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Hamburger Business-Köpfe

Steffen Schumann: Netzwerker für die gute Sache

Seit gut fünf Jahren gibt es in Hamburg-Wohldorf mit dem Neuen Kupferhof ein Refugium für Familien mit schwerst- und mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen aus ganz Deutschland. Sie können hier im Rahmen der Kurzzeitpflege neue Kraft schöpfen. Dieser besondere Ort ist in Hamburg tief verwurzelt. Steffen Schumann, Gründer und Geschäftsführer des Neuen Kupferhof, gibt in business-on.de einen Einblick in seine Arbeit und plädiert für eine komplette Veränderung des Pflegesystems in Deutschland.

business-on.de: Hamburg wird häufig als die schönste Stadt der Welt bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Steffen Schumann: Wenn andere das sagen, finde ich es okay, dann kann ich es auch befürworten. Aber ich selber, als Hamburger, sage das nicht so gerne. Das klingt für mich doch etwas überheblich oder eingebildet, und so möchte ich nicht wirken. Und ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob Hamburg wirklich sooo schön ist. Ich war in einigen Städten, von denen ich sagen möchte „Wow, hier könnte ich auch gut leben“…

business-on.de: Was machen Sie beruflich genau?

Steffen Schumann: Ich bin Gründer und Geschäftsführer des „Neuen Kupferhof“. Der Neue Kupferhof ist eine soziale Einrichtung in Hamburg-Wohldorf und bietet Kindern mit einer schweren Behinderung und deren Familien eine Auszeit vom schweren Pflegealltag zu Hause. Bis zu vier Wochen im Jahr können die besonderen Kinder mit ihren Familien – oder auch ohne – zu uns nach Hamburg kommen. Und sie kommen: aus ganz Deutschland.

Unsere Einrichtung hat mittlerweile 55 Angestellte und etwa 60 ehrenamtliche Helfer. Geschäftsführer dieser so einzigartigen Einrichtung sein zu dürfen, erfüllt mich jeden Tag mit Freude und Dankbarkeit.

business-on.de: Wie erklären Sie sich den „guten Geist“, der im gesamten Haus spürbar ist?

Steffen Schumann: Wir sind ein „Ersatz-Zuhause“ auf Zeit. Und die gesamte Ausstattung, Farbgebung, Einrichtung ist von betroffenen Eltern geschaffen worden, nicht von Ärzten oder Pädagogen oder Innenausstattern. Ich denke, das ist, so höre ich es zumindest oft, das „Besondere“ am Kupferhof.

Aber keine noch so schöne Hülle, kein Möbelstück, kein Einrichtungsgegenstand kann einen guten Geist verkörpern. Es sind immer die Menschen, die prägen, die Menschen, die auch hier jeden Tag mit Freude ins Haus gehen und auf unsere Gäste wirken. Ich bin so sehr dankbar, dass wir eine so einmütige und sehr emphatische Truppe am Start haben.

business-on.de: Wie wichtig ist für Sie berufliches Netzwerken? Wie nutzen Sie es? In welchen Klubs sind Sie?

Steffen Schumann: Netzwerken ist mein halbes berufliches Leben. Ohne ein unglaubliches Netzwerk würde es unseren Neuen Kupferhof so gar nicht geben. Wobei es sicherlich nicht immer berufliches Netzwerken ist, sondern ein ganz allgemeines Netzwerken, ein menschliches Netzwerken sozusagen. Einfach in verschiedenen Institutionen, Klubs, Verbänden, ja auch in Kirchengemeinden, in denen ich oft bin, mit Menschen in Kontakt kommen und über die gute Sache sprechen.

business-on.de: Welcher ist Ihr Lieblingsort in Hamburg und warum?

Steffen Schumann: Oha. Gibt es DEN Lieblingsort? Nein. Waren Sie mal an der absolut nordöstlichsten Landesgrenze Hamburgs? Dort war ich gerade wieder: Im Duvenstedter Brook – herrlich. Diese unglaubliche Weite von Gras- und Heideflächen, ein paar Birken und schier endlose Blicke. Unglaublich schön und ruhig. Und eben Hamburg – das glaubt man kaum, wenn man dort ist.

Dann die Elbe bei Blankenese, der Blick vom Süllberg – klasse. Oder auch die andere Stadtseite an der Elbe, die Vier- und Marschlande, tolle Höfe, tolle Natur an den Seitenarmen der Elbe. Und natürlich auch das Stadtleben in Eppendorf oder Winterhude … hmmh. Der Blick von der Elphi-Plaza … Ist Hamburg womöglich doch die schönste Stadt der Welt?

business-on.de: Beenden Sie diesen Satz: „Wenn ich nicht in Hamburg wäre, dann wäre ich …“

Steffen Schumann: wahrscheinlich irgendwo in den Bergen. Ich liebe die Alpen, die Weite, die Blicke. Ich liebe das Skifahren und den Schnee im Winter. Aber auch den Sommer an einem türkisfarbenen See in den Bergen.

business-on.de: Wenn Sie einen Tag lang die Fäden der Stadt ziehen dürften, welche längst überfällige Maßnahme würden Sie umsetzen?

Steffen Schumann: Im Bereich der Pflege gehen wir in Deutschland gerade sehenden Auges auf den Abgrund zu. Es gibt kein Personal, die Pflegekräfte im Lande arbeiten hart für wenig Geld. Wir hier beispielsweise suchen händeringend gutes Fachpersonal. Man findet jedoch niemanden.

Das ist eine Katastrophe, die sich über Jahre angekündigt hat und einfach nur immer schlimmer wird in den kommenden zehn Jahren. Und was wird dagegen getan? So gut wie Nichts. Im wahrsten Sinne furchtbar! Man kann tatsächlich von Untätigkeit sprechen.

Ich würde umgehend das komplette Pflegethema umkrempeln, neue Ausbildungswege und -stätten schaffen. Der Pflege ein Renommee zukommen lassen, wie es in anderen Ländern etwa in Norwegen, Schweiz, USA längst der Fall ist und das mehr als verdient. Von außen betrachtet sind die Pflegekräfte bei uns doch lediglich Gutmenschen, die für wenig Geld einen harten Job tun und mit Wenig zufrieden sind … Die Pflegekräfte müssen endlich (!) deutlich besser für ihren harten und verantwortungsvollen Job vergütet werden, die kompletten Systeme anders ausgerichtet werden, im Sinne der Mitarbeitenden. Diese Maßnahme ist mehr als überfällig.

business-on.de: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welche Hamburger Persönlichkeit würden Sie gern kennenlernen beziehungsweise treffen?

Steffen Schumann: Ich würde gerne mal mit Udo Lindenberg ein Bierchen trinken …

business-on.de: Vielen Dank, Herr Schumann!

(Das Interview führte Brigitte Muschiol)


 


 

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