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Geldpolitik

Umstrittener Billionen-Poker von EZB-Chef Draghi

Die EZB holt die Bazooka bzw. „dicke Bertha“ raus und flutet die Märkte durch den Kauf von Staatsanleihen im Volumen von 60 Milliarden Euro pro Monat nach dem Vorbild der US-Notenbank FED und japanischen Notenbank. Ob dies nur zu einer Ausweitung der Kreditnachfrage und Investitionen führt, muss abgewartet werden. Die Aktienmärkte reagieren mit Kurssteigerungen. Der Euro stürzt hingegen ab.

Die Europäische Zentralbank ( EZB ) macht Ernst und gibt Gas. Am 22. Januar 2015 gab der EZB-Chef Draghi bekannt, dass die EZB ab März monatlich 60 Milliarden Euro an Staatsanleihen in Zusammenarbeit mit allen europäischen Notenbanken kaufen werde (Quantitative Easing/QE). Dabei kauft die EZB selbst nur 20 Prozent der Staatsanleihen auf, 80 Prozent sollen von den nationalen Notenbanken aus Europa gemäß dem EZB-Verteilungsschlüssel aufgekauft werden. Das bedeutet, dass die Deutsche Bundesbank – recht widerwillig – 25 Prozent von den restlichen 80 Prozent aufkaufen soll. Gerade die Deutsche Bundesbank war bisher aber immer ein Gegner solcher Staatsanleihenkäufe, weil dann das Reformtempo bei den südeuropäischen Ländern nachlassen könnte.

1,140 Billionen Euro für 2 Prozent Inflation

Das Programm soll zunächst bis September 2015 laufen und dann überprüft werden, ob es wirkt. Zur Not soll es bis September 2016 weitergeführt mit einem Gesamtvolumen von 1,140 Billionen Euro. Draghi will damit die Inflationsrate wieder auf 2 Prozent bringen, den Banken mehr Liquidität für Kredite geben, und schlussendlich soll dies auch die Investitionsbereitschaft erhöhen. Die Inflationsrate im Euroraum betrug im Dezember 2014 nur minus 0,2 Prozent nach noch plus 0,8 Prozent im Vorjahr. Draghi befürchtet eine Deflation im Euroraum und will dies nun künstlich durch das Anleihenkaufprogramm vermeiden. Das Inflationsziel ist mit plus 2 Prozent sehr ambitioniert.

EZB unterstützt vor allem Südeuropa

Die außergewöhnlich expansive Geldpolitik führt auch zu niedrigen Risikoprämien bei den Staatsanleihen von südeuropäischen Ländern. Die Zinsen von südeuropäischen Ländern sinken jetzt gewaltig und viel mehr als der Schuldenstand dies anzeigt. So muss Italien allein in diesem Jahr 70 Milliarden Euro an Zinsen und Tilgungen leisten. Das gute an dem QE der EZB ist: Der Schuldendienst südeuropäischer Länder sinkt durch die niedrigen Zinsen, obwohl die Schulden höher werden. Das entlastet im Moment auch die Haushalte der südeuropäischen Länder. Die EZB-Entscheidung ist also ein Segen für alle südeuropäischen Länder, die sich jetzt wesentlich günstiger refinanzieren können. Es ist die Frage, ob sie jetzt auch die notwendigen Strukturreformen durchführen, denn die Monetisierung von Staatsschulden durch die EZB sorgt zwar für Opium, aber nicht für den Reformdruck, der sonst bestanden hätte.

EZB-Marktmanipulation führt zu einem Anleihen-Bubble

Es handelt sich also ganz klar um eine Marktmanipulation zugunsten der Aktien-, Immobilien-und Anleihenmärkte, was auch zu einem Bubble führen kann. Selbst der Euro-Bund-Future schloss auf einem neuen Allzeit-Hoch von 158,86 (plus 1,24 Prozent). Bei fünfjährigen Bundesanleihen gibt es jetzt schon Negativ-Zinsen und zehnjährige Bundesanleihen rentieren erstmals unter 0,5 Prozent. Wir nähern uns damit immer mehr japanischen Verhältnissen. Der Sparer wird damit faktisch schleichend enteignet. Eine Rückkehr zu sehr hohen Zinsen ist gar nicht möglich, da dann auf breiter Front Staatsbankrotte drohen.

Ausgang des Experiments ungewiss

Die große Frage ist also, wie die Notenbanken diese toxischen Papiere später wieder loswerden bzw. sie ausgebucht werden können, ohne den Steuerzahler zu belasten. Letztendlich wird wohl immer der europäische Steuerzahler die Zeche für das QE der EZB zahlen, falls es zum Schluss schief läuft. Was jetzt passiert, sind zu 20 Prozent schon „verkappte Eurobonds“ über die EZB.

Ölpreis sorgt für Sonder- Konjunktur

Es wird international immer noch zu wenig investiert und das wird wohl auch der 1-Billionen-Poker der EZB nicht viel ändern und auch nicht das angekündigte 300-Milliarden-Euro-Investitionsprogramm der EU. Die Pferde saufen halt nicht bei den Multis, trotz allem Überfließen an Wasser (sprich Liquidität). Durch den stark gefallenen Ölpreis werden nach Goldman Sachs wohlmöglich weltweit Investitionen von bis zu 1 Billion US-Dollar wegefallen. Allerdings wirkt der um über 50 Prozent in einem Jahr gefallene Ölpreis nun wie ein Sonder-Konjunkturprogramm in vielen Ländern der Welt, da der Konsum belebt wird. In Deutschland werden durch den stark gefallenen Ölpreis in Kombination mit dem stark gefallenen Euro nun zusätzlich Gewinne von 13 Milliarden Euro bei den DAX-Unternehmen erwartet.

Schweizer Notenbank kapituliert vor der EZB

Die Schweizer Notenbank, die schon zuvor Euro im Volumen von fast 500 Milliarden Euro aufkaufte, um den Schweizer Franken nicht zu stark aufwerten zu lassen, wusste wohl schon vor der EZB-Entscheidung Bescheid über das, was Draghi nun verkündet hat. Um den Euro zu stützen, hätte die Schweizer Notenbank jetzt 100 Milliarden Euro im Januar aufkaufen müssen. Das Volumen war der SNB einfach zu groß geworden. Der Schweizer Franken (CHF) pendelte sich nach der EZB-Entscheidung bei 0,99 Euro/CHF ein. Ich vermute, der Schweizer Franken wird jetzt zur Parität zum Euro seitwärts tendieren.

Gold und Silber wieder gefragt

Gold und Silber profitierten nur vor der EZB-Entscheidung. Der Goldpreis stieg im Hoch auf über 1.300 US-Dollar/Feinunze, um dann am Freitag auf 1.294 US-Dollar zu konsolidieren und der Silberpreis im Hoch bis auf 18,5 US-Dollar, um dann bei 18,4 US-Dollar leicht im Minus zu schließen. Der Brentölpreis war ebenso wenig beeinflusst wie der WTI-Ölpreis. Brentöl tendierte vergangene Woche seitwärts bei etwa 48 bis 50 US-Dollar/ Barrel während WTI-Öl von 49 auf 45 US-Dollar/Barrel fiel. Hier war schon wichtiger, dass der saudi-arabische König Abdulla gestorben war, denn es bleibt nun abzuwarten, ob sich sein Bruder Mokren genauso verhalten und ein Öl-Dumping betreiben wird, was schon einige US-Öl-Frackingunternehmen zum Produktionsstopp veranlasste, da die Produktion beim Ölpreis von unter 50 US-Dollar/Barrel unrentabel wird.

Aktienmärkte haussieren und jubeln – Euro im freien Fall

Die Anleger am deutschen Aktienmarkt nahmen die EZB-Entscheidung mit viel Wohlwollen und Hoffnung auf eine Stabilisierung auf. Der DAX stieg am 23. Januar um 0,9 Prozent auf das neue Allzeit-Hoch von 10.610 Indexpunkten (im Hoch sogar 10.700 Indexpunkten) nach Wall-Street-Schluss. Dabei schloss der DAX in deutschen Börsenhandel bei 10.649 Indexpunkten und stieg damit sogar um 2 Prozent bzw. über 200 Indexpunkte zum Vortrag, wo er auch schon kräftig anstieg. Damit stieg der DAX in den vergangenen zwei Wochen sogar um 1.000 Indexpunkte und schnitt damit weit besser als die Wall Street. Der Euro fiel auf das neue Tief von 1,12 Euro/US-Dollar, was für deutsche Exportunternehmen von Vorteil ist, da sie ihre Produkte im Ausland jetzt billiger anbieten können.

Moskauer Börse erholt sich kräftig

Der russische RTS-Index, der auf US-Dollar basiert, stieg am 23. Januar um 0,8 Prozent auf 824 Indexpunkte und damit um plus 3,84 Prozent seit Jahresbeginn. Der auf Rubel basierende MICEX-Index stieg am 23. Januar zwar nur um 0,3 Prozent auf 1.671 Indexpunkte; dies bedeutet aber ein Plus von 19,71 Prozent seit Jahresbeginn und plus 17,57 Prozent in einem Jahr, während der RTS-Index in einem Jahr aufgrund der Rubelschwäche um 37,55 Prozent nachgab. Hier wird schon deutlich, dass es sich in Russland in erster Linie um eine Währungsspekulation handelt.

Der Euro gab zum Rubel um 1,93 Prozent auf 71 Euro/Rubel nach. Ein Woche zuvor notiert der Rubel noch bei 78 Euro/Rubel, so dass es Währungsgewinne für deutsche Anleger um fast 10 Prozent gab. Die Top-Performer am 23. Januar 2015 waren der Stahlröhrenhersteller TMK mit einem Plus von 25 Prozent und der Pharmawert Pharmastandard mit einem Plus von 24 Prozent sowie der Immobilienentwickler LSR Group mit einem Plus von 23 Prozent. Die zuletzt als „ Aktie des Monats“ in „East Stock Trends“ vorgestellte Mail.ru konnte immerhin um 6,6 Prozent auf 14,7 Euro zulegen. Gazprom schaffte „nur“ ein Plus von 3 Prozent auf 4,3 Euro. Im Tief war Gazprom im Dezember aber im Kurs unter 3 Euro zu haben, sodass auch Gazprom seit dem Tief um über 30 Prozent, der RTS-Index aber um über 41 Prozent von 587 auf 812 Indexpunkte seit Mitte Dezember zulegen konnte.

Merkel deutet in Davos Kooperation der EU mit der Eurasischen Zollunion an

Dies zeigt schon wie chancenreich der russische Aktienmarkt immer wieder nach Crashtagen wie am 16. Dezember 2014 nach der Rubel-Krise für „hartgesottene“ Trader ist. Beim Weltwirtschafts-Gipfeltreffen in Davos äußerte Bundeskanzlerin Angela Merkel Gesprächsbereitschaft über eine Kooperation der EU mit der Eurasischen Zollunion. Putins Vision war schon lange ein Freihandelsabkommen von Lissabon bis Wladiwostok. Das sind nun in Davos schon andere Töne als man zuvor von Merkel gewohnt war, obwohl Putin nicht nach Davos reiste und der Premier Medwedew auch nicht, da in Russland ein neues Anti-Krisen-Programm entwickelt werden soll.

(Redaktion)


 


 

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