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Kolumne: Kann passieren ...

Alt werden

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“ hieß eines der Bücher von Joachim Fuchsberger. Diese Formulierung ist inzwischen zu einem geflügelten Wort geworden. Neben Liebe gehören auch Tod und Vergänglichkeit zu den großen Themen des Lebens. Lesen Sie hierzu einen Erfahrungsbericht von unserem Kolumnisten Andreas Ballnus.

Mit jeder Sekunde wird der Mensch etwas älter – zumindest solange, bis er irgendwann beim Übergang von der einen zur anderen Sekunde verstirbt. Das Ergebnis dieses Prozesses kann man in größeren Zeitabständen beim Blick in den Spiegel deutlich erkennen – wobei es auch Umstände gibt, die innerhalb von kurzen Zeitspannen, zum Beispiel einer feucht-fröhlichen Nacht, zu Resultaten führen, für die andere einige Jahre benötigen. Irgendwann kommen dann die körperlichen Einschränkungen hinzu. Doch es sind nicht nur diese Zipperlein, sondern auch bestimmte Ereignisse sowie Bemerkungen und Reaktionen der persönlichen Umwelt, die einem das Ablaufen der eigenen Lebensuhr – oft schmerzhaft – bewusst machen.

Erstmals erlebte ich dies bereits im Alter von etwa 19 Jahren als Helfer auf einer Konfirmandenfreizeit. Die Konfirmanden waren nur wenige Jahre jünger als ich. An einem Abend sollte eine Fete stattfinden. Ich hatte auf einer Cassette – wie ich fand – gute tanzbare Musik zusammengestellt. Als ich diese dann abspielte, schauten mich die Mädels und Jungs völlig entgeistert an und fragten mich, wie man nach sowas denn tanzen könne.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich erst kürzlich in der Hamburger Innenstadt. Dort spielte ein Straßenmusiker eigene Lieder, die ein wenig an die Songwriter der 70er- und 80er-Jahre erinnerten. Am Rande der Zuschauertraube standen zwei etwa fünfzehnjährige Jungs. Als sie weitergingen, sagte der eine zum anderen: „Ziemlich altmodische Musik …“

Ein besonders bitteres Erlebnis hatte ich einige Wochen vor meinem dreißigsten Geburtstag. Ich war bereits von mehreren Leuten davor gewarnt worden, dass dies ein ganz furchtbarer Geburtstag wäre. Man käme sich so richtig alt vor, wenn da plötzlich die Drei „vor dem Komma“ stehen würde. Dreißigwerden könnte mich in eine tiefe Sinnkrise stürzen.

Lange Zeit hatte ich überhaupt kein Problem damit und tat die Warnungen als hysterisches Gerede irgendwelcher Jugendwahn-Fanatiker ab. Doch dann, etwa drei oder vier Wochen vor dem besagten Geburtstag, besuchte mich der sechzehnjährige Sohn eines Cousins meiner Mutter. Er lebte in Berlin und durfte zu einem Konzert nach Hamburg fahren. Bei mir sollte er in dieser Zeit übernachten. Er reiste bereits einen Tag vor dem Konzert an, so dass er noch etwas Zeit hatte, sich die Stadt anzuschauen. Am Abend unterhielten wir uns unter anderem auch über Musik. Nachdem er zum vierten oder fünften Mal Bemerkungen fallengelassen hatte wie „Das ist auch mehr die Musik DEINER GENERATION …“, hatte ich plötzlich doch ein großes Problem mit meinem dreißigsten Geburtstag.

Nachdem ich vierzig geworden war, schwappte dann regelrecht eine Welle von „Katastrophenmeldungen“ über mich hinweg. Auf einmal feierten Bands, für die ich einst geschwärmt hatte, ihr zwanzig- oder fünfundzwanzigjähriges Bühnenjubiläum, da starben hochbetagte Schauspieler, welche die Helden meiner Jugend gewesen waren, und von dem Kleinen, den ich – gefühlt erst vor ein paar Jahren – als Babysitter betreut hatte, hörte ich eines Tages, dass er zum zweiten Mal Vater geworden war.

Hinzu kamen die körperlichen Verfallserscheinungen. Das Rohmaterial „Haar“ wurde an einzelnen Stellen grau und insgesamt so knapp, dass mir eines Tages dazu geraten wurde, meine Frisur dieser Entwicklung anzupassen, da es sonst nur noch peinlich aussehen würde – also so etwas wie: einzelne Strähnen über die Platte gekämmt ... Und irgendwann empfahl mir mein Augenarzt eine Gleitsichtbrille – altersbedingt, wie er betonte.

Das bisher letzte Mal wurde ich von einer etwa gleichaltrigen Kollegin schmerzhaft auf mein leicht fortgeschrittenes Alter von damals 52 Jahren hingewiesen. Sie war Mutter einer langsam flügge werdenden Tochter, ich dagegen der kinderlose Single. Als ich nun sagte, dass ich, wenn ich es mir leisten könnte, gerne in eine größere Wohnung ziehen würde, sagte sie: „Wieso das denn? In unserem Alter sollte man langsam anfangen, sich räumlich zu verkleinern …“

Man kann sich also noch so jung fühlen – das eigene Umfeld wird stets einen erbarmungslos daran erinnern, wo man derzeit altersmäßig steht. Und so nähern sich unaufhaltsam die Rentnerermäßigungen, Seniorenteller und Fachärzte, von deren Existenz man bisher nur vage etwas gehört hatte.

(Andreas Ballnus)


 


 

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