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Gemeinwohl-Ökonomie

Hamburger Pioniere auf dem Weg zum ethischen Wirtschaftsmodell der Zukunft

Die Hamburger Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie präsentierte im Rahmen der 3. Internationalen Gemeinwohl-Bilanzpressekonferenz am 24. April 2014 ihren Jahresbericht 2013. Außerdem stellten sich teilnehmende Kleinunternehmen und Vereine aus der Hansestadt vor, die für die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz erstmalig die Umsetzung von Werten wie Arbeitsplatzqualität, ethische Kundenbeziehungen, Transparenz und demokratische Mitbestimmung hinterfragt haben.

Alternativen sind gefragt: Die Gier internationaler Konzerne, Gewinnmaximierung auf Kosten vieler Menschen, eine auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich sind Themen, die die Medienschlagzeilen seit Jahren beherrschen und die vor allem für wachsenden Unmut in der Bevölkerung in Bezug auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sorgen. Immer mehr Menschen stellen inzwischen die kapitalistische Wirtschaftsform in Frage und suchen nach Veränderungen. Nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2010 wünschen sich gar 90 Prozent der Bürger in Deutschland und Österreich eine „alternative Wirtschaftsordnung“. Viele Unternehmen setzen inzwischen auf „Corporate Social Responsibility“-Maßnahmen – mit wahrhaftigem Engagement, teils aber auch nicht frei vom Verdacht des Greenwashings. Erst langsam etabliert sich in der Wirtschaft strategisches Nachhaltigkeitsmanagement, das fest in den jeweiligen Unternehmen verankert ist.

Ein gutes Leben für alle – partizipativer Prozess für einen Werte-Wandel in der Wirtschaft

Der konsequenteste Ansatz neuen Denkens und Hinwendung zu einer alternativen Wirtschaftsform scheint derweil die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) zu sein. Eine Idee, die in der Außenwahrnehmung im Vergleich zu Krisenmeldungen und Negativschlagzeilen leise daherkommt und doch immer mehr Menschen begeistert und weltweit auch Unternehmen und Gemeinden mobilisiert, sich an der Entwicklung einer nachhaltigen Zukunft zu beteiligen.

Laut dem Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie haben sich in dreieinhalb Jahren mehr als 7.500 Privatpersonen, Unternehmen, Gemeinden und Regionen sowie Politiker aus der ganzen Welt der wachsenden GWÖ-Bewegung angeschlossen, die auf die Initiative des österreichischen Politik-Aktivisten Christian Felber zurückgeht. Sie alle machen sich auf den Weg zu einer ethischen Marktwirtschaft. Die Idee, die sie eint: Wirtschaftlicher Erfolg soll nicht primär an den Mitteln, also monetär, gemessen werden, sondern am Ziel: dem Gemeinwohl. Dazu zählt auch, Beziehungen zu fördern und das Leben von Werten – etwa Solidarität und demokratische Mitbestimmung – als erstrebenswert anzusehen und zu belohnen. Viele hundert Freiwillige hätten bereits Zeit und Energie beigetragen, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, hieß es in der Hamburger Pressekonferenz, die am 24. April 2014 im Rudolf-Steiner-Haus parallel zu entsprechenden Veranstaltungen in Deutschland (Berlin, Düsseldorf, Freiburg), Österreich (Eisenstadt, Graz, Hörsching, Lochau, Salzburg, Wien) und Spanien (Valencia) stattfand. Die GWÖ versteht sich als Impulsgeber und Initiator für weitreichende Veränderungen, als „partizipativer Prozess für einen Werte-Wandel in der Wirtschaft“.

Hamburger Vorreiter bilanzieren mit Blick auf gesellschaftliche Werte

Im Dezember 2012 gründete sich die Hamburger Regionalgruppe der Gemeinwohl-Ökonomie. Bereits 2013 haben die ersten Betriebe mit der Gemeinwohlbilanzierung begonnen. Der Bilanzprozess ist dabei als Bewusstmachung zu verstehen, dass sich die Betriebe auf dem richtigen Weg befinden und ihre Schwachstellen identifizieren. Sechs dieser Betriebe haben ihre Bilanzen in der Hamburger Pressekonferenz vorgestellt: Ökomarkt e.V., PersonalDock GmbH, Rudolf-Steiner-Haus Hamburg e.V., die „SpielScheune der Geschichten“, wellyunit und die „Zimmerwerkstatt“.

Alle Beteiligten sind sich einig, mit dem alternativen Wirtschaftsmodell den für sie passenden Weg gefunden zu haben. Sie berichten von „sehr spannenden“ und „bereichernden“ Prozessen und Erfahrungen, die sie im Rahmen der Bilanzierung und im Austausch mit den Teilnehmern der Regionalgruppe durchlaufen haben. Aber sie sprechen auch offen von den Herausforderungen, die eine strikte Ausrichtung auf ökologische Nachhaltigkeit, Menschenwürde, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz gerade für kleine Unternehmen und gemeinnützige Vereine mit sich bringen.

Was ist die Gemeinwohl-Bilanz?

Die von der GWÖ entwickelte Gemeinwohl-Bilanz ist als Weiterentwicklung von CSR- und Nachhaltigkeitsberichterstattung zu verstehen. Sie dokumentiert den Ist-Zustand und macht mit Gemeinwohl-Punkten und Bewertungsschema einen Entwicklungsprozess beschreibbar, nachvollziehbar und erstmals vergleichbar. Die Bilanz bewertet dabei nicht finanzielle Aspekte, sondern die Umsetzung von Werten der Menschenwürde, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Transparenz, demokratischer Mitbestimmung in Beziehung zu Mitarbeitern, Kooperationspartnern, Lieferanten, Geldgebern, Produkt, Dienstleistung, Konsumenten und dem weiteren gesellschaftlichen Umfeld. Diese sind in einem Bewertungsschema, der Gemeinwohl-Matrix festgehalten, die laufend weiterentwickelt und demokratisch entschieden werde. Die Gemeinwohl-Bilanz setzt sich letztlich zusammen aus Gemeinwohl-Bericht und Gemeinwohl-Zertifikat sowie dem Feedback zu Inhalten und Prozessen.

Was ist für die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz erforderlich?

Wer im Sinne des alternativen Wirtschaftsmodells Werte bilanzieren will, muss Mitglied des Vereins Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie werden. Der jährliche Mitgliedsbeitrag staffelt sich von 60 Euro für natürliche Personen und 100 Euro für Selbstständige bis zu 2.500 Euro für große Unternehmen (1501 bis 2500 Mitarbeiter). Für die Erstellung der Gemeinwohl-Bilanz begleiten ausgebildete Berater die bilanzierenden Unternehmen. Das geschieht wahlweise in Einzelberatungen, die bei Tagessätzen von 600 bis 1200 Euro liegen, oder für kleine Unternehmen in „Peergroups“. Hier finden sich bis zu acht Gleichgesinnte zusammen, um an fünf Terminen (jeweils halbe Tage) Gemeinwohl-Berichte zu erarbeiten – so hat auch die Hamburger Regionalgruppe gearbeitet. In den Berichten erklären sie Umsetzung der Gemeinwohlwerte sowie ihr Entwicklungspotenzial und nehmen eine Bewertung vor. Zwei Moderatoren begleiten die Prozesse und am Ende folgt ein endgültiges Testat. Dieser Evaluierungsprozess kostet kleine Unternehmen 1080 Euro, zu denen die Deutsche Bundesstiftung Umwelt derzeit 405 Euro Förderzuschuss gibt, sodass unterm Strich hier ein finanzieller Aufwand von 675 Euro entsteht.

Hamburg und Berlin als Modellregionen

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt unterstützt die Gemeinwohl-Ökonomie mit dem Förderprojekt „Modellhafte Umsetzung der Gemeinwohl-Bilanzierung als zentrales Element des weiterentwickelten Nachhaltigkeitsmanagements in kleinen und mittelständischen Unternehmen” (Laufzeit Oktober 2013 bis September 2015). Mit Projektstart lagen 22 Letters of Intent von kleinen und mittelständischen Unternehmen aus Hamburg, Berlin und Brandenburg vor, die im Rahmen des Förderprojekts eine zertifizierte Gemeinwohl-Bilanz für ihr Unternehmen erstellen wollen, hieß es. Insgesamt sei geplant, je 20 Unternehmen in Hamburg und Berlin zu finden.

Prinzip der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben

Thomas Grofer, Geschäftsführer des Rudolf Steiner Haus Hamburg e.V.: „Die Gemeinwohl-Ökonomie knüpft aus meiner Sicht konkret und zeitgemäß an das gesellschaftliche Modell der Sozialen Dreigliederung Rudolf Steiners an. Insbesondere das Prinzip der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben wird durch die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz anhand der verschiedenen Kriterien greifbar.“


 


 

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