Sie sind hier: Startseite Hamburg Leben Kultur & Freizeit
Weitere Artikel
Internationales Maritimes Museum Hamburg

IMMH: Ein Hort für die Erfahrung von Meer und Marine

Das neue Museum in Hamburgs historischem Kaispeicher B birgt die Geschichte der Seefahrt in all ihren Facetten. Hier fand die Privatsammlung des ­Stifters Peter Tamm eine noble Heimstatt.

Eine schwere Fregatte schwebt durch die Halle

Die „Wapen von Hamburg III“, 1722 für die Hamburgische Admiralität als „Convoyschiff“ in Dienst gestellt, 1738 an den Hamburger Kaufmann Simon Tamm verkauft, dann unter dessen Bruder Martin Tamm als bewaffnetes Handelsschiff weitergeführt und heute Eigentum von Peter Tamm – jedenfalls als Modell im Maßstab 1:16. Ist das Schiff also gewissermaßen in der Familie geblieben? Der Hamburger Marine-Enthusiast Peter Tamm scheint davon auszugehen. Er pflegt gern zu erzählen, dass sein Vorfahr Martin Tamm Kommandant der „Wapen von Hamburg III“ war.

Tja – nachweislich hinterließ Kapitän Martin Tamm bei seinem Tod 1745 weder Frau noch Kind, also auch keinen Nachfahr. Doch dass Peter Tamm, der Stifter des Internationalen Maritimen Museums Hamburg, kurz IMMH, über irgendeine Linie mit der einstigen Hamburger Kaufmanns- und Kapitänsfamilie liiert sein könnte, ist zumindest nicht auszuschließen.

Eine solche Legende passt gut ins museale Bild und auch zum Modell des prächtigsten aller deutschen Segler mit dem damaligen Beinamen „Barockpalast“. Die „Wapen von Hamburg III“, das größte Schiffsexponat im IMMH mit fast viereinhalb Metern Länge, prangt vor „Schwerer See im Atlantik“, der gigantischen Reproduktion eines Gemäldes des Hamburger Marinemalers Johannes Holst im Luftraum zwischen den Museumsdecks 2, 3 und 4. Ein „Barockpalast“ wie sein Vorzeigemodell ist das Museum allerdings nicht, aber durchaus ein Prachtstück der Neugotik, ein Bau wie eine Burg aus rotem Backstein, mit Giebeln, Gesimsen und Spitzbögen und an zwei Seiten von Wasser umgeben

Der Kaispeicher B, 130 Jahre alt, ein Relikt jenes stolzen Hamburger Patriziertums, das es sich leisten konnte, seine Scheunen wie Schlösser zu errichten.

Das größte und älteste Gebäude in der Speicherstadt am Magdeburger und Brooktorhafen wurde von der Hamburger Architektin Mirjana Markovic im Innern zu einem großräumigen Mau­soleum der Schifffahrtsgeschichte umgestaltet – für 30 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel, eine umstrittene Subven­tion aus Steuermitteln, um die es viel „Tamm-Tamm“ gab, so der Titel eines gegnerischen Pamphlets.

Bei der Eröffnung des Museums am 25. Juni 2008, angeführt von Bundespräsident Horst Köhler und Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust, konnten sich Gegner und Befürworter selber ein Bild machen von der laut ­Stiftungsurkunde „weltweit größten maritimen Privatsammlung“, die Peter Tamm, 80, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlags und dort „Admiral“ gerufen, seit seiner Kindheit zusammengetragen hat.

Der Umfang der Sammlung ist in der Tat monumental

1000 große Schiffsmodelle, 36.000 Miniaturmodelle, 500.000 Fotos, 120.000 Bücher und Atlanten, 50.000 Konstruktionspläne, 5000 Bilder, 2000 Filme und 15.000 Schiffsspeisekarten. Hinzu kommen Marine-Requisiten wie Uniformen, Mützen, Möbel, Porzellan, Tafelsilber und nautische Utensilien, darunter reichlich Militaria – ein weiterer Ansatz zur öffentlichen Kritik.

Dabei beginnt es durchaus friedlich auf Deck 1, wo mit sieben Büsten großer Seefahrer von Leif Erikson bis James Cook der „Entdeckung der Welt – Navigation und Kommunikation“ gehuldigt wird. Ein „Schwimmendes Klassenzimmer“ mit Spielen, Büchern und Bastelmaterial steht Kindern für die Erfahrung von Meer und Seefahrt zur Verfügung. Attraktion: Die „Queen Mary 2“, modelliert aus fast einer Million Legosteinen.

Auf Deck 2 geht es „Mit dem Wind um die Welt – Schiffe unter Segeln“. Phoenizische Galeeren, Hansekoggen und die legendären Flying P-Liner zeigen, wie der Mensch den Wind als Antriebskraft nutzte – auch Piraten, einst der Schrecken der Meere und jetzt wieder aktuell.

Von der Steinzeit bis heute spiegelt Deck 3 die „Geschichte des Schiffbaus – vom Handwerk zur Wissenschaft“ wider. Neben Dampfmaschinen und Werftmodellen auch das älteste Exponat des IMMH, ein Jahrtausende alter Einbaum aus der Elbe bei Geesthacht, eine Leihgabe des Helms-Museums.

Von dieser Ebene führt ein Übergang zum Nachbargebäude, dem Speicher der Gebr. Heinemann KG, wo die Entwicklung des Segelsports nachgezeichnet wird. Hier lagert auch das ­Archiv der Tamm-Stiftung aus Hunderttausenden von Dokumenten, ein Dorado für Wissenschaft und Forschung.

Deck 4 steht im „Dienst an Bord – im Zeughaus der Geschichte“. Rund 60 historische Uniformen und knapp 100 Kopfbedeckungen aus verschiedenen Ländern und Epochen sowie eine Sammlung von Orden und Ehrenzeichen demonstrieren, dass es ohne Autorität und deren formellen Ausdruck an Bord nicht geht, weder auf Kriegs- noch auf Handelsschiffen.

Schweres Geschütz freilich fährt Deck 5 auf unter dem Motto „Krieg und Frieden – Marinen der Welt seit 1815“. Panzerkreuzer, Schlachtschiffe, Unterseeboote – das furchtbare Arsenal des Seekriegs bis zur Strategie des atomaren Overkills steht da herum, ein Horror- Szenario , das aber auch zum Nachdenken anregt.

Auf Deck 6 wird’s wieder ziviler beim Thema „Moderne Seefahrt – Handels- und Passagierschiffahrt“. Der Rundgang führt in die industrielle Entwicklung des Seetransportwesens ein und dabei durch einen leibhaftigen Container ­sowie durch Kabinen der Kreuzfahrtschiffe „Hanseatic“ und „Sea Cloud II“, ausgestattet mit Originalmobiliar. „Expedition Meer – das letzte Geheimnis der Erde“ erwartet den Besucher auf Deck 7: Ein audiovisueller Tauchgang in die Tiefsee unter Walgesängen, dem Heulen eines Unterwasservulkans und mysteriösen Bloops. Wie diese entstehen und ob Steine schwimmen können, ist in einer angegliederten „Forschungsstation“ zu erfahren, besonders geeignet für Kinder.

„Kunstsammlung – Marinemalerei und Schatzkammer“

Deck 8 verzaubert den Betrachter 8 mit Seestücken aus deren Blütezeit in den ­Niederlanden Mitte des 17. Jahrhunderts bis zu Malern wie Karl Schmidt-Rottluff und dem heutigen Zeitgenossen Uwe Lüttgen. Einzigartige Preziosen sind die Schiffsmodelle aus Elfenbein, Bernstein, Silber und purem Gold wie Columbus’ „Santa Maria“ sowie die makabren Knochenschiffe, die Kriegsgefangene der Engländer zu Zeiten Napoleons anfertigten.

Auf Deck 9 verblüfft der Größenvergleich eines Wikingerschiffs mit der „Queen Mary 2“ und Peter Tamms berühmte Sammlung von 36.000 Schiffsmodellen im Maßstab 1:1250, mit der er als Sechsjähriger begann.

Der „Salon 10. Längengrad“ auf Deck 10 schließlich ist Sonderausstellungen, Lesungen und dem Hamburger Hafenkonzert gewidmet und ein Forum für marine Institutionen wie etwa den Inter­nationalen Seegerichtshof.

Die neun Ausstellungsdecks werden von einem wissenschaftlichen Stab betreut und stellen keineswegs „nur eine Sammlung“ dar, wie Kritiker einwenden, sondern fügen sich in eine erkennbare Systematik. Insofern entspricht das IMMH durchaus den Standards eines Museums, wenn es auch sehr abenteuerlich anmutet. Aber das ist eben seine besondere Note.

(Redaktion)


 


 

Peter Tamm
IMMH
Internationales Maritimes Museum
Schiff
Speicherstadt

Passende Artikel suchen

Finden Sie weitere Artikel zum Thema "Hamburg" - jetzt Suche starten:

Kommentar abgeben

Bei einer Antwort möchte ich per E-Mail benachrichtigt werden

 
 

 

Entdecken Sie business-on.de: