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Natürlich Hamburg: Die Arche

Der Kümmerer mit Gottes Beistand

Thies Hagge ist Pastor in Jenfeld. Nach dem Tod der kleinen Jessica hat er hier nach dem Berliner Vorbild das Kinderprojekt „Die Arche“ gegründet. Aber anders als viele seiner Kollegen in Problemstadtteilen setzt er sehr stark auf den Glauben.

Kaum tritt er durch die Tür der Arche, steht Pastor Thies Hagge in einer Traube von Kindern. Große Augen, Trubel und Hallo. Die Kids im Speisesaal werden mit Handschlag begrüßt. Auch auf der Straße ein Gruß hier, ein Plausch mit einem Teenie dort. Er ist eher der Kumpeltyp in verwaschenen Jeans und Norwegerpulli. Erst auf den zweiten Blick fällt der daumenbreite weiße Streifen unterm schwarzen Hemdkragen auf. Thies Hagge trägt Kollarhemd. Seine „Uniform“, wie er es nennt, hat er vor vier Jahren angelegt.

Damals ist er abends nach einem Jugendgottesdienst fast in eine Schlägerei geraten. Die Horde Angreifer hat mit ihren Baseballschlägern sogar die Polizei in die Flucht getrieben. „Das war ein eigenartiges Gefühl. Man denkt ja, wenn die Polizei da ist, ist alles im grünen Bereich. Und nun rannte sie selbst und ließ mich mit meinen Jugendlichen alleine.“ Da hat er sich gefragt: „Was kann ich eigentlich tun, wenn ich hier zwischen die Fronten gerate? Die hauen mich doch auch einfach um.“ Dabei ist der Pastor nun beileibe kein Hänfling, eher so der kompakte Typ. An jenem Abend tat Thies Hagge erstmal das Naheliegendste: Er zog sich mit seinen Schutzbefohlenen zurück und sprach ein Gebet.

Für Kinder kann Gott einen großen Unterschied machen

Beten findet er überhaupt sehr hilfreich und versteht die Kollegen in anderen Problemstadtteilen nicht, die wenig auf Glauben und viel auf Diakonie setzen. „Die kämpfen doch auf verlorenem Posten.“ Erst wenn die Menschen glauben, sind sie auch bereit, sich zu engagieren, zum Beispiel ehrenamtlich. Man kann das besonders gut an den Kindern erkennen: „Wenn die merken, da ist einer, der hat dich lieb, der mag dich, so wie du bist, macht das für die einen enormen Unterschied.“ Fast ein Viertel der Jenfelder lebt von Hartz IV. Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung sind an der Tagesordnung.

Seit zwölf Jahren ist Thies Hagge jetzt in der Gemeinde. Geboren und aufgewachsen in Heide in Dithmarschen, fand er spät zum Glauben. Erst mit achtzehn lässt er sich taufen, es folgten das Studium in Kiel, das Vikariat auf einem Dorf in Dithmarschen und dann Jenfeld. Erst nach und nach hat er begriffen, wo er da gelandet ist, und er fing an, „Kirche für andere“ zu machen – noch mehr Angebote für Kinder und Jugendliche, Freizeiten und ein Seelsorgeprogramm als Selbsthilfegruppe. Die Predigten richtet er nicht nur an die üblichen Gottesdienstbesucher. Alle Schichten, alle Ethnien sollen merken, „wie froh wir sind, dass sie zu uns kommen und dass wir im Glauben eine Gemeinsamkeit haben“. Wenn er von seiner Multikulti-Gemeinde spricht, strahlt der Pastor. Auch an normalen Sonntagen zählt der Gottesdienst nun rund 200 Besucher.

Und dann kam der 1. März 2005. Nur 200 Meter Luftlinie von seinem Pfarrhaus entfernt entdeckt die Polizei die verhungerte Jessica. Sieben Jahre alt, auf zehn Kilo abgemagert, erstickt an Erbrochenem. Keiner will etwas gemerkt haben. Thies Hagge hat selbst zwei Kinder, und während er mit der Familie Weihnachten und Neujahr feiert – direkt nebenan dieses Martyrium.


 


 

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