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Hilger Prast: „Ich möchte unverbildete Kunst fördern“

Hilger Prast hat seine fotografische und künstlerische Leidenschaft zum Beruf gemacht und etabliert sich als Newcomer mit seiner vielseitigen Fotokunst. In business-on.de zeichnet der 60-jährige Betriebswirt ein differenziertes, humorvolles Bild von Hamburg und wirft einen kritischen Blick auf den Umgang mit innovativen Ideen, Startups und Kreativen.

business-on.de: Was machen Sie beruflich?

Hilger Prast: Als Betriebswirt war ich über 30 Jahre in Marketing und Kommunikation großer und mittelständischer, nationaler und internationaler Unternehmen und als Aufsichtsrat tätig. Schon sehr früh gingen bei mir die berufliche Tätigkeit und dessen Umfeld sowie die persönlichen Interessen und Ambitionen eine fruchtbare Symbiose ein. Sie präjudizierten gewissermaßen meine spätere Entscheidung. 2010 machte ich meine fotografische Passion zur künstlerischen Profession – um der selbstbestimmten Kreativität freien Lauf zu lassen. Als Aussteiger, als Quereinsteiger, als Newcomer.

Und das Wissen, dass es Quereinsteiger in der Kunst besonders schwer haben, Publizität und Anerkennung zu bekommen, haben mich auch die Werke vieler noch nicht etablierter, aber sehr kreativer bildender Künstler dazu inspiriert, diese und ihre „unverbildete“ Kunst zu fördern und in der Hamburger HafenCity eine Galerie zu gründen: die Galerie Vinosage. Nomen est omen – die optischen wurden dort mit besonderen oralen Genüssen kombiniert: Bilder, die berauschen, Weine, die aus dem Rahmen fallen – so mein Credo. Die Räumlichkeit auf dem Überseeboulevard in der HafenCity war uns leider nur temporär zur Verfügung gestellt worden und so endete diese Station nach aber immerhin dreieinviertel Jahren am 31. Dezember 2013. Seit Mai 2014 gibt es nun eine Online-Galerie, www.prast-art.de, in der ich „meine“ Künstler neben meinen eigenen Arbeiten zum Kauf ausstelle.

business-on.de: Was zeichnet Ihre Kunst aus?

Hilger Prast: „Wer interessieren will, muss provozieren“, wusste schon Dali. Und so geht es mir bei meinen Arbeiten: um die Eigenständigkeit im Ausdruck, um eine aussage- und emotionsstarke, aber auch klare Bildästhetik – und nicht um den vordergründigen Reiz einer kurzlebigen Effekthascherei, zu dem gerade die heutigen Möglichkeiten der digitalen Foto-Bildbearbeitung nur allzu schnell verleiten. Die Konzentration auf den Fokus, die Reduktion auf den visuellen Kern oder einen ungewohnten Blickwinkel führt beim Betrachter schon selbst zu überraschenden Eindrücken, dann aber von Dauer.

Meine Bilder erklären? Nein, das möchte ich nicht. Ich möchte der individuellen Interpretation des Betrachters bei jedem meiner Bilder persönlichen Freiraum belassen – „... ihn aber nie der Ratlosigkeit überlassen.“ Und: In meiner visuellen Sprache möchte mich stilistisch nicht beschränken! Von der Hommage an die klassische Fotografie bis zur „Malerei mit der Kamera“, von der dokumentarischen Ablichtung bis zur poetischen Übersetzung spiele ich eine breite Klaviatur. Befindlichkeiten und uns eigene Stimmungen sind wechselnd, natürlich auch meine. Und ihnen möchte ich Ausdruck geben. Zwischen Emotion und Sachlichkeit.

business-on.de: Für wen erstellen Sie Ihre Kunstwerke?

Hilger Prast: Für jedermann. Ich möchte Bilder schaffen, die mit den Betrachtern sprechen – im positiven Falle: ihre Seele streicheln – und dann bei ihnen den Wunsch wecken, das Bild zu erwerben. Aber ich weiß genau: „Wer ein Bild kauft, glaubt ein Bild zu besitzen – aber das Bild besitzt ihn.“ Deshalb gibt es von jeder meiner Fotografien auch nur maximal fünf Exemplare – in vielen Fällen Unikate. Und die sehr positive Resonanz bei inzwischen mehreren Ausstellungen meiner Arbeiten in Hamburg und Norddeutschland bestätigt mich.

business-on.de: Arbeiten Sie gern in Hamburg? Wenn ja, warum?

Hilger Prast: Weil Hamburg mich in jeder Hinsicht fasziniert und anregt. Weil Hamburg nicht nur ein Zentrum, sondern viele Zentren hat. Weil Hamburg einen sehr weiten und abwechslungsreichen Spannungs- und Bilderbogen repräsentiert, der mich nicht nur beruflich und privat stark inspiriert, sondern dessen Vertrautheit meine Seele streichelt.

Und so habe ich auch nicht „den einen Lieblingsort“ in dieser, meiner Stadt. Ich lasse mich immer wieder neu einfangen, zwischen den Kraftfeldern, die meine Kreativität freisetzen: von der hanseatischen Eleganz der „Innenstadt“, dem international-maritimen Getriebe von Hamburger Hafen und Elbe, dem kulturellen Schmelztiegel Ottensens, der vermeintlichen Großbügerlichkeit Eppendorfs, der anarchistisch-chaotischen Schanze, dem exaltierten, aber auch teils sehr ursprünglichen Blankenese, dem kreativ-grellen Karoviertel oder der Ländlichkeit von Sülldorf und den Vier- und Marschlanden. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Diese Gegensätzlichkeiten von Tradition und Moderne, von Quirlig- und Beschaulichkeit, die Symbiose von beruflicher Inspiration und Freizeitwert, und sich „sein Hamburg“ nach täglicher Lust und Laune aussuchen, um dessen jeweilige Aura immer aufs Neue in sich aufsaugen zu können – darum arbeite ich so gerne in Hamburg.

business-on.de: Hamburg wird oft als die schönste Stadt der Welt bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Hilger Prast: Als gebürtiger Hamburger bin ich meiner Heimatstadt natürlich besonders verbunden. Aber als Hamburger bin ich auch Hanseat und somit weltoffen. Deshalb stelle ich mir immer wieder die Frage, hinsichtlich welcher Attribute Hamburg denn die Schönste sein soll!? Architektonisch, bauhistorisch? Stadtlandschaftlich? Hinsichtlich Anmut, Freundlichkeit und Herzlichkeit? Oder hinsichtlich der Sauberkeit? Hinsichtlich seiner vielen Grün- und Wasserflächen oder gar des Kulturellen?

Mir jedenfalls fällt kein Attribut ein, das diese superlative Alleinstellung rechtfertigen würde. Im Gegenteil: Auf Reisen bewundere ich immer wieder die Schönheit auch anderer Städte: sei es Dresden oder Zürich, sei es Siena oder Paris, Barcelona oder Lissabon, oder Prag und Budapest; deren kulturellen und kulturhistorischen Reichtümer, deren alte und moderne Architektur, deren geografische Lage und vieles mehr. Und das nur schon auf unserem Kontinent! Aber: Die Summe ihrer Eigenschaften und Eigenarten macht Hamburg zweifelsohne zu einer der schönsten Städte dieser Welt. Und ich bin froh, dass sie nicht eine der größten ist.

business-on.de: Hanseaten werden häufig als „zurückhaltend“ und „nordisch kühl“ eingeschätzt. Wie erleben Sie die Menschen in der Stadt?

Hilger Prast: Als Hamburger kann meine Antwort dazu naturgemäß nicht objektiv sein, weil ich mich ja auch selbst als Menschen dieser Stadt erlebe. Ich habe aber über 20 Jahre meines Berufs- und Privatlebens im Rheinland verbracht. Und gerade dort ist man ja bekanntlich alles andere als „zurückhaltend“ – und schon gar nicht „nordisch-kühl“. Die rheinische Frohnatur als Gegenstück zum Naturell von uns Hanseaten und ihre oft einhergehende frappierende Hemmungs- und Distanzlosigkeit sind auch von mir erlebter Gegensatz. Aber jede Münze hat zwei Seiten: Und so ist diese zweite der rheinischen Frohnatur und Spontanität, die der Unverbindlichkeit – oder scharfzüngig gesagt: die der Unzuverlässigkeit. Heute bei Kölsch oder Alt nett kennengelernt, bist du morgen oft schon wieder vergessen. Wenn aber bei uns Fischköppen erst einmal das Eis gebrochen ist, dann weicht die anfängliche Distanziertheit einer beständigen Verbindlichkeit.

business-on.de: Vervollständigen Sie diesen Satz: „Der typische Hamburger ist…“

Hilger Prast: ...zunehmend seltener zu finden. Da wir in einer in jeder Hinsicht sehr „dynamischen“ Welt leben, in der zum Beispiel auch durch die inzwischen vielschichtigen globalen Verflechtungen häufige nationale und internationale Um- und Zuzüge von Menschen und Unternehmen nach und von Hamburg an der Tagesordnung sind, hat sich inzwischen eine spannende und fruchtbare Bevölkerungs-Melange ergeben. Demzufolge verwischen und relativieren sich die Charakteristika und Werte, die für den Hamburger mal typisch waren, den typischen Hamburger ausgemacht haben, immer mehr.

Attribute wie Bodenständigkeit und „Bodenhaftung“, das mehr Sein als Scheinen wollen, und vor allem auch das gesprochene Wort und der es besiegelnde Handschlag, die mehr gelten als jedes juristische Vertragswerk, weichen gezwungenermaßen zunehmend internationalen Notwendigkeiten, „Gepflogenheiten“ und Standards. Zu komplex und miteinander verwoben ist unsere Welt geworden, als dass „wir Hamburger“ das ignorieren könnten, um unsere ehemals hehren, aber anscheinend aus der Zeit gekommenen Werte weiterhin hochzuhalten.

Apropos Werte: Zumindest bestimmten Hamburger Kreisen – wird ja oft eine gewisse Hochnäsigkeit nachgesagt. Einen Hamburger könne man nicht adeln, lässt sich eine Legende (oder: Anekdote?) zitieren – oder: Geld habe man, spreche aber nicht darüber ... was anscheinend aber nicht generell bedeutet, dass man es hie und da nicht gerne zeigt. Aber dieser kleinen Attitude steht etwas anderes und viel Wichtigeres gegenüber, was seit Jahrhunderten typisch ist für Hamburg und seine wohlhabenden Kaufleute: das Teilen. Zum Wohle einzelner, zum Wohle aller. Nicht zuletzt diese Tradition und diese Gemeinwohl-Orientierung begründen und rechtfertigen Hamburgs Status als „Hauptstadt der Stifter und Stiftungen“. Typisch Hamburg.

business-on.de: Hamburg ist gerade für Startups sehr attraktiv und präsentiert sich hinsichtlich Neugründungen sehr dynamisch. Wie ist Ihre Einschätzung zur Hamburger Gründer- und Investorenszene?

Hilger Prast: Ja, ja – diese gern propagierte Startup -Offenheit und dynamische Bereitschaft! Als seinerzeit selbst für den „Gründer-Award“ der „Financial Times Deutschland“ Nominierter kann ich nicht so uneingeschränkt in dieses Horn stoßen. Hinsichtlich der Startups in bestimmten Branchen stimmt das sicherlich – aber eben nur in bestimmten: zum Beispiel in Bereichen der digitalen Medien (Apps, Spiele etc.). Aber für eine nachhaltige und dauerhaft wirtschaftliche Prosperität einer Stadt gibt es auch noch andere Wirtschaftszweige. Und hier tut sich Hamburg teilweise schwer, neue Unternehmen zu gewinnen und/oder sogar in Hamburg bisher ansässige zu halten.

„Tolle Idee! Gibt‘s so was schon? Nein? Dann werden wir das gerne unterstützen, wenn die Idee erfolgreich ist.“

Apropos Startups: Ja! zu Startups und Ideen, wenn sie sich in Bereichen ansiedeln, die ihr Potenzial schon unter Beweis gestellt haben. Mehr als Skepsis aber meist bei „echten“ Innovationen – ideellen wie materiellen. Darin unterscheiden wir uns deutlich von zum Beispiel den Amerikanern und ihrem nach wie vor herrschenden Pioniergeist. Heißt es dort: „Ja, wir wollen die Ersten sein!“, hört man hier „Tolle Idee! Gibt‘s so was schon? Nein? Dann werden wir das gerne unterstützen, wenn die Idee erfolgreich ist.“ Aber das ist nicht typisch für Hamburg – das ist symptomatisch in Deutschland.

Was ich bedauere, ist, dass Formalismen, Regularien und Auflagen gute Ideen oft schon im Keim ersticken – und potenzielle Förderer mit ihren fast ausschließlich ökonomischen Maßstäben jegliche Begeisterungsfähigkeit und jedes visionäre Denken.

business-on.de: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welche Hamburgerin oder welchen Hamburger würden Sie gern treffen?

Hilger Prast: Jemanden, der offen ist, für wirklich neue Ideen. Jemanden, der sich für „junge“ Talente besonders auch in der Kunst begeistern kann, weil für ihn oder sie die Frage nach dem „Schon-etabliert?-sein“ nicht ausschlaggebend ist – weil er oder sie sich vom eigenen Geschmack und nicht von der Meinung Dritter leiten lässt. Jemanden, der bereit ist zu fördern und weiterzuempfehlen, ohne zuerst die Frage zustellen „Und was habe ich davon!?“, weil er oder sie sich von der Faszination Kunst anstecken lässt – und nicht vom Reiz finanzieller Spekulation und Profitabilität.

business-on.de: Vielen Dank, Herr Prast!

(Tanja Königshagen)


 


 

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1 Kommentar

von TreibstoffMeister
12.11.14 10:37 Uhr
Toll

Eines der wenigen Interviews,welches begeistert und von Anfang bis Ende gelesen wird.Als Besitzer von zwei Bildern, und ich hoffe es werden noch viele mehr kann ich nur einen Rat geben an Herrn Prast: BITTE UNBEDINGT WEITERMACHEN! An die Leser UNBEDINGT WERTE SCHAFFEN.Die Bilder von Herrn Prast begeistern mich jeden Tag auf ein neues.Freude ist das Wichtigste im Leben. Auch wenn es Geld kostet, man schafft einen bleibenden Wert, der viele Blickwinkel hat!

 

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