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Hamburger Mittelstand

Grünen-Chef Cem Özdemir: Den digitalen Wandel gemeinsam gestalten

Die Digitalisierung verändert längst auch vieles in deutschen Betrieben. Was dieser Wandel für kleine und mittlere Unternehmen bedeutet, war Thema einer Podiumsdiskussion des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft e.V. (BVMW) Ende Februar in Hamburg. Dialogpartner aus der Politik war Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

Ob Smartphone oder 3D-Druck: Die Digitalisierung des Alltags und der Arbeitswelt schreitet voran und ist auch für den Mittelstand von großer Bedeutung. Sämtliche Geschäftsmodelle kommen auf den Prüfstand und werden zum Teil erhebliche Anpassungen an das sich verändernde Umfeld erfordern.

Diesen Trend hätten viele mittelständische Unternehmer zwar erkannt, so der BVMW. Doch sie hätten das Thema häufig noch nicht nach ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt oder daraus strategische Unternehmensziele abgeleitet, um die wirtschaftlichen Potenziale auszuschöpfen.

Welche Chancen in der Digitalisierung liegen, warum viele Mittelständler sie bisher nur zögerlich nutzen und was die Politik unterstützend tun könnte – darüber diskutierten Patrick Postel, Geschäftsführer Silpion IT-Solutions GmbH, und Henning Fehrmann, Geschäftsführer der Fehrmann Metallverarbeitung GmbH, am 27. Februar 2015 im Rahmen einer BVMW-Veranstaltung mit Cem Özdemir, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen.

Moderator Sven Enger, Geschäftsführer des Verlags Zukunft & Gesellschaft, fragte Silpion-Geschäftsführer Patrick Postel nach dessen Einschätzung, warum sich der Mittelstand hierzulande bislang noch nicht aktiv genug mit der Organisation des digitalen und kulturellen Wandels auseinandersetze. Im Gegensatz zu den USA, wo die Big Player der Online-Welt herkommen.

Scheitern als Erfahrung zulassen

Patrick Postel sagte, es gebe zwar Gemeinsamkeiten wie gute Universitäten, kreative Ideen und unternehmerischer Mut. Aber auch wesentliche Unterschiede: „Anders als in Deutschland gilt Scheitern in den USA nicht als Makel, sondern als Sammlung von Erfahrungen. Da sollten wir umdenken.“

Damit verbunden ist eine unterschiedliche Herangehensweise an Unternehmungen: „Wenn man in den USA etwas anpackt, setzt man sich große Ziele und geht voll rein“, so Patrick Postel. „Auch die Investoren gehen diesen Weg mit.“ In Deutschland fange man meist erst klein an und setze dann auf schrittweises Wachstum. „Das ist an sich nicht falsch, aber ein Nachteil im globalen Wettbewerb, der schnellere Reaktionen erfordert.“

Grünen-Chef Cem Özdemir nutzte die Gesprächsrunde, um die Mittelständler nach ihren Wünschen an die Politik zu befragen. Henning Fehrmann, Geschäftsführer der Fehrmann Metallverarbeitung GmbH wies in diesem Zusammenhang auf die tägliche Behinderung durch bürokratische Anforderungen hin: „Es ist zwar häufig von Entbürokratisierung die Rede, aber im tatsächlichen Leben findet sie nicht statt. Hier kann die Politik viel tun.“ Das gelte für die reine Unternehmensverwaltung ebenso wie für große Innovationsprojekte. „Der Mittelstand ist das Rückgrat des deutschen Wohlstands. Wir sind A-Kunden des Staates und sollten auch als solche behandelt werden.“ Davon, so Fehrmann, sei man in Deutschland aktuell noch weit entfernt.

Guter Wille reicht nicht

Als Technologieführer investiere sein Unternehmen erheblich in die Forschung und Entwicklung, etwa in die Entwicklung von Spezialverglasungen für Jachten mit einer Länge ab 80 Metern. Ein Luxussegment in einem wachsenden, globalen Markt. „Wir haben es hier nicht nur mit dem digitalen Wandel zu tun, sondern gleichzeitig mit viel höherer Geschwindigkeit und mehr Komplexität. Deutschland muss sich auf solche Wettbewerbsbedingungen einstellen und die Rahmenbedingungen entsprechend verändern.“

Noch dauere hierzulande vieles viel zu lange und würde teilweise noch verlangsamt. Beispiel: War vor wenigen Jahren ein Antragsverfahren auf Innovationsförderung in Hamburg in drei bis sechs Monaten „durch“, gehe heute aufgrund der neu gestalteten bürokratischen Strukturen schon mal ein Jahr bis zur Entscheidung ins Land. „Guter Wille reicht nicht, wenn es massiv bei der Umsetzung hapert.“ Henning Fehrmann plädierte für einen pragmatischen Ansatz: „Wir brauchen mehr Freiraum von der Politik und mehr Vertrauen in unsere Fähigkeiten! Der Staat bremst uns zu stark.“

Wandel in vielen Facetten

Aus den Diskussionen mit dem Auditorium wurde die Vielschichtigkeit des digitalen Wandels deutlich. Es ging unter anderem um die Zukunft der Arbeitsplätze, um Mitarbeiterqualifikation, Etablierung einer Innovationskultur und Datenschutz in der Online-Welt. Und wenn man die Veränderungskraft in Betracht zieht, die etwa dem 3D-Druck zugetraut wird, wird wohl eines nicht allzu fernen Tages der Begriff „digitaler Umbruch“ der treffendere sein.

Made in Germany im digitalen Zeitalter

Dass der Mittelstand in Deutschland auch im digitalen Zeitalter Chancen im Markt hat, ist unbestritten. Dabei scheint es so zu sein, dass es gerade die bekannten deutschen Stärken sind, mit denen Mittelständler global punkten können: gute Ausbildung, hohe Qualitätsstandards, Beherrschung moderner Technologien – als „Made in Germany Version 4.0“.

Der Weg der Grünen: ökologisch soziale Marktwirtschaft

Grünen-Chef Cem Özdemir betonte die Gemeinsamkeiten von Politik und Interessen der Unternehmer: „Es gibt viele Schnittmengen.“ Als Beispiel nannte er den Datenschutz, der für Unternehmen insbesondere bei der Entwicklung von Innovationen von besonderer Bedeutung sei. Viele Herausforderungen, die der digitale Wandel mit sich bringe, könne man nur gemeinsam bewältigen. Die Lösungen für Bündnis 90/Die Grünen lägen in der ökologisch sozialen Marktwirtschaft.

(Brigitte Muschiol)


 


 

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