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Kolumne: Kann passieren ...

Bahn-Begegnungen

Unser Kolumnist Andreas Ballnus ist Bahnfahrer. Klar, dass er auch während seiner Reisen Erlebnisse hat, die er dann zu Papier bringt. Die beiden folgenden Episoden gehören in gewisser Weise zusammen, da er die eine während eines Wochenendtrips auf der Hin- und die andere auf der Rückfahrt erlebt hat.

Schräge Leute

Ich bin mit der Bahn unterwegs. Hamburg – Düsseldorf, Sechser-Abteil, 1. Klasse. Seit einiger Zeit gönne ich mir diesen Luxus. Meistens ist es hier auch ruhiger als in der zweiten Klasse. Auch das kommt mir sehr entgegen.

In meinem Abteil sitzt außer mir noch ein Vater mit seinem etwa zwölf Jahre alten Sohn. Während der Senior liest, hört Junior leise Musik über den Kopfhörer. Wenn sich beide unterhalten, dann mit gedämpfter Stimme. Es ist eine ruhige, entspannte Fahrt, und da meine letzte Nacht etwas kurz war, bin ich sehr dankbar dafür. So kann ich ungestört vor mich hin dösen.

Doch dann ist es plötzlich mit der Ruhe vorbei. Eine Gruppe junger, bunt kostümierter Frauen geht laut lachend und aufgedreht redend von Abteil zu Abteil. Sie feiern Junggesellinnenabschied. Ich erstarre innerlich – will doch meine Ruhe haben, will nicht angesprochen werden, will weder mitlachen noch mitfeiern. Diese Art von Party war noch nie mein Ding, und wenn ich übermüdet bin, erst recht nicht. Andererseits will ich auch nicht die Spaßbremse sein – soll doch jeder auf seine Art und Weise glücklich werden. Ich stelle mich schlafend und hoffe, dass mich der Tross in Ruhe lässt.

Zunächst scheint mein Plan aufzugehen. „Pst, da schläft jemand!“. Kichernd ziehen sie weiter und stürmen das nächste Abteil. Aber kurz darauf, sie sind auf ihrem Rückweg, wird unsere Abteiltür doch noch aufgerissen. Die zu verabschiedende Junggesellin versucht mit Unterstützung einiger Freundinnen den mir gegenübersitzenden Mann zum Kauf einer Kleinigkeit zu überreden. Gleichzeitig setzt sich eine andere Frau aus der Gruppe – Cowboyhut, falsche Zöpfe, aufgemalte Sommersprossen – neben mich. Als ich blinzelnd die Augen öffne, entschuldigt sie sich flüsternd, sagt, dass sie gleich wieder weg wären, und tut zumindest so, als wolle sie die anderen Mädels ein wenig beruhigen. Nachdem mein Gegenüber ein paar Bonbons gekauft hat, ist der Spuk auch schnell wieder vorbei, und die Gruppe macht sich herumalbernd auf den Weg zum nächsten Wagen.

Inzwischen ist ein älterer Herr aus dem Nachbarabteil auf den Gang getreten. Die jungen Frauen drängen sich an ihm vorbei, woraufhin der Mann laut polternd zu schimpfen beginnt; man wäre hier in der ersten Klasse und hätte gefälligst still zu sein. Die Mädels ziehen weiter, ohne sich die Laune verderben zu lassen.

In unserem Abteil lächelt der Vater seinen Sohn an: „Es gibt schon schräge Leute!“

Der Sohn zögert einen Moment. „Wen meinst du jetzt?“, fragt er mit verlegenem Grinsen.

„Den Alten!“, antwortet der Vater schmunzelnd und wendet sich wieder seinem Buch zu.

Die Frau ohne Lächeln

Der Zug ist überfüllt und hat Verspätung. Er muss etliche Fahrgäste aufnehmen, deren planmäßige Verbindung aufgrund eines Lokschadens ausgefallen ist. Ich bin einer von ihnen und konnte in dem Sechser-Abteil gerade noch den letzten Sitzplatz ergattern. Mir schräg gegenüber am Fenster sitzt eine Frau und liest in einem Manuskript. Gelegentlich macht sie sich Notizen. Wenn jemand das Abteil betritt oder es verlässt, wirft sie ihm durch ihre rahmenlose, kleinglasige Brille nur einen kurzen, scharf-musternden Blick zu. Ansonsten schaut sie hochkonzentriert auf ihre Dokumente.

Ich schätze das Alter der Frau auf Mitte, Ende dreißig. Doch könnte sie auch jünger sein und nur älter wirken. Sie ist schlank, fast schon hager. Zu ihrem grauen Rock trägt sie eine weiße Bluse. Ihre Haare hat sie fest zurückgekämmt und zu einem Knoten gesteckt. Ich kann weder eine Kette, einen Ring oder anderen Schmuck an ihr entdecken.

Die anderen Reisenden und ich unterhalten uns über die aktuelle Verspätung der Bahn und das Chaos, das durch den Ausfall des anderen Zuges entstanden ist. Nur die Frau beteiligt sich nicht an dem Gespräch und beschäftigt sich stattdessen weiter mit ihren Unterlagen. Es ist, als würde sie von einer unsichtbaren Mauer umgeben sein. Selbst als wir über die Bahn lästern und lachen, verzieht sie keine Miene. Ihre schmalen, fest verschlossen Lippen zeigen keine Regung an und lassen sie streng aussehen, mit einem Hauch von Bitterkeit.

Je länger ich diese Frau beobachte, umso mehr frage ich mich, ob sie immer derart streng und freudlos wirkt, oder ob das nur der Fall ist, weil sie so konzentriert arbeitet. Vor allem aber wächst in mir die Neugierde darüber, wie sie wohl aussehen würde, wenn sie einmal lächelt.

(Andreas Ballnus)


 


 

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