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Kolumne: Kann passieren

Der Autor

Neben wirklichen Talenten und guten Durchschnittschreibern gibt es auch viele Autoren, die über ein hohes Maß an Selbstüberschätzung verfügen. Solche Kollegen lieferten unserem Autor Andreas Ballnus den Stoff für die folgende Satire – und es ist ihm durchaus bewusst, dass er mit dem Vorwurf rechnen muss, im Glashaus mit Steinen zu werfen. „Aber“, so Andreas Ballnus, „wer im Glashaus mit Steinen wirft, sorgt auch für frische Luft“.

„Lars Melchior“ ist ein Pseudonym. Es hört sich seiner Ansicht nach besser an als „Klaus-Dieter Müller“, wie er in Wirklichkeit heißt. Klaus-Dieter ist sich sicher, dass er als Lars Melchior berühmt werden wird. Im Grunde fehlt ihm nur noch der richtige Verlag, der ihn groß herausbringt. Schon vor Wochen hat er einem der größten von ihnen das Exposé seines ersten Romans zugeschickt und dabei gleich um einen Vorschuss gebeten. Doch bisher blieb die erwartete Antwort aus.

Lars Melchior sitzt an seinem Küchentisch. Es ist später Abend. Vor ihm steht der Laptop, der ihn strahlend weiß anleuchtet. Noch hat er kein Wort geschrieben. Die Story seines Erstlingswerkes steht, aber der Einstieg will ihm einfach nicht gelingen.

Lars Melchior hat einen Ortswechsel vorgenommen. In seinem Stammcafé hofft er nun auf eine Inspiration – die richtigen Worte für den Anfang seines epochalen Romans. Den Laptop hat er durch Schreibblock und Kugelschreiber ersetzt. Doch noch hat diese Veränderung nicht das gewünschte Ergebnis erzielt.

Inzwischen hat aber immerhin der Verlag auf sein Anschreiben reagiert. Es war eine freundlich formulierte Absage. Nun wird er den nächsten großen Verlag anschreiben – in der Hoffnung, nicht wieder auf einen inkompetenten Lektor zu stoßen.

Lars Melchior besucht seinen Kumpel Berthold Barnabas, um sich inspirieren zu lassen. Auch „Berthold Barnabas“ ist ein Pseudonym. Er ist ebenfalls ein aufgehender Star am Schriftsteller-Himmel. Laut Personalausweis heißt er eigentlich Frank Schmidt.

Berthold hat bereits sein Manuskript fertig. Es umfasst 842 Seiten Lyrik, überwiegend Zweizeiler und experimentelle Lautmalereien. Bisher konnte er noch keinen Verleger von seinem Potenzial überzeugen. Aber er ist sich sicher, dass die Zukunft ihm gehört. Es ist eben nur sehr schwer, die Borniertheit der etablierten Lektoren und Verlage zu brechen.

Lars Melchior liegt bei Berthold Barnabas auf dem Sofa. Er ist sternhagelvoll. Berthold sitzt kichernd auf dem Fußboden an seinen Wohnzimmerschrank gelehnt und dreht sich den nächsten Joint. Der kollegiale Austausch war sehr fruchtbar und vor allem mental absolut aufbauend. Sie haben beschlossen, weiter an ihren Plänen festzuhalten. Berthold hat außerdem Ideen für weitere Gedichte bekommen – er wird sein Manuskript wohl erweitern müssen. Vielleicht aber sind die neuen Texte auch der Grundstock für einen zweiten Band.

Lars Melchior sitzt wieder zu Hause am Küchentisch vor dem Laptop und überträgt seine handgeschriebenen Entwürfe aus der danebenliegenden Kladde. Seit nun sechs Stunden hat er fast ununterbrochen geschrieben. Seine Finger rasen über die Tastatur. Wie im Rausch hatte er zuvor jeden seiner Gedanken handschriftlich zu Papier gebracht. Und mit jedem Satz, jeder Formulierung stieg sein Wohlgefühl. Nun lächelt er entspannt vor sich hin.

Lars Melchior hat sein Werk beendet. Er druckt es aus, liest noch einmal Korrektur und schickt es dann an einen Notar, den er kürzlich im Café kennengelernt hatte. Der Brief enthält sein Testament und einige bedeutende Worte für die Nachwelt. – Jetzt ist sein Kopf garantiert frei für den großen Wurf.

(Andreas Ballnus)


 


 

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