir brauchen eine demokratische Vertiefung der Europäischen Union. Sie muss sich als Union der Bürgerinnen und Bürger bewähren. Viele Briten wählten den Brexit aus einem Gefühl der Machtlosigkeit. Sie glaubten dem Versprechen, dass Politik wieder steuerbarer wird, wenn sie sich hinter die Zäune des Nationalstaats zurückzieht. Das Gegenteil stimmt. Nur eine starke und handlungsfähige Europäische Union gibt uns die Möglichkeit, aus der Globalisierung etwas Gutes für unser Leben zu machen. Um stark und handlungsfähig zu sein, muss die Europäische Union von ihren Bürgerinnen und Bürgern aber verstanden und getragen werden. Und das bedeutet: Sie müssen die Entscheidungen der EU wirksam beeinflussen können. Nach innen demokratisch, nach außen handlungsfähig. Das ist die Union, die wir wollen, und für die wir arbeiten werden. Eine EU mit dann eben 27 Mitgliedsstaaten,“ so Olaf Scholz.

Stimmen des Bedauerns über das Abstimmungsergebnis kamen ebenfalls aus der Handelskammer Hamburg und der IHK Nord. Fritz Horst Melsheimer, Präses der Handelskammer Hamburg, sagte zum Brexit: „Die Hamburger Wirtschaft, für die das Vereinigte Königreich viertwichtigster Wirtschaftspartner ist, bedauert den Wunsch der Mehrheit des britischen Volkes, aus der Europäischen Union auszutreten. Hiesige Firmen, die Geschäfte in und mit Großbritannien machen, werden sich auf mittlere Sicht auf verschlechterte Rahmenbedingungen im Außenhandel, bei der Entsendung von Mitarbeitern und bei Investitionsentscheidungen einstellen müssen. Es komme jetzt darauf an, dass das britische Beispiel nicht Schule macht. „Nur im Binnenmarkt werden wir unseren Wohlstand erhalten und im globalen Wettbewerb bestehen können. Dies muss den Bürgern besser erklärt werden. Dazu sind auch Strukturreformen notwendig. Der Brexit ist ein Weckruf auch für uns“, appelliert Melsheimer.

„Wir bedauern die Entscheidung, aber wir respektieren sie“, kommentiert IHK-Nord-Geschäftsführer Dr. Malte Heyne in einer ersten Stellungnahme die Entscheidung Großbritanniens für einen Austritt aus der Europäischen Union. „Europa muss nun nach Vorne blicken und einen neuen ‚modus vivendi‘ mit Großbritannien, einem der wichtigsten internationalen Handelspartner der norddeutschen Wirtschaft, finden.“ Mit dem Tag der Ergebnisbekanntmachung gebe es noch keine unmittelbaren Veränderungen für die norddeutschen Handelspartner und es sei davon auszugehen, dass sich die Verhandlungen über einen längeren Zeitraum hinziehen, so Heyne weiter. „Unsere im Ausland aktiven Unternehmen brauchen aber langfristige Rechtsicherheit für ihre Investitionen und Geschäftsaktivitäten und möglichst wenig neue Bürokratie.“ In den jetzt anstehenden Austrittsverhandlungen zwischen der EU und dem Inselstaat müssten daher Übergangsfristen mit Augenmaß vereinbart werden, um negative Auswirkungen auf die norddeutsche Wirtschaft gering zu halten, fordert Heyne.

Auch der norddeutsche Groß- und Außenhandel bedauere den Brexit und werde versuchen, mit den Folgen so gut wie möglich klarzukommen, sagte der Präsident des AGA Unternehmensverbands Dr. Hans Fabian Kruse in einem ersten Statement zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union „Für die Politik gilt: Wir müssen mehr aufeinander hören und gemeinsam echte Lösungen durchsetzen. Ohne die Zustimmung und das Vertrauen der Bürger kann es kein gemeinsames Europa geben. Für die Wirtschaft gilt: Wir brauchen schnellstmöglich eine vernünftige Basis für den Handel mit Großbritannien. Abschreckungskonditionen schaden nur uns selbst. Unsere wirtschaftlichen Verflechtungen mit dem Vereinigten Königreich sind und bleiben eng. Wir müssen Europa insgesamt neu leben“, so Kruse.

Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: „Die Zeit des Rosinenpickens für alle Nörgler und Abweichler ist vorbei, jetzt muss die EU harte Kante zeigen.“

Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln ist der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union „eine historische Zäsur“, bei der es auf allen Seiten „nur Verlierer“ gibt: Die Briten verlören an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt. Auf der anderen Seite müsse die Europäische Union den Verlust ihres wichtigsten Finanzplatzes und damit ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA hinnehmen.

Mit der Rückkehr zur isolierten nationalstaatlichen Koexistenz verspielten die Länder jedoch nicht nur das politische Kapital Europas, sondern auch grundlegende wirtschaftliche Potenziale für die Zukunft. Es liege nun an den EU-Vertretern sicherzustellen, dass der Brexit kein Präzedenzfall für andere EU-Staaten werde. Für die künftige institutionelle Ausgestaltung der EU sei spätestens jetzt aber auch klar: Eine „ever-closer-union“ ist kein Weg, den alle mitgehen. Wichtig sei vor allem, dass die Politiker in den Mitgliedsstaaten aufhörten, die EU für ihre eigenen Fehler verantwortlich zu machen. Europas Glaubwürdigkeit stehe und falle mit dem jeweiligen Rückhalt vor Ort.

Auch wenn der Brexit die Staatengemeinschaft hart treffe, so rechnet das Institut der deutschen Wirtschaft im Hinblick auf wirtschaftliche Auswirkungen mit „überschaubaren Folgen“. Es sei nicht mit einem erneuten Losbrechen der Eurokrise zu rechnen. Die Reformen der Krisenstaaten seien weit genug fortgeschritten, das Finanzsystem habe Risikopuffer aufgebaut und der Austritt komme letztlich ohne Überraschungsmoment daher. Eine Aufwertung des Euro gegenüber dem britischen Pfund verschlechtere zwar die europäische Wettbewerbsfähigkeit. Das geschehe allerdings in einem Maße, das die Wirtschaft kompensieren könne.

(Redaktion)


 


 

Europäische Union
Brexit
Entscheidung Großbritanniens
Austritt aus der EU
Briten
Europa
Vereinigtes Königreich

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Wirtschaft" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: