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Kolumne: Kann passieren ...

Duftendes Gift

Selbst ein harmlos erscheinender Einkaufsbummel kann lebensbedrohliche Ausmaße annehmen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn man allergisch vorbelastet ist. – Ein Risiko, weiß unser Kolumnist Andreas Ballnus, das bisher völlig unterschätzt wurde.

Das Betreten des Kaufhauses durch den Haupteingang kann für Asthmatiker tödlich enden. Denn dort erwartet den Kunden die Kosmetikabteilung. Riesig ist sie – vom Haupteingang bis zu den Rolltreppen inmitten der Verkaufsflächen breitet sich das Reich dieses Tempels der betörenden Begehrlichkeiten aus. Ein Umgehen ist unmöglich. Betritt der ahnungslose Konsument das Kaufhaus durch den Haupteingang, überfällt ihn sofort eine unsichtbare stickige Geruchsfront, die bis in die äußersten Winkel seiner Lunge vordringt, die Bronchien verkrampfen lässt und schlimmste Erstickungsanfälle auslösen kann.

Wenn es nicht zu vermeiden ist und man den Haupteingang benutzen muss, so empfehle ich, die Kosmetikabteilung auf einem der Seitengänge zu passieren. Das dauert möglicherweise etwas länger, doch so entgeht man am ehesten einer weiteren Gefahr, die vor allem entlang des mittleren Ganges auf ihre Opfer lauert: Nur jeweils wenige Schritte voneinander entfernt stehen dort bis zur Unkenntlichkeit geschminkte – überwiegend junge – Frauen wie auf dem Straßenstrich da und bieten ihre Dienste an. Meistens haben sie einen Streifen Papier und einen Flakon in der Hand. Sie bieten Proben an, die ihren verlockenden Worten nach höchst wohlriechend sein sollen. Doch das, was sie als „Duft“ bezeichnen, nennt der erfahrene Asthmaticus „Gift“ oder auch etwas poetischer „Duftendes Gift“, wenn er nicht gleich von „Asthma-Tod“ spricht. Er kennt es aus unzähligen Alltagssituationen wie Theaterveranstaltungen, Familienfeiern oder nur flüchtigen Begegnungen auf dem Bürgersteig. Wer also nicht suizidal veranlagt ist, sollte ablehnen und weiter gehen, wenn ihm auf seinem Weg durch das Reich der Düfte die Offerte gemacht wird, an einem dieser Papierstreifen zu riechen!

Doch besser meidet man diesen Pfad der kosmetischen Wegelagerer und benutzt den Nebeneingang. Dort allerdings wartet die Süßwarenabteilung mit ihren ganz eigenen Aromen auf ihre Opfer. Für Asthmatiker mit Übergewicht, Diabetes oder bestimmten Lebensmittelallergien bleiben dann – von dem Mitführen eines Atemschutzgerätes zum Einkauf einmal abgesehen – nur noch der Personal- oder Lieferanteneingang übrig. Doch das ist demütigend, und so empfehle ich: Kauft über das Internet ein oder lasst Lebenspartner, Verwandte, Freunde oder Nachbarn eure Besorgungen erledigen – soweit diese keine Asthmatiker sind.

(Andreas Ballnus)


 


 

Andreas Ballnus
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2 Kommentare

von Rüdiger Aboreas
24.04.15 23:40 Uhr
Neuer Aspekt

Beschrieben wie einst im Hamburger Alsterhaus. Ob es sich heute immer noch so verhält, entzieht sich meiner Kenntnis. Oder Karstadt Mönckebergstraße - nein, dort gibt es quasi zwei Haupteingänge. Wandsbek? Genau. Haupteingang, duftige Gänge, hübsche Frauen ... Aber an Asthmatiker habe ich nie gedacht. Neue Sichtweise. Die augenzwinkernde Beschreibung hält den Sachverhalt im Bewusstsein. Schön und gut. Man lernt ja nie aus.

von Andreas Ballnus
15.05.15 02:17 Uhr
Danke + Gut beobachtet!

Danke für den Kommentar!

Das Alsterhaus in Hamburg hat für diese Geschichte tatsächlich Pate gestanden.

Herzliche Grüße

Andreas Ballnus

 

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