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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die vermisste Gesellschaft, Folge 1 – Vermisste haben keinen Wert für die Gesellschaft

Im April vor 25 Jahren veröffentlichte unser Kolumnist in der „Zeit“ einen Bericht, wenige Tage später im WDR-Fernsehen eine TV-Dokumentation über die Situation der Angehörigen von Vermissten. Erstmals wurde damals das Thema ernsthaft in den Medien behandelt und festgestellt, dass die Angehörigen von Vermissten Unterstützung benötigen. Seitdem unterhält der Autor auch ein kostenloses Beratungstelefon für Angehörige von Vermissten. In einer Serie im Rahmen dieser Kolumne begründet Jamin, warum sich für die Betroffenen seit Jahrzehnten die Situation nicht verändert hat.

Vermisste Menschen haben keinen Wert für die Gesellschaft. Sie wählen nicht. Sie zahlen keine Steuern. Sie existieren schlicht nicht mehr.

Selbst die große Zahl der Betroffenen von jährlich weit mehr als 100.000 bei der Polizei als vermisst Registrierte beeindruckt niemanden. Wenn es um ihre Probleme geht, sind die Zahlen nichts wert. Nur das einzelne Schicksal erregt Aufmerksamkeit und berührt die Menschen. Aber Emotionen für ein Schicksal werden schnell von Gefühlen für ein anderes Ereignis abgelöst.

Eine halbe Million Menschen sind jährlich betroffen

Auch die Probleme der jährlich mehr als 500.000 Angehörigen von Vermissten werden ignoriert oder verharmlost und ihre Suche nach den Vermissten wird nicht ernst genommen. Das Vermisst-Plakat, das einzige Medium, dessen sich die Angehörigen ohne Einschränkung bei der Vermisstensuche bedienen können, wird sogar verhöhnt: Hunde- und Katzenbesitzer, die ihre vierbeinigen Lieblinge suchen, betiteln ihre Flugzettel ebenfalls seit langem mit "Vermisst!".

Und dem früheren Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich war es nicht zu primitiv in einer Werbekampagne "Vermisst!"-Plakate zu imitieren, um Angehörige von jungen Muslimen auf die Gefahren eines radikalen Islamismus und die damit verbundene Ausstiegsbereitschaft junger Migranten aufmerksam zu machen.

Wenn ein Mensch verschwindet, werden seine Angehörigen nicht nur von den Weggegangenen allein gelassen. Staat und Gesellschaft missachten ihre Bedürfnisse, Verwandte, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen wissen nicht, wie sie helfen sollen.

Dabei sind die Angehörigen von Vermissten selbst Opfer – oft noch viel mehr als die verschwundenen Menschen. Schmerz, Verzweiflung und Hilflosigkeit der Daheimgebliebenen sind groß, und dabei spielt es keine Rolle, ob ein Mensch für einige Wochen oder Monate oder für Jahre oder gar für immer fortbleibt – die Pein beginnt in den ersten Stunden nach dem Vermisstsein.

Jede Minute, jede Stunde, jeder Tag des Hoffens auf die Rückkehr eines geliebten Menschen ist für die Angehörigen eine Qual. Die Ungewissheit, ob die vermisste Person lebt oder tot ist, macht den Menschen schier verrückt.

Und zu der seelischen Krise kommt noch ein organisatorisches Chaos, das mit dem Weggang eines Menschen fast immer einhergeht.

Die Angehörigen vermissen nicht nur eine Person, sondern eine ganze Gesellschaft, die ihre Hilferufe hört und entsprechend handelt. Doch davon ist Deutschland weit entfernt. Die vermisste Gesellschaft, die jedes Jahr mehr als 500.000 Angehörige und darüber hinaus deren Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen ignoriert, hat sich in Jahrzehnten in Schweigen und Untätigkeit eingerichtet, statt den Betroffenen Aussprache und Unterstützung anzubieten.

Die Angehörigen sehen sich ausgegrenzt. Ihnen fehlt eine auf Erfahrungen mit Vermisstfällen erprobte Gesprächsbegleitung für die Bewältigung vielfältiger Probleme im Alltagsleben sowie eine wissenschaftlich fundierte psychologische bzw. psychotherapeutische Betreuung.

Dabei wäre Hilfe recht einfach: Wenn Angehörige eine Vermisstmeldung bei der Polizei aufgeben, müssten Sie ein spezielles Infoblatt mit einem Hinweis auf die Beratung und Unterstützung in der Sozialbehörde der Stadt- oder Gemeindeverwaltung erhalten – doch an keiner Tür einer Kommunalverwaltung hängt ein Schild "Angehörige von Vermissten willkommen". Im Gegenteil: Ratsuchende Angehörige werden meist schon von der Telefonzentrale abgewimmelt und an die Polizei verwiesen.

Ein nationales, staatlich betriebenes Internetportal könnte mit Suchmeldungen, Ratgeber-Tipps und Betroffenen-Foren das kommunale Hilfsangebot flankieren – doch all das gibt es nicht. Vielmehr überlässt unsere Gesellschaft dieses "Geschäft" einer Reihe von dubiosen Helfern im Internet, bei denen es sich nicht selten um Spendensammler oder Detektive handelt. Und die recht simple "öffentliche" Suche nach Vermissten durch die Polizei findet versteckt auf Internetseiten des Bundeskriminalamtes und der 16 Landeskriminalämter statt. Gelegentlich findet auch eine Vermisstmeldung über die Pressestelle der örtlichen Polizei den Weg in die Regionalpresse.

Und so leiden die Ehemänner, Ehefrauen, Lebenspartnerinnen und -partner, Söhne und Töchter, Mütter und Väter, Großväter und -mütter, Schwiegermütter und Schwiegerväter in aller Stille unter der Ungewissheit, was mit der Vermissten oder dem Vermissten geschehen sein könnte und unter psychischen und organisatorischen Katastrophen, die mit dem Verschwinden einhergehen. Meist gibt es nicht einmal einen Abschiedsbrief, so dass man komplett im Unklaren darüber ist, warum der geliebte Mensch fortgegangen ist.

Ab nächsten Freitag lesen Sie an dieser Stelle über „Die vermisste Gesellschaft“ in Folge 2: Ein soziales Entwicklungsland.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                                     Ihr Peter Jamin

 Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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