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Kolumne: kann passieren ...

Das Blumenparadies

Schon Friedrich Schiller wusste „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt“. Doch wenn dann auch der Fromme seine Frömmigkeit ad acta legt und das friedliche Leben aufgibt, kann eine harmlose Meinungsverschiedenheit ziemlich schnell eskalieren. Über Nachbarschaftsstreitigkeiten könnte man Romane schreiben. Unser Autor Andreas Ballnus hat es bei einer Kurzgeschichte belassen.

Fassungslos starrte Schrader durch die zugezogenen Stores nach draußen. Seine Mundwinkel und die Finger der rechten Hand zuckten fast pausenlos mit den leicht flimmernden Augenlidern um die Wette. Wie ein gefangener Panther durchkreiste er dann sein Wohnzimmer, blieb wieder am Fenster stehen, blickte nach draußen, verharrte einen Moment lang regungslos, bevor sich seine Gesichts- und Handmuskeln erneut verselbständigten.

Er hatte verloren. Schon wieder hatte er verloren. Die ganzen Mühen des letzten Jahres waren umsonst gewesen. Was hatte er nicht alles in Bewegung gesetzt, um es diesem Kramer endlich einmal zu zeigen. Doch wie bereits in den Jahren zuvor war es ihm auch diesmal nicht gelungen, seinem verhassten Nachbarn die schon lange überfällige Niederlage beizufügen.

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Breit grinsend saß Kramer in seinem Garten. Er wusste, dass Schrader ihn beobachtete und kurz vor einem Herzinfarkt stand. Wieder hatte er es geschafft, ihn zu schlagen. – Sein Garten war auch in diesem Jahr der prächtigste der gesamten Siedlung.

Akribisch rückte er den Gartenstuhl noch einmal zurecht. Schrader sollte auf jeden Fall sein zufriedenes Lächeln sehen. Er sollte sehen, wie ein wahrer Sieger aussah. Genussvoll reckte er sich, gähnte ausgiebig und zog dann aus der Kühltasche, die neben seinem Stuhl stand, eine Flasche Sekt hervor. In aller Ruhe öffnete er sie, goss sich ein Glas ein und prostete dann in Richtung Schraders Wohnzimmerfenster, bevor er mit spitzen Lippen und ausgestrecktem kleinen Finger einen Schluck zu sich nahm.

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Schrader ging es schlecht. Seit Wochen hatte er kaum gegessen oder geschlafen. Es war ihm ein Rätsel, wie es Kramer jedes Jahr erneut schaffte, seinen Garten in ein solch unnachahmliches Blumenparadies zu verwandeln. Jede Blume, jeder Busch, den Kramer pflanzte, gedieh wesentlich besser als in allen anderen umliegenden Gärten – und, was am Schlimmsten war, auch deutlich besser als in Schraders eigenem Garten.

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Der nachbarschaftliche Kleinkrieg hatte vor sechs Jahren begonnen. Damals war Schrader kurz nach der Pensionierung in das Haus gezogen und wollte dort in aller Gemütlichkeit seinen Lebensabend verbringen. Nachdem sein neues Heim weitgehend eingerichtet war, hatte er damit begonnen, sich um den Garten zu kümmern. Er legte wochenlang neue Blumenbeete an, befreite zugewucherte Beete von Unkraut, begradigte die Rasenkanten und pflanzte einen Apfelbaum – der erste eigenhändig gepflanzte Baum seines Lebens. Voller Stolz betrachtete er dann an einem schönen Spätsommerabend seinen Garten. Ein Lebenstraum war für ihn in Erfüllung gegangen.

Und genau an diesem Abend lernte er Kramer kennen. Schrader war gerade dabei, sich zu überlegen, wie er seinen Garten noch weiter ausgestalten könnte, und schaute dabei auch zu den Grundstücken der Nachbarn hinüber. Kramer entging das nicht, und er begann sogleich mit ihm ein angeregtes Gespräch über die Siedlung, die anderen Nachbarn und die Gärten der Umgebung. Immer wieder kam er dabei auch auf den Garten von Schrader zu sprechen und betonte stets, wie viel daraus noch zu machen wäre, wenn man sich wirklich Mühe geben würde.

Irgendwann wurden Schrader diese Andeutungen zu viel. „Also mir gefällt der Garten schon sehr gut, so wie er jetzt ist“, sagte er leicht angefressen. „Warum haben Sie sich denn dann überhaupt ein Haus mit Garten gekauft?“, fragte Kramer daraufhin mit einem leicht ironischen Unterton. „So, wie es für mich aussieht, haben Sie nur wenig Erfahrung mit Gartenarbeit.“
„Nun, es ist zwar etwas länger her, dass ich so etwas gemacht habe, das stimmt sicherlich. Aber ich werde in die Materie schon wieder reinkommen.“
„Ach, ich weiß nicht“, entgegnete Kramer. „So, wie es für mich aussieht, wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn Sie in eine Eigentumswohnung mit Balkon gezogen wären. Doch vermutlich können Sie nicht einmal einen Blumenkasten ansehnlich bepflanzen“.

Eigentlich war Schrader ein Gemütsmensch. Doch davon war im weiteren Verlauf des Gespräches immer weniger zu merken. Während er sich gegen diese Bemerkungen von Kramer verwehrte, wurde seine Stimme zunehmend hektischer und angespannter. Wortreich erklärte er, dass dies doch seine erste Gartensaison sei und er noch große Pläne hätte. Damals fiel ihm zum ersten Mal dieses leichte Zucken seiner Mundwinkel auf.

Kramer dagegen blieb betont entspannt. „Nun regen Sie sich mal nicht so künstlich auf, das war doch nur ein Scherz“, sagte er, nachdem sich Schrader bereits leicht in Rage geredet hatte. „Ich meine es ja nur gut mit Ihnen. Wie wäre es, wenn Sie mir hin und wieder bei der Gartenarbeit helfen würden – ein Praktikum unter Nachbarn, sozusagen. Sie sind zwar nicht mehr der Jüngste, aber vielleicht langt es ja noch, dass Sie wenigstens ein bisschen was von mir lernen.“

Das war dann der Moment, in dem Schrader wirklich laut wurde. Und er blieb es auch noch eine ganze Zeitlang, während Kramer ihn nur spöttisch ansah. Als er dann aber irgendwann außer sich vor Zorn brüllte: „Sie führen sich hier auf, als wären Sie der König Ihrer Gartenzwerge, was ja von der Größe her auch hinkommen würde“, platzte Kramer der Kragen. Kurz darauf kam es dann zum ersten und bei weitem nicht letzten Besuch der, zunächst noch freundlichen, Beamten von der nahegelegenen Revierwache.

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Kramer war inzwischen aufgestanden und hatte sich aus seinem Haus einen Fotoapparat geholt. Die späte Nachmittagssonne ließ die Farben seiner Blumen noch kräftiger leuchten, als wie sie es ohnehin schon taten. Es würden wunderbare Bilder werden, die der Pracht seines Gartens auch angemessen waren. An seinem Zaun – nahe der Grenze zu Schraders Grundstück – hatte er einen Schaukasten angebracht. Dort dokumentierte er anhand der Fotos die Entstehung und stetige Weiterentwicklung seines Gartens. Das Ausstellen von Vergleichsbildern aus Schraders Garten war ihm im Zuge eines Gerichtsprozesses, dem noch viele weitere folgen sollten, verboten worden.

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Schrader bekam zunehmend Kopfschmerzen. Das Zucken der Gesichtsmuskeln und der Finger seiner rechten Hand hörten überhaupt nicht mehr auf. Selbst nach sechs Jahren ärgerte er sich immer noch über Kramers damalige Überheblichkeit. Am meisten aber fuchste es ihn, dass er Kramer zum Teil auch noch Recht geben musste. Um das zu ändern, begann er bald nach dem Streit damit, sich immer mehr Wissen und Fähigkeiten anzueignen. Er ließ sich von Experten beraten, besuchte unzählige Kurse an der Volkshochschule und gab ein kleines Vermögen für Fachliteratur und besonders kostbare Pflanzen aus.

In den darauffolgenden Jahren wurde sein Garten auch immer schöner. Doch das reichte ihm schon lange nicht mehr. Er wollte Kramer schlagen und das herrlichste Blumenparadies der gesamten Siedlung erschaffen. Dieses Ziel verfehlte er aber jedes Jahr erneut. Kramers Garten blieb mit großem Abstand der prächtigste in der weiteren Umgebung.

Vor zwei Jahren ging Schrader dann zu einer anderen Taktik über. Ihm war klar geworden, dass Kramer ein geheimes Wissen haben musste. Anders war es nicht zu erklären, was da in dessen Garten vor sich ging. Also lenkte er all seine Bemühungen dahingehend, hinter Kramers Geheimnis zu kommen. Der Versuch, sich heimlich ein paar Bodenproben zu besorgen, endete mit dem erneuten Besuch der inzwischen nicht mehr ganz so freundlichen Beamten aus der nahegelegenen Revierwache. Das Engagement eines Privatdetektivs scheiterte nach kurzer Zeit an den zu hohen Kosten. Und der Einsatz von Kameras, mit denen er Kramers Garten überwachen wollte, wurde ihm vom Gericht verboten. Also heftete er sich wochenlang selber an Kramers Fersen. In den unterschiedlichsten Verkleidungen folgte er ihm durch Baumärkte, Garten-Center, auf Messebesuche und zu den verschiedensten Fachvorträgen. Da ihm dadurch aber die Zeit fehlte, sich angemessen um seinen eigenen Garten zu kümmern, hatte er stundenweise einen Gärtner eingestellt.

Tatsächlich konnte er in den folgenden Monaten vieles erfahren, was er vorher noch nicht gewusst hatte. So spürte er zum Beispiel Kramers Lieferanten für Blumen und Samen auf. Auch schien sein Nachbar anhand des Mondkalenders einige der Pflanzungen vorzunehmen. Und dann beobachtete er noch, dass Kramer immer mal wieder Leute einstellte, die ihm den Haushalt führten und einfache Gartenarbeiten übernahmen. So hatte er noch mehr Zeit, sich um die wesentlichen Dinge in seinem Garten zu kümmern. Doch die Menschen, die sein Nachbar einstellte, hielten es selten lange bei ihm aus und verschwanden von einem Tag zum anderen, so dass er sich häufig nach neuem Personal umschauen musste. Deshalb hatte Schrader kurz darüber nachgedacht, sich selber in Verkleidung bei Kramer um eine Stelle zu bewerben. Aber das kam ihm dann doch zu gewagt vor.

In diesem Jahr hatte er dann mithilfe des Gärtners seine gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt. Doch nun musste er erkennen, dass er trotz all seiner Bemühungen erneut gescheitert war. Schrader wusste nicht mehr weiter. Er war nervlich und körperlich am Ende.

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Kramer hatte in der Zwischenzweit einen Karton aus dem Haus geholt, den er nun auspackte. Dabei achtete er peinlichst darauf, dass Schrader zunächst nicht sehen konnte, worum es sich bei dessen Inhalt handelte. Er wusste, dass er so am besten die Aufmerksamkeit seines Nachbarn gewinnen konnte. Nachdem er alles ausgepackt hatte stellte er den Inhalt in eines der Beete, ging zu seinem Stuhl zurück, setzte sich genüsslich grinsend hin und prostete Schrader noch einmal zu.

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Dieser hatte tatsächlich alles beobachtet. Da er von seiner Position aus nicht erkennen konnte, was Kramer da trieb, war er ein Stockwerk höher ins Schlafzimmer gegangen und hatte sich von dort aus die Sache mit einem Fernglas genauer angesehen. Was er erblickte raubte ihm den Atem. Zwischen den Blumen stand ein neuer Gartenzwerg. Genauer gesagt waren es zwei. Der eine von den beiden hatte in Siegerpose seinen Fuß auf den anderen, weinend vor ihm liegenden, gestellt. Bei genauerem Hinsehen konnte man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem stehenden Zwerg und Kramer sowie Schrader und dem liegenden entdecken.

Schrader musste sich setzen. Das war zu viel. Fast regungslos saß er auf seinem Bett und starrte vor sich hin. Er spürte seine Halsschlagader, die nun im Takt gemeinsam mit seinen Fingern, den Mundwinkeln und den Augenlidern pulsierte. Jetzt hatte es Kramer eindeutig übertrieben. Das war endgültig eine Kriegserklärung. Von nun an ging es nicht mehr um den schöneren Garten. Ab sofort ging es für ihn nur noch um eines: um Rache!

Bis zu der Auseinandersetzung mit Kramer war Schrader ein freundlicher und zuvorkommender Mann gewesen. Doch die letzten Jahre hatten ihn mürrisch gemacht. Er war sehr reizbar und jähzornig geworden, verlor immer häufiger die Beherrschung und tat Dinge, die er früher nie getan hätte. So, wie diese Sache mit dem Gärtner am heutigen Vormittag, die jetzt noch bereinigt werden musste, bevor er sich an die Planung seines Rachefeldzuges machen konnte.

Eigentlich wollte er den guten Mann ja nur zur Rede stellen, warum es Kramer auch in diesem Jahr wieder gelungen war, ihn so deutlich zu schlagen. Diese Aussprache geriet ihm dann aber etwas außer Kontrolle und nun lag sein Gärtner tot im Keller neben der Treppe und musste irgendwie beseitigt werden. Schrader war sich nicht sicher, ob es der Schlag mit der kleinen Gartenhacke oder der anschließende Treppensturz gewesen war, der ihn letztendlich umbrachte. Im Grunde war es ihm auch egal – die Leiche musste weg.

In der folgenden Nacht legte er ein neues Beet an. Während des Grabens drehten sich seine Gedanken nur darum, wie er in Zukunft seinem verhassten Nachbarn das Leben zur Hölle machen könnte. Schrader wusste genau: Für Kramer würde es ein sehr langes und hartes Jahr werden.

Epilog

Im folgenden Jahr entwickelte sich dieses neu angelegte Beet zum absoluten Blickfang in Schraders Garten. Die Blumen blühten in einer noch nie zuvor da gewesenen Farbenpracht und ließen das Herz eines jeden Betrachters höher schlagen. Seitdem wurde sein Garten von Jahr zu Jahr immer prächtiger bis es irgendwann zwei Blumenparadiese in dem Viertel gab. Die übrigen Nachbarn stellten mit großem Erstaunen fest, wie sich Schrader und Kramer langsam wieder annäherten und immer häufiger fachsimpelnd durch ihre Gärten gingen. Mit der Zeit wurde Schrader auch wieder ruhiger und gelassener, seine Mundwinkel und die Finger der rechten Hand zuckten nicht mehr, und nur noch ein leichtes Flackern seiner Augenlider erinnerte manchmal an die schweren Jahre, die er hinter sich hatte. So wie auch Kramer stellte er nun ebenfalls Leute ein, die sich um seinen Haushalt kümmerten und einfache Gartenarbeiten übernahmen. Allerdings schien er sehr anspruchsvoll zu sein, denn sein Personal hielt es nie lange bei ihm aus, so dass er immer wieder dazu gezwungen war, sich nach neuen Leuten umzuschauen.

(Andreas Ballnus)


 


 

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