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Kolumne: kann passieren

Die Kaffeefahrt

Diese Geschichte unseres Autors Andreas Ballnus beginnt harmlos und wird dann immer mysteriöser. Zum Schluss können durchaus Fragen offen bleiben, was aber beabsichtigt ist. Genießen Sie also nun eine Fahrt in der Hamburger U-Bahn der besonderen Art und lassen sich ein wenig Ihre Fantasie anregen.

An einem sonnigen Samstag im Frühling gegen acht Uhr morgens stieg Jürgen Petersen am Stadtrand von Hamburg in die U 1. Eigentlich war er ja kein Frühaufsteher, doch sein alter Studienfreund Sebastian Schreiber hielt sich in der Stadt auf und hatte nur an jenem Morgen Zeit für ein Treffen. Also verabredeten sie sich zu einem Frühstück in der Nähe des Hauptbahnhofs. Sebastian war auf einer internationalen Fachtagung gewesen und wollte gegen Mittag mit der Bahn zurück nach Heidelberg fahren.

Jürgen Petersen hatte sich eine Tageszeitung gekauft, doch er war zu müde, um sie zu lesen. Stattdessen überflog er nur ein paar Überschriften. Es handelte sich um die üblichen Katastrophen- und Negativmeldungen, an welche er sich eigentlich nie gewöhnen wollte und die er nun doch eher ungerührt zur Kenntnis nahm. Nach einiger Zeit rollte er die Zeitung zusammen und steckte sie in seine Jackentasche. Vielleicht würde er sie auf der Rückfahrt lesen.

Er freute sich auf das Treffen mit Sebastian. Während ihres Physik-Studiums waren sie eng befreundet gewesen. Doch nach dem Abschluss verloren sie sich immer mehr aus den Augen. Während er selber in Hamburg blieb, fand Sebastian einen guten Job in Süddeutschland. Schon seit Jahren gab es nur noch sporadische Telefonate oder E-Mail-Grüße.

Während die Trasse zunächst noch oberirdisch verlief, so dass sich Petersen an den warmen Sonnenstrahlen erfreuen konnte, verschwand sie nach etwa fünfzehnminütiger Fahrt in einem Tunnel. Von dort aus ging es unter der Erde weiter. Doch kurz darauf hielt die Bahn auf freier Strecke an. Es dauerte eine Weile bis die Leitstelle mitteilte, dass sich die Weiterfahrt aufgrund eines Weichenschadens etwas verzögern würde.

Jürgen Petersens Gedanken begannen zu arbeiten. „Weichenschaden“ hörte sich nicht unbedingt nach einer kurzfristigen Störung an. Also nahm er sein Smartphone und schickte Sebastian eine kurze Nachricht. Er behielt das Gerät gleich in der Hand, um die Antwort abzuwarten. „Kein Problem! Bin auch noch nicht da. Trinke sonst schon mal 'nen Kaffee“, antwortete Sebastian dann auch prompt.

Petersen grinste ein wenig. Sebastian schien immer noch der große Kaffeetrinker zu sein. Schon während des Studiums schüttete er ihn kannenweise in sich hinein, und bei Unternehmungen schleppte er mindestens zwei bis drei Thermoskannen mit sich mit. Es musste aber immer richtiger gemahlener Bohnenkaffe sein. Irgendein Instantzeug kam für ihn nicht infrage. Im Gegenteil – bei einer Freizeit hatte man nur Instant-Kaffee dabei gehabt. Sebastian drehte fast durch und machte sich sofort auf den Weg, um richtigen Kaffee zu besorgen. Da er seinen privaten Kaffee-Vorrat bereits während der Anreise fast aufgebraucht hatte, nahm er sich für diese Fahrt trotz seiner Abneigung gleich mehrere Thermosflaschen heißes Wasser und ein Glas Instant-Kaffee mit. Diese Aktion hing ihm dann während des restlichen Studiums nach, so dass er immer wieder Lästereien und spöttische Bemerkungen über sich ergehen lassen musste.

Jürgen Petersen ließ nun seinen Blick durch den Wagen streifen. Aus den Augenwinkeln hatte er mitbekommen, dass an der letzten Station viele Leute ausgestiegen waren. Jetzt stellte er fest, dass sich außer ihm nur noch ein älteres Ehepaar im Abteil befand. Es saß wenige Plätze von ihm entfernt am Kopfende des Wagens.

Der Zugführer teilte nun mit, dass sich die Weiterfahrt noch etwas länger verzögern würde. Jürgen Petersen war ein stoischer Pragmatiker, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte. Er hatte nach dem ersten kurzen Überraschungsmoment seine Lage analysiert, festgestellt, dass er nichts ändern konnte, hatte Sebastian informiert, und musste jetzt einfach nur abwarten, wie und wann es weiterging.

Auch das ältere Ehepaar schien die Angelegenheit eher gelassen anzugehen. Sie saßen schweigend nebeneinander und starten vor sich hin. Nur ab und zu schauten sie sich kurz an, wechselten aber kein Wort miteinander.

Verstohlen beobachtet Jürgen Petersen die zwei. Sie mussten Ende sechzig, Anfang siebzig sein. Beide waren schlank und von mittlerer Größe. Der Mann hatte kurzes, ordentlich gescheiteltes weißes Haar und trug einen grauen Anzug, ein hellblaues Hemd mit einer blass-gelben Krawatte. Seine Frau war mit einer dunkelblauen Jacke, unter der sie eine rosafarbene Bluse trug, und einem beigen Rock bekleidet. Ihre graublonden Haare hatte sie nach hinten gekämmten und zu einem Dutt zusammengesteckt.

Irgendetwas kam Jürgen Petersen an den beiden merkwürdig vor. Ihre Blicke erschienen ihm seltsam leer und ausdruckslos zu sein. Auch irritierte ihn zunehmend, dass sie sich immer nur kurz ansahen, aber kein Wort miteinander wechselten. Andererseits musste er dann auch wieder schmunzeln, als er beobachtete, dass jeder der beiden eine Thermoskanne dabei hatte, aus der sie sich fast schon synchron heißes Wasser in ihre Becher gossen, in die sie zuvor gleich mehrere Teelöffel Instant-Kaffee getan hatten, und diese dann in einem Zug ausleerten. Es war fast schon ein Déjà-vu.

Nun meldete sich wieder die Leitstelle zu Wort, entschuldigte sich für die Unannehmlichkeiten und bat weiterhin um Geduld. Jürgen Petersen schickte noch einmal eine Nachricht an Sebastian und bat ihn, mit dem Frühstück schon mal anzufangen.

„Nö, ich warte auf Dich und gönne mir noch ein paar Kaffee“, lautete kurz darauf die Antwort. Petersen versuchte, sein amüsiertes Prusten hinter einem Hustenanfall zu verstecken. Nein, Sebastian hatte sich wirklich nicht verändert, was diesen Punkt betraf. Ob er wohl mit den beiden Alten irgendwie verwandt war? Diese hatten aus ihren Taschen jeweils eine zweite Thermoskanne herausgezogen und sich weiterhin einen Kaffee nach dem nächsten aufgegossen. Doch irgendetwas war anders als noch vor ein paar Minuten. Die Frequenz, in der sich die beiden ansahen, nahm zu. Sie schienen nun doch nervös zu werden, redeten aber weiterhin kein Wort miteinander.

Jürgen Petersen holte die Zeitung wieder hervor und blätterte sie erneut nur oberflächig durch. Doch diesmal fiel ihm ein Foto ins Auge, auf dem er Sebastian entdeckte. Es war ein Bericht über die Tagung, an der er teilgenommen hatte. Irgendein Treffen von führenden Astro-Physikern aus aller Welt. Ja, sein alter Studienfreund hatte es weit gebracht. Er ging nach dem Studium in die Forschung, wo er sich einen Namen machte.

Plötzlich stutzte Petersen. Im Hintergrund des Fotos entdeckte er jenes Ehepaar, das mit ihm im Abteil saß. Sie schienen auch auf dieser Tagung gewesen zu sein. ‚Merkwürdiger Zufall‘, dachte er und schaute erneut zu den beiden Alten hinüber. Bei ihrem Anblick erstarrte er.
Die beiden hatten sich deutlich verändert. Da saßen zwei Wesen mit blass-grauer Haut und ohne erkennbare Gesichtszüge. Ihre Augen sahen aus wie große schwarze Punkte. Sie hatten keine Nasen mehr und nur noch eine kleine Mundöffnung. Petersen konnte an ihren Händen lediglich drei knochige Finger erkennen. Auch ihre Körper hatten sich deutlich verändert. Sie waren noch dünner geworden, so dass die Kleidung schlaff an ihnen herunter hing.

Wieder schauten sie sich schweigend an. Mit zitternden Händen gaben sie erneut Instant-Kaffee in ihre Becher und gossen ihn mit den letzten Tropfen Wasser aus ihren Kannen auf.

Jürgen Petersen wagte kaum zu atmen. Er konnte nicht anders als die beiden unaufhörlich anzustarren. Auch sie blickten nun mit ihren ausdruckslosen Augen zu ihm hinüber. Dann begannen sie damit, sich die letzten Krümel des Instantpulvers in ihre Mundöffnungen zu füllen. Petersen überlegte fieberhaft, was er tun sollte. Doch bevor er noch irgendetwas unternehmen konnte, lösten sich die beiden scheinbar in Luft auf. Nur ihre Kleidung blieb dort liegen, wo sie gerade noch gesessen hatten.

Regungslos verharrte Jürgen Petersen auf seinem Platz. Er konnte nicht begreifen, was er da soeben gesehen hatte. Nach einer Weile stand er auf und ging zu den Plätzen der beiden hinüber, nahm sein Smartphone und machte ein Foto von der Kleidung, die dort lag. Gleichzeitig fragte er sich, was er da eigentlich machte. Diese Geschichte würde ihm sowieso niemand glauben, da half auch ein Foto von Klamotten, die auf zwei U-Bahn-Sitzen lagen, nicht weiter.

Er setzte sich auf seinen Platz zurück und versuchte, die innere Balance wiederzufinden. Doch das gelang ihm nur mäßig. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um das, was er da gerade erlebt hatte. So konfus war er noch nie gewesen.

Ein paar Minuten später fuhr die Bahn wieder an, und nach gut zwanzig Minuten betrat er das Café, in dem Sebastian auf ihn wartete.
„Na, da bist du ja endlich!“, begrüßte dieser ihn freudestrahlend. „Schön, dass wir uns endlich mal wiedersehen!“
Jürgen Petersen nickte und lächelte gequält.
„Was ist denn mit dir los? Hast wohl wieder nicht ausgeschlafen, oder?“ Sebastian lachte laut auf. „Trink erst mal 'nen Kaffee, damit die Lebensgeister in dir geweckt werden.“
Jürgen Petersen bemühte sich, das eben Erlebte in den Hintergrund zu schieben und sich auf das Gespräch mit Sebastian zu konzentrieren. Doch immer wieder schweiften seine Gedanken ab.
„Also irgendwas ist doch los mit dir. Nun erzähl schon, was dir auf der Seele liegt“, unterbrach dieser irgendwann seinen eigenen Redefluss.

In Erinnerung und Vertrauen auf die wirklich gute Freundschaft, die einst zwischen den beiden bestanden hatte, begann Jürgen Petersen langsam und stockend von dem zu berichten, was gerade in der U-Bahn geschehen war. Er zeigte Sebastian das Bild aus der Zeitung und die Fotos, die er gemacht hatte. Dann schaute er ihn an.
„Und, hältst du mich jetzt für verrückt?“
„Nein“, sagte dieser ernst, um nach einer kurzen Pause fortzufahren. „Aber kann es sein, dass du in der Bahn doch kurz mal eingenickt bist und das alles nur geträumt hast?“
„Also hör mal …!“, antwortete Jürgen Petersen empört. „Und die Klamotten, die ich fotografiert habe?“
„Die können doch auch irgendwelche Leute dort liegengelassen haben.“
„Ich schwöre dir Sebastian, dass ich das alles wirklich so …“
„Lass gut sein. Ich werde es nicht weitersagen“, unterbrach ihn dieser, sichtlich darum bemüht, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. „Wollen wir jetzt endlich frühstücken? Ich kriege langsam Hunger. Vorher muss ich aber noch mal kurz verschwinden.“
Sebastian stand auf und ging zu den Toiletten. Dabei murmelte er irgendetwas vor sich her.
„Was hast du gesagt?“, rief ihm Jürgen Petersen hinterher.
„Ach nichts. Ist schon okay“, antwortete dieser und ging weiter.
Jürgen Petersen war sich aber sicher, dass Sebastian irgendetwas gesagt hatte, das wie „verdammter Instant-Kaffee“ geklungen hatte.

(Andreas Ballnus)


 


 

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2 Kommentare

von Schnacktasche
05.08.20 10:39 Uhr
Eine richtig gute, unheimliche Kurzgeschichte!

Lieber Andreas,

deine "Kaffeefahrt" hat mir super gefallen. Ich finde den Text sehr gut geschrieben, das unheimliche Gefühl baut sich beim Lesen langsam und stetig auf und das offene Ende bietet Raum für Interpretationen. Ich fühlte mich gut unterhalten und habe die Kurzgeschichte gern gelesen.

Herzliche Grüße aus HH-Tonndorf von deiner alten Dulsberger Nachbarin Sabine

von Andreas Ballnus
26.08.20 10:22 Uhr
Danke

Hallo Sabine,

schön, dass Du vorbeigeschaut hast.

Zunächst: Das "alt" wird sofort gestrichen ;-).

Über Dein Lob freue ich mich - zumal es eben nicht nur von einer ehemaligen Nachbarin kommt, sondern auch von einer Autoren-Kollegin.

Ich hoffe, dass Du Dich in Deinem neuen Zuhause wohl fühlst.

Schöne Grüße

Andreas

 

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