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Kolumne: Kann passieren ...

Der Haake-Mörder

Krimis sind ein eigenes Metier, eines, in dem unser Autor Andreas Ballnus nur selten unterwegs ist. Doch hin und wieder probiert er auch gerne mal was Neues aus. So hat er vor einigen Jahren für ein Anthologie-Projekt eine Geschichte geschrieben, in der es um die Jagd auf einen Serienmörder ging. Aber ein richtiger Krimi ist es dann irgendwie doch nicht geworden …

Das Telefon klingelte. Neben mir wühlte sich Sabrina aus der Decke und gab irgendwelche unverständliche Laute von sich. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, hatte sie das Telefon endlich gefunden. „Ja, was gibt's?“, nuschelte sie verschlafen. „Wo? ... Scheiße, da brauche ich mindestens eine Stunde … OK, ich mach' mich auf den Weg.“

Ich kannte diese Art von Telefonaten. Mein müder Blick schlich zum Wecker. Es war kurz nach vier Uhr. „Schlaf weiter“, flüsterte sie und hauchte mir einen Kuss auf die Wange.

Früher entschuldigte sie sich immer noch dafür, wenn sie mitten in der Nacht los musste. Doch das wäre nicht nötig gewesen. Schließlich hatte ich ja gewusst, auf was ich mich einlasse, als ich vor über zwanzig Jahren die damals angehende Kriminalmeisterin Sabrina Werlich fragte, ob sie mich heiraten wolle. Inzwischen gab es zwar seit einigen Jahren den Kriminaldauerdienst, so dass die nächtlichen Anrufe zunächst aufgehört hatten. Doch das änderte sich dann wieder, als Sabrina Mitglied einer Sonderkommission wurde, die nach einem Serienmörder fahndete. Seitdem gab es eine Rufbereitschaft. Jedes Mal, wenn man eine Leiche fand, die ein neues Opfer von ihm sein konnte, wurde sie oder einer ihrer Kollegen aus der Sonderkommission dazu geholt.

„Geht's wieder um ihn?“, fragte ich schlaftrunken.
„Ja. Ich erzähl's dir später. Aber jetzt schlaf weiter. Ich geh dann, tschüss!“.
Bevor ich antworten konnte, war sie schon aus dem Schlafzimmer verschwunden und hatte die Tür geschlossen. Jetzt ging sie ins Wohnzimmer, um sich anzuziehen. Seit wir zusammen waren, hatte sie dort immer einige Kleidungsstücke deponiert. So konnte sie sich bei nächtlichen Einsätzen anziehen, ohne mich weiter zu stören. Eine kurze Zeit später hörte ich noch, wie sie die Wohnungstür ins Schloss zog. Dann schlief ich wieder ein.

Das Klingeln des Telefons weckte mich erneut. Bevor ich ranging, schaute ich kurz auf die Uhr. Es war viertel nach neun.
„Na, bist du schon wach?“ Ihre Stimme wirkte angespannt.
„Ja, jetzt bin ich wach“, murmelte ich verschlafen.
„Das wird ein langer Tag werden. Ich habe keine Ahnung, wann ich heute nach Hause komme.“
„Ist schon gut, mein Schatz. Ich denke, dass ich alleine klar kommen werde. Bin nämlich schon erwachsen, weißt du!“
Mein Versuch, sie ein wenig aufzuheitern, misslang.
„Hör auf mit dem Scheiß! Sebastian wird heute gegen siebzehn Uhr kommen, um noch ein paar Sachen zu holen. Kannst du dann zu Hause sein? Er hat seinen Schlüssel verloren und jemand muss ihn rein lassen.“
„Eigentlich wollte ich ja zum Schwimmen, aber das kann ich auch ausfallen lassen. – Und? War er es?“
„Ja, sehr wahrscheinlich – und diesmal gibt es sogar zwei Opfer.“
„Oh Mist. Wer hat die denn mitten in der Nacht gefunden?“
„Ein Amateurfilmer, der seine Infrarotkamera ausprobieren wollte. Bevor er überhaupt irgendwelche nachtaktiven Viecher vor die Linse bekam, ist er bereits im wahrsten Sinne des Wortes über die Leichen gestolpert.“
„Und sind am Tatort diesmal …“, weiter kam ich nicht.
„Ich muss jetzt Schluss machen. Denk dran: Siebzehn Uhr!“

Ohne sich weiter zu verabschieden, beendete sie das Gespräch. Sie hatte zwar nichts gesagt, aber der Fall ging ihr immer mehr an die Nieren. Der Serienmörder tötete scheinbar wahllos Menschen, die in abgelegenen Gegenden allein unterwegs waren. Unter ihnen befanden sich Spaziergänger, Jogger, Jäger, Landstreicher und sogar ein Postbote. Alle waren sie durch präzise Gewehrschüsse aus dem Hinterhalt umgebracht worden. Und oft waren es dann auch wieder Wanderer oder Förster, welche die Opfer schließlich fanden. Bis heute gab es so gut wie keine brauchbaren Spuren von ihm. Die ganze Hoffnung der Ermittler lag nun darin, dass der Mann irgendwann einmal einen Fehler machen würde. So, wie er ihn bereits bei seiner zweiten Tat begangen hatte. Damals fand man nämlich an der Stelle, von der aus geschossen worden war, einen Hustenbonbon. An ihm befanden sich verwertbare DNA-Spuren. Doch bisher hatte dieser Fund die Ermittler auch nicht weitergebracht.

Zu Hause erzählte Sabrina nur selten von ihren Ermittlungen, was ich sehr bedauerte. Schließlich war ich schon immer ein großer Krimi-Fan gewesen, und die Arbeit der Kriminalpolizei interessierte mich sehr. So saß ich quasi an einer Quelle, ohne dass mein Wissensdurst auch nur annähernd befriedigt wurde. Doch auch die wenigen Dinge, die sie von ihren Einsätzen berichtete, veränderten im Laufe der Zeit mein Bild von der Polizeiarbeit. So gab es die wilden Verfolgungsjagten oder gefährlichen Schießereien, wie man sie oft im Fernsehen sah, so gut wie nie. Zumindest hatte Sabrina ihre Waffe bisher kein einziges Mal im Dienst abfeuern müssen. Auch waren die Täter selten die großen Unbekannten, sondern kamen meistens aus dem näheren Umfeld ihrer Opfer.

Ich stand auf und machte mir Frühstück. Seit ich vor fünf Jahren meine Arbeit verloren hatte, kümmerte ich mich um den Haushalt. Zu ihm gehörte bis vor kurzem auch noch Sebastian. Er war allerdings vor zwei Wochen mit seiner Freundin zusammengezogen. Nun hatte er also den Schlüssel zu der elterlichen Wohnung verloren – ich musste grinsen, als ich darin eine gewisse Symbolik entdeckte.

Meine Gedanken gingen wieder zu Sabrina und dem Serienmörder. Wie die Leichen wohl aussahen? Da der Täter immer nur in abgelegenen Gegenden zuschlug, dauerte es oft Tage oder Wochen, bis man sie fand. Sabrina hatte sicherlich schon viele hässliche Dinge sehen müssen. Auch das jetzt ermordete Pärchen lag schon seit vier Tagen in der Fischbeker Heide. Seit gestern waren immer wieder Suchmeldungen im Fernsehen und Radio gelaufen. Man hatte gleich vermutet, dass sie Opfer eines Verbrechens geworden sein könnten. Doch dass es – so, wie es nun aussah – der Haake-Mörder gewesen war, überraschte wahrscheinlich doch die meisten, denn bisher hatte er immer nur Einzelpersonen getötet, niemals mehrere auf einmal. Den Namen „Haake-Mörder“ hatte der Täter von den Medien erhalten, nachdem er seine ersten drei Opfer in der Haake, einem Waldstück im Süden Hamburgs, getötet hatte. Auch die Fischbeker Heide lag südlich der Elbe. Insgesamt hatte er allerdings seinen Aktionskreis auf das gesamte Hamburger Stadtgebiet und das nähere Umland ausgedehnt.

Ich machte mich auf den Weg, um ein paar Dinge für das Abendessen einzukaufen. Unterwegs rief mich Sebastian an, um mir zu sagen, dass er möglicherweise nicht kommen würde. Er klang merkwürdig angespannt und nervös. Vielleicht hatte er ja Ärger mit Kerstin gehabt. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, jetzt nachzufragen. Er würde irgendwann von sich aus alles erzählen, wenn er soweit war.

Was Sabrina jetzt wohl gerade machte? Mich interessierte ihre Arbeit wirklich sehr. Vor einigen Jahren hatte ich sie sogar gefragt, ob ich sie für ein paar Tage im Dienst begleiten dürfte.
„Du hast ja wohl 'nen Knall!“, war ihre überaus deutliche Antwort gewesen.

Da ich aber nicht locker ließ und sie mein Faible für Krimis und die Arbeit der Polizei kannte, hatte sie sich schließlich dazu bereit erklärt, mir zumindest hin und wieder etwas detaillierter aus ihrer Praxis zu erzählen, ohne allerdings auf die aktuellen Fälle einzugehen. So hatte ich mir im Laufe der Zeit ein kleines kriminalistisches Wissen aneignen können. Wer weiß, vielleicht werde ich ja irgendwann mal einen Krimi schreiben. Zeit hätte ich ja genug.

Auf dem Rückweg vom Einkauf legte ich in meinem Stammcafé eine Pause ein. Es war ein langer Weg gewesen, bis ich mich mit meiner Arbeitslosigkeit abgefunden hatte. Aufgrund meines Alters lagen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt nahezu bei null. Doch inzwischen konnte ich diesen Umstand schon fast ein wenig genießen. Früher wäre es mir kaum möglich gewesen, mich tagsüber in aller Ruhe für einen Cappuccino ins Café zu setzen oder den ganzen sportlichen Aktivitäten nachzugehen, die ich mit Beginn meiner Arbeitslosigkeit aufgenommen hatte. So war ich gleich nach der Kündigung einem Karateverein beigetreten. Meine Hoffnung, dass ich so eine Möglichkeit hätte, den Frust über die Entlassung ein wenig abbauen zu können, erfüllte sich jedoch nicht. Darum fing ich damit an, regelmäßig Gymnastik zu machen und zum Schwimmen zu gehen. Außerdem trat ich einem Schützenverein bei. Die Kontakte zu den Vereinsmitgliedern taten mir gut. Durch sie hatte ich sogar einen kleinen Job als Kurierfahrer für eine Druckerei gefunden. Durch diesen Nebenverdienst war ich nicht mehr vollständig von Sabrinas Einkommen abhängig, was für mich sehr wichtig war. Da Sebastian mit seinen siebzehn Jahren zu der Zeit bereits eigene Wege ging, wurde ich zu Hause auch nicht mehr wirklich benötigt.

Das Handy klingelte. Sabrina war dran. Ihre Stimme klang ernst, sehr ernst.
„Wo bist du gerade?“
„Im Café. Wieso?“
„Sebastian ist verhaftet worden!“
„Was?“ Mir stockte der Atem.
„Er soll Kerstin getötet haben.“
„Mein Gott, das glaube ich nicht. Dazu wäre er doch nie in der Lage!“
„Er hat es wohl schon gestanden. Sie hatten Streit. Den Rest erzähle ich dir nachher.“
Ich war wie erstarrt, unfähig, etwas zu sagen. „Bist du noch dran?“, fragte sie nach einer Weile.
„Ja.“
„Kommst du nach Hause? Ich bin schon hier. Für heute habe ich Schluss gemacht. Ich brauch dich!“ In ihrer Stimme lag nun pure Verzweiflung.

Ich bezahlte und machte mich auf den Heimweg. Es war für mich unvorstellbar, dass Sebastian so etwas getan haben sollte. Wie in Trance eilte ich durch die Straßen. Als ich zu Hause ankam, war Sabrina völlig aufgelöst. So hatte ich sie noch nie erlebt. Es dauerte eine Zeit, bis sie mir alles erzählen konnte, was sie wusste. Danach hatte Sebastian wohl schon in der letzten Nacht Kerstin erwürgt. Worum der Streit ging, wusste sie auch nicht. Auf jeden Fall war er zunächst geflüchtet, hatte sich dann aber heute Mittag selber der Polizei gestellt.

Während Sabrina weiter berichtete, kreisten meine Gedanken immer schneller. Man hatte Sebastian inzwischen sicherlich schon verhört und ihn kriminaltechnisch untersucht, also auch Fingerabdrücke und DNA-Proben von ihm genommen. Ich wusste, was die Ergebnisse dieser Untersuchungen in ein paar Tagen liefern würden: eine Spur zum Haake-Mörder. Denn Sebastians DNA-Probe würde Ähnlichkeiten mit der haben, die man einst am Tatort des zweiten Mordes sicherstellen konnte. Die Probe würde allerdings nicht auf Sebastian, sondern auf einen nahen Verwandten von ihm hinweisen.

Bereits seit drei Jahren zermarterte ich mir immer wieder den Kopf darüber, wie ich wohl eines Tages erklären könnte, auf welchem Wege dieser Bonbon damals an den Tatort gelangen konnte. Bis heute hatte ich dazu keine Antwort gefunden.

(Andreas Ballnus)


 


 

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