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Kolumne: Kann passieren ...

Blockmusik

Nachbarn können Fluch und Segen sein. Man hilft sich gegenseitig, lebt aneinander vorbei oder bekämpft sich bis aufs Messer. Und manchmal kann es zu einer Dynamik kommen, die zu unerwarteten Ergebnissen innerhalb der Nachbarschaft führt. Eine solche Geschichte erzählt unser Kolumnist Andreas Ballnus.

Angefangen hat alles mit Sinan. Er selber sieht das allerdings nicht so. Seiner Meinung nach hätten wir all das, was in den letzten Monaten passiert ist, Ludger zu verdanken. Er, also Sinan, hätte nur auf Ludger, oder besser gesagt, auf dessen Musik reagiert.

Ludger liebt nämlich Akkordeon-Musik – vor allem Polkas – was ja zunächst auch nicht weiter schlimm ist, soll doch jeder nach seiner Fasson glücklich werden. Das Problem bestand damals eher darin, dass er seine Musik gerne sehr laut hörte. Auch, wenn er im Sommer auf seinem Balkon saß oder abends die Fenster weit offen hatte, stellte er die Musik nicht leiser. So beschallte er manchmal stundenlang die gesamte Nachbarschaft.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht kurz beschreiben, wie meine Wohnsituation ist: Ich lebe in einem vierstöckigen Mehrfamilienhaus mit insgesamt drei Eingängen. Pro Eingang und Etage gibt es jeweils zwei Wohnungen. Jede von ihnen hat einen eigenen Balkon zur Rückseite des Hauses. Bei den Wohnungen handelt es sich um Eigentumswohnungen. In den meisten von ihnen leben auch die Besitzer. Einige sind aber auch vermietet worden. Insgesamt gibt es vier solcher Häuser, die alle in den Neunzehnhundertdreißiger Jahren gebaut wurden. Sie bilden ein fast geschlossenes Quadrat. Dadurch entsteht ein kleiner Innenhof, welcher zum Teil mit Blumenbeeten und Büschen bepflanzt ist. Den größten Teil aber bedeckt eine Rasenfläche, auf der zwei Birken stehen. Auch eine alte, schon leicht verwitterte Teppichklopfstange fristet am Rande dieser Fläche ihr Dasein.

Früher sollen sich die Bewohner des gesamten Blocks oft im Hof getroffen haben. Man saß zusammen auf mitgebrachten Stühlen und den Bänken, die es damals noch gab, klönte und unterstützte sich gegenseitig mit Rat und Tat. Hin und wieder trank man auch gemeinsam Kaffee und aß selbst gebackenen Kuchen. Währenddessen tollten die Kinder auf dem Rasen herum. Das zumindest hat uns der alte Herr Abel schon mehrfach erzählt.

„Die Bäume waren damals aber andere! Und im Krieg hat man hier Kartoffeln gepflanzt. Das hat man mir jedenfalls so berichtet“, pflegt er dann immer noch hinzuzufügen. Herr Abel wohnt schon seit dreiundfünfzig Jahren in unserem Haus. Seine Frau ist vor vier Jahren gestorben und die beiden Söhne sind längst weggezogen. Sie leben mit ihren Familien außerhalb der Stadt. Aber ich sehe sie regelmäßig ihren Vater besuchen.

Heute gibt es nur noch wenige Kinder, die hier wohnen. Und nur selten verirrt sich eines von ihnen zum Spielen in den Innenhof. Auch die anderen Bewohner der Häuser lassen sich dort kaum sehen. Meistens ist er menschenleer, und statt spielender Kinder hört man aus den Büschen und Bäumen den Gesang der Vögel.

Dieser Gesang wurde jahrelang regelmäßig durch Ludgers Musik übertönt. Meistens saß er im Frühjahr und Sommer ab mittags bis in den späten Abend hinein bei Zigarette, Bier und Polka auf seinem Balkon. Bis heute frage ich mich, warum sich in all der Zeit nie jemand über ihn beschwert hat. Ich bin mir sicher, dass viele Nachbarn von Ludger genervt waren. Doch sie hatten wahrscheinlich Angst vor ihm. Ludger ist nämlich ein Hüne von Mann, Anfang vierzig, übergewichtig und am ganzen Körper tätowiert. Polka und Akkordeon als Lieblingsmusik passen eigentlich gar nicht zu jemandem wie ihm. Ob und was er arbeitet, weiß niemand. Auf jeden Fall scheint er viel Zeit zu haben.

Das änderte sich kurz nachdem Sinan in das Haus rechts von Ludger eingezogen war. Schon bald stellte sich heraus, dass Sinan ein Mensch ist, der Dinge, die aus seiner Sicht geändert werden müssen, sofort anpackt und nicht lange vor sich her schiebt. Gleich im Frühjahr nach seinem Zuzug hatte er mehrfach vom Balkon aus Ludger zugerufen, dass dieser bitte die Musik leiser stellen solle. Doch Ludger hatte nie darauf reagiert. Sinan sah sich die Sache noch eine kurze Zeit lang an. Dann, eines Nachmittags – die Akkordeons dröhnten bereits seit zwei Stunden – beobachtete ich, wie er zwei große Lautsprecherboxen auf seinen Balkon wuchtete. Als kurze Zeit darauf die Musik aus Ludgers Wohnung für einen Moment verstummte und dieser aufgestanden war, wohl um eine neue CD einzulegen, ergriff Sinan ein Mikrofon, das er bereitgelegt hatte, und machte folgende kurze Ansage:

„Liebe Nachbarn, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit! Um ein wenig Abwechslung in das tägliche Musikprogramm zu bringen, erlaube ich mir, Ihnen nun einmal etwas anderes vorzuspielen. Ich wünsche gute Unterhaltung.“

Gleich darauf hallte ein sanfter Blues durch den Innenhof. In Kürze legte sich eine melancholische Stimmung über unsere Häuser. An etlichen Fenstern wurden die Gardinen zur Seite gezogen. Andere Nachbarn betraten neugierig und verwundert dreinblickend ihren Balkon. Während einige sofort wieder kopfschüttelnd in ihrer Wohnung verschwanden, holten andere Stühle nach draußen und machten es sich bequem, um der Musik weiter zu lauschen.

Derweil war Ludger wohl zu überrascht, um in irgendeiner Art und Weise zu reagieren. Er stand mit in den Hüften gestemmten Händen auf seinem Balkon und starrte zu Sinan hinüber. Erst nach einer Weile bemerkte er die übrigen Nachbarn an ihren Fenstern und auf den Balkonen. Ich glaube, den Hauch eines Grinsens in seinem Gesicht gesehen zu haben, als er wieder Platz nahm und sich eine Flasche Bier öffnete. An diesem Nachmittag erklang keine weitere Akkordeonmusik mehr.

Doch gleich am nächsten Tag trat Ludger wieder in Aktion. Bereits kurz nach fünfzehn Uhr dröhnten die uns so vertrauten Weisen aus seiner Wohnung. Als Sinan einige Zeit später von der Arbeit nach Hause kam, ging das Spiel von Neuem los. Sobald Ludger eine neue CD einwerfen wollte, löste der Blues die Polka ab. Diesmal gab Ludger nicht klein bei, sondern wartete, bis Sinan die CD wechseln musste, um dann erneut seine Musik aufzulegen. Den restlichen Nachmittag und Abend über hatten wir das zweifelhafte Vergnügen, abwechselnd Polka und Blues zu hören.

Auch hier bin ich im Nachhinein darüber verwundert, dass sich damals niemand lauthals beschwert oder gar die Polizei gerufen hatte. Und so entwickelte sich in den nächsten Tagen ein regelrechter Wettkampf zwischen Polka und Blues. Nach etwa einer Woche – Sinan hatte gerade Muddy Waters aufgelegt – hörte man dann doch plötzlich laute Schreie über den Innenhof schallen. Sie gehörten zu dem jungen Mann, der im dritten Stock des Hauses schräg gegenüber von Ludger wohnte.

„Ihr spinnt ja wohl alle!“, brüllte er von seinem Balkon herunter. „Wie lange soll denn das noch so weitergehen? Ihr habt ja echt nicht mehr alle Tassen im Schrank!“

Krachend schloss er die Balkontür. Aber kurz darauf wurde sie wieder geöffnet und harter Techno-Beat übertönte die sanften Klänge von Muddy Waters. Von dem Tag an bestand unser unfreiwilliges Nachmittagsmusikprogramm häufig aus drei verschiedenen Musikstilen, die anfangs zum Teil zeitgleich zu hören waren. Dieses ‚Programm“ entwickelte sich aber immer weiter dahingehend, dass stets abgewartet wurde, bis sich eine Lücke ergab, um erst dann einen Wechsel vorzunehmen. Es war, als hätte es eine stille Übereinkunft zwischen den drei Kontrahenten gegeben.

„Mein Gott, dieser Krach ist einfach nur noch unerträglich!“, stöhnte Frau Sanders, als ich sie einige Wochen später im Treppenhaus traf. Frau Sanders war seit Kurzem im Ruhestand. Vorher hatte sie oft in der Spät- oder Nachtschicht gearbeitet und nicht so viel von Ludgers Polka-Terror mitbekommen. „Das ist doch keine Musik, das ist doch nur noch Krach! Die müsste man alle anzeigen und aus der Wohnung werfen“, ereiferte sie sich weiter.

„Na ja, jemanden aus seiner Eigentumswohnung zu schmeißen, dürfte schwierig werden. Aber zeigen Sie denen doch mal, was richtige Musik ist“, entgegnete ich grinsend und erntete dafür ein paar giftige Blicke von ihr.

„Ja, machen Sie sich ruhig lustig über mich!“, zischte sie und verschwand ohne ein weiteres Wort in ihrer Wohnung.

Nachdenklich ging ich weiter. Irgendwie konnte ich Frau Sanders ja verstehen. Auch mich nervte diese Beschallung hin und wieder – doch nicht so sehr, dass ich meinte, etwas dagegen unternehmen zu müssen. Vielmehr beobachtete ich diesen merkwürdigen Wettkampf mit einer gewissen Belustigung. Was aber auf keinen Fall passieren sollte, wäre ein Zerwürfnis zwischen uns übrigen Nachbarn wegen dieser Sache. Mit Frau Sanders war ich bisher immer sehr gut ausgekommen. Wir hatten uns um die Blumen und den Briefkasten des jeweils anderen gekümmert, wenn dieser im Urlaub war, und uns ab und zu auch mal auf einen Kaffee zusammengesetzt. Nun waren Frau Sanders und ich erstmals ein wenig aneinandergeraten.

Am nächsten Samstagmorgen wurde ich durch ungewohnte Klänge aus dem Schlaf gerissen. Es war gegen acht Uhr dreißig. Samstags schlafe ich gewöhnlich bis halb zehn oder zehn, und so war ich leicht angesäuert über diese frühe Störung. Nur langsam gelang es mir, die Klänge als klassische Musik zu identifizieren, die durch mein Schlafzimmerfenster vom Innenhof zu mir ans Bett drangen. Schlaftrunken watschelte ich zum Fenster, um den Urheber dieser Störung ausfindig zu machen. Doch die Balkone waren leer, an den Fenstern war niemand zu sehen und auf dem Innenhof tat sich auch nichts. Ich tapste auf meinen Balkon und schaute nach unten. Dort, schräg unter mir, entdeckte ich dann Frau Sanders auf ihrer Terrasse sitzen, die mir verschmitzt grinsend zuwinkte und einen guten Morgen wünschte.

Der Rest ist relativ schnell erzählt: Immer mehr Nachbarn begannen damit, den Innenhof mit ihrer Musik zu beschallen. Das ging so weit, dass Sinan irgendwann ein Treffen organisierte, auf dem man sich über Spielzeiten, Ruhepausen und Reihenfolgen einigte. Seitdem wird bei uns nur noch freitags und alle vierzehn Tage auch samstags der Innenhof bespielt. An den übrigen Tagen bleibt es weitgehend still. Selbst Ludger hält sich meistens zurück. Manchmal bekommt er aber doch noch einen Rappel und lässt der Polka ihren freien Lauf. Doch das ist kein Vergleich zu früher und wird von uns in gewohnter Manier erduldet.

Vorgestern sah ich übrigens die siebenjährige Enkelin von Herrn Abel im Innenhof zu der Musik tanzen. Irgendwann gesellten sich ihre Mutter und ihr Vater dazu. Gegen Abend hatte sich das Ganze zu einer kleinen, spontanen Tanzveranstaltung entwickelt, an der sich etwa zwanzig bis dreißig Nachbarn beteiligten. Ich möchte mir jetzt nicht ausmalen, wohin das demnächst führen wird …

(Andreas Ballnus)


 


 

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