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Kolumne: Kann passieren ...

Des Königs fiese Tochter

In der Kolumne „Kann passieren …“ schreibt unser Autor Andreas Ballnus vor allem Alltagsgeschichten. Hin und wieder gibt es auch Ausflüge zu Krimis, Essays und andere Genres. In dieser Ausgabe geht es ins Märchenhafte – allerdings mit deutlichen Verknüpfungen in unser heutiges Alltagsleben. Achtung: Passionierten Liebhabern der traditionellen Märchen könnte dieser Text etwas übel aufstoßen …

In einem fernen Lande lebte bis vor kurzem ein König. Dieser war alleinerziehender Vater einer total verwöhnten Tochter namens Rapunzel. Das Kind – es befand sich im besten Teenager-Alter – ging nicht nur ihm, sondern dem gesamten Hofstaat regelmäßig auf die Nerven. Alle Bewohner des Schlosses konnten die Königin gut verstehen, als sie eines Nachts heimlich mit dem Besen der Haushexe auf und davon flog. Selbst der König musste eingestehen, dass seine Ex-Frau das Klügste getan hatte, was man in solch einer Situation hatte tun können. Er selber war ähnlichen Plänen nachgegangen. Doch während der erfolglosen Suche nach dem Hausflaschengeist fiel er in ein tiefes, lang anhaltendes Delirium. Als er dann schwer verkatert davon aufwachte, hatte die Frau Königin schon längst das Königreich verlassen und ward nie wieder gesehen. Nun lebte er also mit seiner Tochter in einem Schloss, das gar nicht groß genug sein konnte, um ihr erfolgreich aus dem Weg gehen zu können. Damit er wenigstens ab und zu seine Ruhe hatte, ermunterte er sie regelmäßig dazu, in den Schlosspark zum Spielen zu gehen.

Weil Rapunzel nun wirklich ein sehr verwöhntes, gemeines und arrogantes Einzelkind war – wobei hier nicht grundsätzlich etwas gegen Einzelkinder gesagt werden soll – hatte sie nur einen einzigen Freund. Der hieß Hänsel und war sehr hässlich. Auf der rechten Seite seines Rückens erhob sich ein stattlicher Buckel. Hänsel arbeitete als Glöckner in der Schlosskapelle, und wann immer die Zeit es zuließ, traf er sich mit Prinzessin Rapunzel. Sie war die Einzige, die sich mit ihm abgab. Dafür ertrug er auch ihre üblen Launen und manchmal wirklich garstigen Bemerkungen.

Eines Tages spielten die beiden im Schlossgarten. Sie warfen sich gegenseitig Rapunzels goldene Lieblingskugel zu. Da die Prinzessin schielte – ein genetischer Fehler väterlicherseits – hatte sie hin und wieder Probleme beim Fangen. Als Rapunzel nun zum wiederholten Male danebengriff, erbebte sie vor Zorn.
„Du bist schuld!“, brüllte sie und schleuderte die Kugel mit aller Kraft in Hänsels Richtung.
Dieser konnte dem Wurfgeschoss gerade noch ausweichen. Und so kam es, dass die goldene Kugel in den Brunnen fiel, der sich nur wenige Schritte hinter Hänsel befand. – Für einen Moment war es still, totenstill. Doch dann zeterte Rapunzel los. Sie steigerte sich immer mehr in ihre Wut hinein, so dass Hänsel sogar Handgreiflichkeiten befürchtete und daher fluchtartig den Glockenturm der Schlosskapelle aufsuchte.

Nun war die Prinzesin also alleine im Garten. Wütend stapfte sie zum Brunnen. Als sie ihn erreicht hatte, drang lautes Fluchen aus der Tiefe seines Schachtes zu ihr empor. Neugierig beugte sie sich über den Brunnenrand. „Hallo? Ist da jemand?“, rief sie hinunter – eine ziemlich blöde Frage, wie Rapunzel später selber zugeben musste, war doch die fluchende Stimme deutlich zu hören gewesen. „Welch blöde Frage!“, schallte es aus der Tiefe hinauf. „Natürlich ist hier jemand, du dumme Göre!“
Bevor Rapunzel empört wegen dieser Worte antworten konnte, entdeckte sie eine Leiter, die in die Tiefe des Schachtes führte, und an der eine Gestalt aus der Dunkelheit des Brunnens nach oben stieg. Es war ein großer Frosch – ein Breitmaulfrosch, um es genau zu sagen. In seinem Maul hielt er die goldene Kugel der Prinzessin. ‚Zum Glück ist es ein Breitmaulfrosch. Sonst hätte er mir die Kugel nicht mitbringen können‘, dachte Rapunzel. Als der Frosch vor Anstrengung keuchend den Brunnenrand erreicht hatte, nahm er die goldene Kugel aus dem Maul und legte sie neben sich. Auf seinem Kopf prangte eine große Beule, die sich leuchtend rot von der ansonsten graugrünen Haut abhob.

„Oh Mann, seit ich nicht mehr als Wetterfrosch irgendwelche Leitern hoch- und runterklettern muss, habe ich überhaupt keine Kondition mehr“, japste er. Dann wandte er sich mit grimmigem Blick Rapunzel zu. Vorsichtig strich er sich über die Beule, die immer noch ein wenig zu wachsen schien. Doch da er ein gut erzogener Frosch war, stellte er sich ihr zunächst einmal vor.

„Guten Tag! Ich heiße Rumpelstilzchen und bin ein verzauberter Meteorologe!“
„Ist mir doch egal“, antwortete Rapunzel. „Jetzt wisch gefälligst deinen Sabber von meiner Kugel und gib sie mir!“
„Nicht so hastig, du blöde Göre!“, erwiderte der Frosch. „Immerhin ist dies hier so etwas wie ein Märchen. Deshalb musst du zunächst drei Prüfungen bestehen, bevor du die Kugel wiederbekommst.“
„Du hast ja wohl ein Rad ab!“, fauchte die Prinzessin. „Entweder gibst du mir meine Kugel sofort zurück, oder du machst Bekanntschaft mit unserem französischen Koch!“
Der Frosch grinste breit. „Ach ja? Dann muss er mich aber erst mal finden!“ Sprach's, warf die Kugel in den Brunnen zurück und sprang hinterher.
„Scheiße, kein Wasser!“, hörte man ihn noch brüllen, bevor er seinen letzten „Platsch“ machte.

Mies gelaunt kehrte die Prinzessin in das Schloss zurück. Dort studierte der König gerade einen Info-Flyer des Vereins „Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V.“. Er wusste bezüglich seiner Tochter einfach keinen Rat mehr. Was hatte er nicht schon alles unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. Doch sämtliche Versuche waren gescheitert. Selbst die Verbannung in den höchsten Schlossturm hatte zu nichts geführt. Rapunzel trat sofort in einen Streik und hörte auf, sich zu waschen oder sonst in irgendeiner Art und Weise zu pflegen. So wuchsen auch ihre Haare immer weiter. Da sie einen unnatürlich starken Haarwuchs hatte, dauerte es gar nicht lange, bis ihre Haare so lang waren, dass sie an der Außenwand des Turmes bis auf den Boden reichten. Das wiederum nutzte der Lehrling eines stadtbekannten Friseurs dazu, um Rapunzel regelmäßig zu besuchen, indem er an ihrem Haar den Turm erklomm. Wäre dies alles dem Volk bekannt geworden, so hätte es zu einer Staatsaffäre geführt, die den König sehr in Verruf gebracht hätte. Daher wurde die Verbannung recht bald wieder aufgehoben – allerdings nur unter der Bedingung, dass sich Rapunzel und der junge Mann nie wieder sehen durften. Während Rapunzel damit gut leben konnte, brach es ihrem Geliebten derart das Herz, dass er auszog, um sich einem Drachen zum Fraß vorzuwerfen.

Ratlos hatte sich der König dann an eine Erziehungsberatungsstelle gewandt. Doch die zuständige Psychologin, eine Frau Holle, war auch nicht in der Lage gewesen, ihm zu helfen. Selbst dem Jugendamt gelang es nicht, dem König ein passendes Hilfeangebot zu unterbreiten, und lehnte mit der Begründung, das Schloss läge im Grunde außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches, jegliche weitere Unterstützung ab. In seiner Not ging der König sogar zu sehr fragwürdigen Methoden über, um Rapunzel loszuwerden. So schickte er sie zusammen mit Hänsel in den königlichen Wald und hoffte, dass sie sich dort verlaufen und nie wieder zurückkehren würden. Außerdem lebte dort eine äußerst böse, gefährliche und auf Kindesentführung spezialisierte Hexe. Da er nicht gewillt war, ein Lösegeld zu zahlen, hielt der König seinen Plan für absolut sicher. Doch er musste feststellen, dass in Zeiten von gekennzeichneten Wanderwegen die Wälder von heute auch nicht mehr das waren, was sie einstmals gewesen sind. Auf ihrem Weg stießen Hänsel und Rapunzel dann zwar auch auf die Hexe, doch eilte diese schon nach wenigen Tagen zu den strafverfolgenden Behörden, um sich zu stellen und alle ihre Untaten aus den letzten dreihundertachtundvierzig Jahren zu gestehen.

Auch der Versuch, Rapunzel im Rahmen von Sozialauflagen zu erziehen, misslang. So hatte der König sie in eine weit außerhalb des Königreiches liegende siebenköpfige Männer-WG bringen lassen. Deren Bewohner waren allesamt kleinwüchsig, und es hieß, dass sie mit den alltäglichen Aufgaben in ihrer Wohnung völlig überfordert sein sollten. Aber bereits nach einem Tag schickten sie Rapunzel wieder zurück. Man wäre jetzt in der Lage, sich selber um den Haushalt zu kümmern, lautete die sehr knapp gefasste Begründung.

Nun war der Verein „Alleinerziehende Königinnen und Könige e.V.“ des Königs letzte Hoffnung. Doch gerade als er sich den Flyer des Vereins genauer ansehen wollte, platzte seine Tochter maulend in das Zimmer.

„Du musst mir sofort eine neue goldene Kugel besorgen!“, herrschte sie an. „Wenn nicht, rede ich nie wieder mit dir!“
„Okay, der Deal gilt“", sagte der König und grinste fast so breit, wie noch vor wenigen Minuten der Breitmaulfrosch gegrinst hatte.

Mit einem wütenden Aufschrei drehte sich Rapunzel um und verließ die königlichen Gemächer. Da sie seit der Zeit in dem Turm unter Höhenangst litt – das behauptete sie zumindest – befanden sich ihre Zimmer nun im Keller des Schlosses, direkt neben der Folterkammer. Sie liebte die Geräusche, die von dort aus hin und wieder zu hören waren und ihre Phantasie beflügelten.

In ihrem Wohngemach angekommen ging sie ziellos auf und ab. Noch bebte sie vor Zorn. An diesem Tage war wirklich alles schiefgelaufen. Es dauerte einige Zeit, bis sie ein wenig zur Ruhe kam. Dann fiel ihr ein, dass Hänsel bald Geburtstag hatte und ihr Geschenk für ihn noch nicht fertig war. Es sollte ein Buckelwärmer werden, den sie eigens für ihn nähen wollte. So nahm sie sich ihr Nähzeug und begann mit der Arbeit. Da der Ärger aber immer noch in ihr nagte und sie deshalb nicht so gut konzentriert bei der Sache war, stach sie sich mit der Nadel in den Finger. Nun war es so, dass die Prinzessin kein Blut sehen konnte. Daher fiel sie sofort in Ohnmacht. Es war eine tiefe Ohnmacht, sehr tief, beinahe schon komatös. Niemand konnte sagen, ob und wann sie wieder erwachen würde.

Als der König davon erfuhr, frohlockte er. In aller Eile ließ er seine Sachen packen, organisierte einen Pflegedienst für seine Tochter, befahl seinen Gärtnern, eine dichte Dornenhecke um das Schloss herum zu pflanzen, und machte sich dann auf den Weg nach Nimmerland. Dort herrschte sein Cousin. Dieser war zwar ein etwas merkwürdiger Kauz – so lief er zum Beispiel gerne völlig unbekleidet herum – aber er war dem König sehr wohlgesonnen.

Die Ruhe, die der König in Nimmerland endlich fand, währte jedoch nicht lange. Nachdem nämlich das „Nimmerländische Tageblatt“ des Verlags Grimm & Co von der Geschichte erfuhr und sie groß herausbrachte, wurde der König wegen Gefährdung des Kindeswohles vor Gericht gestellt. Hiervor konnte ihn auch sein Cousin nicht bewahren – die Könige der heutigen Zeit haben ja schon längst nicht mehr die Macht wie in vergangenen Tagen. Doch der König traf auf einen verständnisvollen Richter. Und so erhielt er aufgrund der schwierigen Begleitumstände nur eine milde Bewährungsstrafe. Seit dem lebt er unter anderem Namen in einer Seniorenwohnanlage des Roten Kreuzes.

Das Jugendamt aber verurteilte man dazu, sich intensiv um Rapunzel zu kümmern. Und so wurde schließlich einem der Sozialarbeiter diese Aufgabe übertragen. Mit viel Mühe gelange es ihm, die Dornenhecke zu durchdringen. Als er die Prinzessin dann endlich fand, fiel ihm nichts Besseres ein, als den Versuch zu unternehmen, sie behutsam wachzuküssen. Dieses durchaus nicht gerade professionelle Vorgehen führte aber zu dem gewünschten Erfolg – was für den Sozialarbeiter allerdings einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt zur Folge hatte. Rapunzel wiederum kam in ein Heim und machte später bei der Sendung „Dumm Sein und Dumm Singen“ Karriere. Sie heiratete Hänsel einmal mehr als sie sich von ihm scheiden ließ. Und wenn sie sich nicht gerade in einer Drogenklinik befindet, dann singt sie auch noch heute.

(Redaktion)


 


 

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