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Die Jamin-Kolumne: Auf einen Cappuccino

Die vermisste Gesellschaft, Folge 3 – Spiegelbild gesellschaftlichen Versagens

Dabei wäre Unterstützung der Betroffenen so einfach gewesen...

In allen vier Fällen wäre Unterstützung einfach gewesen, wenn man den Frauen bei der Vermisstmeldung auf der Polizeiwache ein Informationsblatt mit einer entsprechenden Anlaufstelle in der kommunalen Sozialbehörde gegeben hätte und dort ein Vermisstberater (die es nicht gibt) wäre.

Die Angehörigen von Vermissten formulieren keine Forderungen und stellen keine Ansprüche an den Staat, sondern lassen sich wie No-Names im Niemandsland ausgrenzen. Man fragt sich, warum niemand von ihnen an die Öffentlichkeit geht und Forderungen stellt – und warum niemand gegen die Ignoranz unserer Gesellschaft protestiert?!

Zum einen sind die Betroffenen nach dem Verschwinden eines Menschen so sehr mit der seelischen Bewältigung des Verlassenwerdens und der Organisation des radikal veränderten Alltags befasst, dass ihnen keine Kraft für gesellschaftliches Engagement bleibt. Sie müssen nicht nur ihr eigenes Leben in den Griff bekommen, sie müssen häufig auch noch die Scherben beiseite räumen, die die Vermissten hinterlassen haben: Kreditgeber und Banken fordern Geld, Arbeitgeber, Krankenkassen und Versicherungen erwarten Auskunft und Entscheidungen, Wohnungseigentümer bestehen auf die Räumung einer Wohnung, Freunde und Bekannte wollen umfassend informiert werden etc.

Dabei ist den Angehörigen nicht nach Reden und Handeln zumute. Sie schämen sich wegen ihres Schicksals. Sie haben das Gefühl, versagt zu haben, wenn ein Kind, ein Ehemann, eine Ehefrau oder Freundin verschwindet. Man hat die Probleme in der Familie oder Partnerschaft nicht gelöst. Jemand ist geflüchtet, die Zurückgebliebenen sind daran schuld. Die Angehörigen von Vermissten haben das Gefühl, alleine für diese Situation zuständig zu sein und vor allen Dingen auch daran zumindest eine Mitschuld zu haben.

Die Auseinandersetzung mit dem möglichen eigenen Versagen

Und damit sind wir beim Thema Schuld und Schuldgefühle. Häufig höre ich, dass sich Angehörige immer wieder fragen, wo und wann sie versagt haben. Was sie getan haben, damit sie verlassen wurden. Bei welchem Ereignis, in welcher Situation hätten sie anders reagieren sollen, um das Verlassenwerden zu verhindern?

Sicherlich haben in etlichen Fällen Angehörige zumindest eine Mitschuld an der Situation. Schwerwiegende Streitigkeiten, falsches Verhalten von Beteiligten können natürlich dazu beitragen, dass jemand geht. Manchmal ist die Schuld auch besonders groß.

Doch meistens schämt man sich, ohne zu wissen wofür. Und weil die Scham so groß ist, ruft man auch nicht nach Hilfe. Weder Freunde noch Bekannte, weder Kirche noch Staat werden in die Pflicht genommen, und man gründet auch keine Initiative und veranstaltet keine Demonstration, um Hilfe von Staat und Gesellschaft einzufordern. Man versucht irgendwie klarzukommen, sich selbst zu helfen.

Fixiert auf das eigene Schicksal

Die Angehörigen von Vermissten leiden still. Und sie sind so intensiv auf ihr eigenes Schicksal und der Bewältigung der damit verbundenen Probleme fixiert, dass sie auch nicht den Blick frei haben für die Probleme ähnlich Betroffener. Auch dann nicht, wenn die vermisste Person, wie in den meisten Fällen, nach Wochen oder Monaten heimkehrt. Denn dann beginnen ja erst die Probleme in voller Härte:

  1. Man muss die Ursache aufarbeiten, die zum Verschwinden des geliebten Menschen führte.
  2. Man muss das Leid und das Chaos bewältigen, das bei den Angehörigen durch das Verschwinden ausgelöst wurde.
  3. Und man muss einen gemeinsamen Weg finden, um wieder miteinander leben zu können.

Wer sich diesen Anforderungen stellt, hat irgendwann die Chance, wieder eine akzeptable Beziehung in Familie oder Partnerschaft zu führen. Doch wer, wie viele Betroffene, nicht wirklich über die Vermisst-Situation spricht und das Thema meidet, wird bei dem Gedanken an das Vermisst-Sein von Menschen immer in einen eigenen, dunklen Abgrund schauen. Und darüber schweigt man.

(Ende der Serie zum Thema „Vermisste Menschen und ihre Angehörigen“ / Das Video des center-tv-Interviews hier.)

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino...
                                    Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren aufmerksam macht. Mehr unter www.jamin.de

(Peter Jamin)


 


 

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